Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 342 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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312 träges verantwortlich. Sie habe stets behauptet, daß keines ihrer Gesetze auf die Verschiedenartigkeit des Glaubens gestützt sei, und daß daher die Bedingungen des fraglichen Artikels befolgt worden seien!! Die englische Negierung habe jedoch der rumänischen Regierung Vorstellungen gemacht, um eine vollständige und praktische Interpretation des Artikels zu sichern. Das Auswärtige Amt habe keinen Grund zu glauben, daß die übrigen Unterzeichner des Berliner Vertrags eine gemeinsame Aktion mit Bezug auf diese Sache günstig anseheu würden. Derartige Debatten müßten in den anderen Parlamenten auch stattfinden und immer wiederkehren, wenn nicht die Bukarester Regierung sich endlich dazu entschließen wird, ihren jüdischen Unterthanen eine menschenwürdige Existenz zu gewähren. Das russische Centralkomitee der 6.^. hat einer: umfassenden Plan ansgearbeitet, um den in den mittelgroßen Städten Westrußlands lebenden Juden die Möglichkeit zu verschaffen, sich mit dem Ackerbau zu befassen. Die Juden sollen in der Peripherie der Städte gelegene Ländereien kaufen oder pachten, um auf denselben größere Wirthschaft zu treiben. Zu diesem Behufs wird eine größere Anzahl Agronomen angestellt werden, welche die jüdische Bevölkerung unterweisen sollte, kostbare Erzeugnisse der Garteuwirthschaft und des Obstbaues zu prodnziren, wodurch es ihnen ermöglicht werden sollte, durch Bewirthschaftung kleiner Parzellen eine auskömmliche Existenz zu gewinnen. — Die von uns vor einiger Zeit avisirten Reformen, welche von der russischen Regierung in den jüdischen zweiklassigenVolksschu len eingeführt werden sollen, bildet unter den Prvvinzialschnlinspektoren, denen diese Reform zur Zeit zur Begutachtung vorliegt, den Gegenstand einer lebhaften Kontroverse. Die der ganzen Reform zu Grunde liegende Idee ist eine sehr gesunde. Es handelt sich darum, die zweiklassigen Schulen in drei- und vierklassige umzuwandeln, und sie so zu mittleren Bürgerschulen zu erheben. Nur über das Maß der diesen Schüler: zu gewährenden Privilegien sind die Behörden unter sich noch nicht einig. Wenn die neu zu schaffenden jüdischen Bürgerschulen ihren Schülern die für alle arideren Bürgerschulen stipulirte verkürzte Dienstzeit beim Militär gewähren würden, könnten sie auf einer: sehr starken Zuspruch rechnen. Die Schüler: würden dann nicht allein von den armen Ständen, sondern auch vor: den Kindern des besserer: Mittelstandes stark befrucht werden, wodurch der übergroße und der Regierung selber sehr unangenehme Andrang zu der: Gymnasien bedeutend Nachlassen würde. Es ist zu hoffen, daß die geplante sehr vernünftige Reform zr: Stande kommen und weder an der Kostenfrage scheitern noch aus rrgend einem ariderer: rrnkvntrolirbaren: Grunde in den Sand Verläufer: wird. * In Kanada hat der Minister der öffentlichen Bauten Tarte eine Rede zr: Gunsten der Juden geholter:. Außerdem findet sich in der „Patrie", den: Hauptorgan der französischen Kanadier, ein Brief desselben Ministers, der noch charakteristischer und für die Jude:: ehrenvoller ist als jene Ansprache. Das Schreiben lautet: „Unsere jüdischen Mitbürger gehören nicht zur christlichen Religion, aber sie glauben wie wir Alle an Gott... In waS für einem freien und glücklichen Lande wir leben! Wir können das nicht oft genug wiederholen. Es ist für Völker wie für Individuen wichtig, der i Segnungen, die sie genießen, sich bewußt zu werden und sie zu schätzen/ Laßt nns Jedem das uneingeschränkte Recht gewähren, den Schöpfer I der Menschen und des Weltalls anzubeten, und wir werden dann! gewiß ein im wahren Sinne des Wortes gleichartiges Volk Werdern Wir begrüßen hier mit offenen Armen alle Diejenigen, die Willens sind, gute Bürger zu sein, unsere Gesetze zu beobachten und unsere Einrichtungen zu respektirerr. Die jüdische Kolonie in Montreal wird immer bedeutender. Sie zählt in ihrer Mitte Tausende von Bürgern, l die jedes Land glücklich sein würde, anfznnehmen. Kanada ist ei i! Land der Freiheit, der Toleranz und der Gleichberechtigung Aller." Diese Worte richten sich in erster Reihe gegen die Ant - fernsten in Karrada, die seit der Einwanderung von Juden nacy jenem Lande unaufhörlich gegen diese agitiren. Aas Wesen des Iudenthums. Von Dr. Ielski-Berlin, l. ie alte Streitfrage über das Wese» des Judenthums, übe, welches schon Priester und Propheten, Sadducäer, un > Pharisäer, Schammalten und Hilleliten auseinander gingen, ist bekanntlich in unserer Zeit neu belebt worden durch ein ans akademischen Vorlesungen erwachsene Schrift Harnacks übe i „Das Wesen des Christenthums" und hat sogar zu einem hoffent > lich von Erfolg begleiteten Preisausschreiben geführt für diejenig Arbeit, welche unsere Religion gegenüber der christlichen in da! rechte Licht setzt, und welche in der That für uns eine Nothweudig keit ist. Dieser Nothwendigkeit aber genügen wir nicht dadurch daß wir uns über Harnack erregen und ereifern; ein solche Eifer trägt weder zur Beleuchtung unserer Religion noch zur! Befestigung unserer Stellung bei, sondern bewirkt das Gegen! theil von dem, was wir erreichen möchte». Wir wenigsten«! können die Angriffe nicht verstehen und billigen, die seine an und für sich und in ihrer Art klassische Schrift in jüdischer Kreisen erfahren hat; er hat doch wohl dasselbe Recht, sein; Religion zu vectheidigen und zu verherrlichen, wie wir es fü! uns in Anspruch nehmen, zumal ja überhaupt mit dem Begris der Religion im Unterschied von der Wissenschaft eine gewisse Ausschließlichkeit verknüpft ist, die aber nicht gleich zur Unduld samkeit und Ungerechtigkeit zu führen braucht und natürlich in keinem Falle dahin führen darf. Wer einer bestimmter j Religion mit Besinn m th eit angehört, der wird eben dadurch! mit oder ohne Willen, bewußt oder unbewußt, alle anderer mehr oder minder ablehnen; nur der Gleichgültige hat hier den Vorzug, über de» Parteien zu stehen. Schon darum kann man doch von einem christlichen Theologen billigerweisi nicht erwarten, daß er das Judenthum sür die einzig richtige für die Religion schlechtweg erkläre. Uebrigens mÄne ich, daß wir in Harnacks Schrift durch aus nicht so schlecht wegkommen, als es vielen gesinnungstreue» aber leicht empfindlichen Gemüthern erschienen ist,') im Gegen theil: mit dem Muthe der Wahrheit, wie er einem Manne der Wissenschaft, einem Forscher von seiner Bedeutung geziemt, und wie er ihn schon oftmals bewiesen, erkennt er sogar an, daß das Christenthum an und für sich nichts Neues ge bracht habe und überhaupt nicht habe bringen können. Kann, so fragt er mit Recht, der kraftvolle und tiesc Wir sind nicht dieser Meinung. Wir halten vielmehr Harnacl und seine Anhänger sür unsere gefährlichsten Gegner. Die Red.