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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-18 · Heft 29 (18.7.1902) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 29 (18.7.1902)
Date
1902-07-18
Page
Seite 341 (sequence 7)
Language
German
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341 Me Woche. Berlin, 15. Juli. ine Erscheinung, die trauriger ist als alle antisemitischen Hetzereien, und die wohl geeignet wäre, um die Aufmerksamkeit Aller, die es mit den: deutschen Judenthum ernst und gut meinen, zu erregen, wird jetzt durch statistische Daten erhärtet. Im „Reichsanzeiger" werden nämlich die ersten Angaben über das Religionsbekenntniß der Reichsbevölkerung nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 veröffentlicht. Es geht daraus hervor, daß die Zunahme der Juden sehr stark hinter der der Bekenner christlicher Religionen zurückgeblieben ist. Vergleiche mit den Ergebnissen der vorletzten Volkszählung von 1895 lassen sich nur schwer oder gar nicht anstellen, da damals die Erhebung sich nicht auf die Religionsverhältnisse erstreckte. Die gesummte Bevölkerung des Reiches betrug am 1. Dezember 1900 56 367 178 gegen 49 428470 im Jahre 1890, so daß in diesen zehn Jahren eine Zunahme um 6 938 708 Personen oder 14 Prozent stattgefunden hat. Die Zahl der Evangelischen betrug 35 231 104 gegen 31 026 810 im Jahre 1890, also jetzt 4 204 294 oder 13.6 Prozent mehr. Katholiken sind 20 327 913 gezählt gegen 17 674921 im Jahre 1890, so daß hier eine Zunahme um 2 652 992 oder 15 Prozent stattgesuuden hat. Andere Christen sind 203 678 gezählt gegen 145 540 im Jahre 1890; es hat somit eine Zunahme um 58138 oder 40 Prozent stattgefunden. Die Zahl der Israeliten ist in den letzten 10 Jahren nur von 567 884 auf 586 948, also um 19 064 oder 3,4 Prozellt gestiegen. Auf 1000 Personen kommen im Deutschen Reiche 625 hm Jahre 1890 628) Evangelische. 361 (308) Katholiken, 10 (11) Israeliten. Den Ursachen dieses Rückganges nachzugehen, ist nicht schwer. Jndeß, gleichviel wo man sie auch finden mag, in den Ausweisungen, Taufen, oder in den schlimmen materiellen Verhältnissen u. s. w., die Thatsache an sich verliert dadurch nichts von ihrem betrübenden Charakter. 4 Auch der württe mbergische Landtag hat nun sein erstes antisemitisches Intermezzo gehabt. Es scheint wirklich, als ob die Krankheit überall durchgemacht werden müßte. Schade nur, daß es gerade ein Ceutrumsredner war, der in Stuttgart die Debatte förmlich bei den Haaren herbeigezogen hat. Anlaß dazu bot die Berathung des Antrages auf obligatorische Besteuerung der Waarenhäuser. Diese Gelegenheit benutzte der Abgeordnete Egger zu einigen antisemitischen Ausfällen — allerdings ein Novum in der württembergischen Kammer —, wurde aber vom Berichterstatter, Freiherrn v. Gaisberg-Helsenberg und dem Volksparteiler Betz derart heimgeschickt, daß dem Manne diese Art von Pädagogik vorerst vergehen dürfte. Freiherr v. Gaisberg-Helfenberg, dessen Ausführungen überhaupt sich durch strenge Sachlichkeit auszeichneten, verfehlte nicht, zu betonen, er habe in seiner tanDrhrigen Praxis als Landwirth die Erfahrung gemacht, daß er manchmal leichter mit Juden Geschäfte gemacht habe als mit den eigenen Geschäftsfreunden. Er fei zwar kein Judenfreund (ist auch nicht nöthig, er braucht nur gerecht zu sein!), aber er könne nicht zugeben, daß man so von diesen Leute spreche, die doch in Gottes Namen auch Menschen seien. Diese Bemerkungen des schwäbischen Junkers wurden von allen Seiten des Hauses — selbst von den eigenen Fraktionsgenossen Eggers — mit lebhafter Zustimmung begleitet. Das erste antisemitische Intermezzo hat also für die Partei nicht gerade gut geendet. Der französische Korrespondent eines hiesigen Blattes ergeht sich über die verschiedene Art und Weise, in der in Deutschland und in Frankreich klerikale Politik gemacht wird, in folgenden auch für uns interessanten Betrachtungen, deren Voraussetzung die für Rom verlorene Wahlschlacht in Frankreich bildet. „Wohin es führt, wenn das intolerante Gelichter der Antisemiten den Ton angiebt, hat das Beispiel Frankreichs gelehrt. Der heilige Stuhl empfindet offenbar in keiner Weise die Nothwendigkeit, die gemachte Erfahrung erneuert zu sehen. Die Herren Drumont, Cassagnac 6 InU! gurrnti sind heute in Nom gewißlich noch schwärzer angeschrieben, als sie überhaupt sind. Und wenn die Antisemiten solche Resultate erzielt haben in einem Lande, das, wie Frankreich, von dem Gesichtspunkte der Zahl aus betrachtet, immer noch als katholisch zu bezeichnen ist, so wird man sich nicht schwer ausmalen können, wie wenig Grund Rom hat, den Zelotismus in einem Lande wie Deutschland zu unterstützen, das zwar als kurzweg christlicher Staat angesehen sein will, aber in konfessioneller Hinsicht, eilt protestantisches Uebergewicht deutlich erkennen läßt. Seine sträfliche Nachsicht den französischen Kongregationen gegenüber hat Rom das Ministerium Combes und dessen Politik gebracht. Rom will nicht mehr mit Leuten von der Art Drumonts zu thun haben. Sie find ihm zu gefährlich. Es hat sich andere Wortführer gesucht. General v. Lo6 hat sich in seiner so bemerkenswerthen Ansprache auf den Papst berufen, und dies offenbar mit Reckt und Bewußtsein Der heilige Stuhl will die klerikale Frage in Deutschland so lösen, daß er ihre Aufrollung überhaupt verhindert. Er will sie von vornherein vermieden wissen, und zwar durch die Duldung, die die Anhänger der verschiedenen Bekenntnisse einander schuldig sind, und durch die Gleichstellung aller Bürger, ohne Unterschied der Religion, nicht nur vor dem Gesetze, sondern hauptsächlich vor dem Geiste, in dem das Gesetz gehandhabt wird. Von den beiden Methoden ist diejenige, welche zu der Loä'schen Rede geführt hat, entschieden die bessere. Sie hätte sich in Frankreich auch bewährt. Man wird sich das in Nom mit Bedauern sagen, wenn man die Rede Combes in der französischen Kammer liest. Aber alles will gelernt sein. Wenn indeß, wie es scheint, die Ueberlegnng und die Toleranz sich doch endlich Anerkennung verschaffen, so muß man diese Thatsache ohne Hintergedanken mit Freuden willkommen heißen." 4 Im englischen Parlament ist in neuester Zeit, wie wir es vorausgesagt haben, zuerst und schon zweimal die völlig anormale Lage der Juden in Rumänien zur Sprache gebracht worden. Am vergangenen Donnerstag berührte der liberale Abgeordnete Henry Norman anläßlich einer Debatte über die auswärtige Politik die Lage der rumänischen Juden. Er sagte: „Ich möchte noch die Regierung auf Artikel 44 des Berliner Vertrages aufmerksam machen, der Rumänien verpflichtet, keinem seiner Unterthanen aus religiösen Gründen die Bürgerrechte zu nehmen. Die rumänische Negierung hat diesen Artikel in höchst schamloser und cynischer Weise verletzt. Warum hat England keine Schritte gethan, um Rumänien an seine Pflicht zu erinnern?" In derselben Sitzung interpellirte Kapitän Jessel gleichfalls wegen des Artikels 44 des Berliner Vertrages. Lord Cranborne erwiderte, daß die Regierung Ihrer Majestät immer von Neuem in Bukarest nach der Richtung hül vorstellig geworden wäre, um eine loyale Interpretation des Artikel 44 des Berliner Vertrages zu erzielen, der den rumänischen Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung sichert. Lord Cranborne fügte hinzu, „daß das Foreign Office fortfahren würde, Schritte zu tynn, die sie für die geeignetsten halte, um die strikte Durchführung des Artikels 44 zu erzielen." Die rumänische Regierung sei für die Befolgung der erwähnter: Bestimmungen den Unterzeichnern des Berliner Ver-

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