Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 340 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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340 aus die weibliche Jugend zu wirken, sie zur Arbeit zu erziehen. Der Noth und dem Elend, welche die Hauptursachen dieses entsetzlichen Uebelstandes sind, muß gesteuert werden. Redner faßt zum Schluß in drei Thesen die Maßregeln zusammen, welche der Rabbinerverband treffen solle: 1. Der Rabbinerverband würdigt die Bestrebungen zur Bekämpfung des Mädchenhandels und spricht namentlich seine Befriedigung darüber aus, daß die Komitees in London und in Hamburg mit Ernst und Energie alles ausbieten, um dem Mädchenhandel wirksam entgegenzutreten. 2. Der Rabbinerverband unterstützt diese Bestrebungen zunächst dadurch, daß seine Mitglieder die freundschaftlichen Warnungen an allein reisende Frauen und Mädchen zahlreich unterschreiben. 3. Der Nabbinerverband beschließt, ein dringliches Schreiben zunächst an die galizischen und russischen Rabbiner zu richten, worin sie nochmals, wie in einem ähnlichen, bereits früher ergangenen Aufruf, auf die große Gefahr aufmerksam gemacht und zur wirksamen Bekämpfung derselben aufgefordert werden. Eventuell sollen zunächst die galizischen Rabbiner in diesem Schreiben aufgesordert werden, zu diesem Zwecke eine Rabbinerkonferenz in Galizien einzuberufen, die dann unsererseits beschickt werden soll. Hierauf trat die Mittagspause ein. In der Diskussion bemerkte F re u n d-O str o w o, der als Grenzrabbiuer einen Einblick in die Verhältnisse hat, daß die Quelle des Uebels verstopft werden müsse. Schuld seien an allein die sozialen Verhältnisse. Wir müssen den Armen dort eine Existenz ermöglichen, dann werden wir auch ihre Töchter vor Schändlichkeitn bewahren. C o h n-K a t t o w itz meint, daß alle Resolutionen und Warnungen aus dem Papier nichts helfen würden. Auch in Kattowitz habe sich ein Komitee gebildet, habe aber nur sehr wenig erreicht. Auch die peinliche Wachsamkeit der Grenz- und Eisenbahnbehörden nütze nichts, da die Händler meistens mit so guten Papieren ausgerüstet sind, daß Ulan ihnen nichts anhaben kann. Ein Mittel gäbe es vielleicht. Man soll die armen Leute, welche in den Grenzstädten Sosnowice und Oswicciem den Händlern als Hehler dienten, durch Geldanerbietungeu gewinnen, ihre Auftraggeber zu nennen, und so das Netz der Händler zu durchbrechen. Diese armen Leute würden, wenn ihnen ein ehrlicher Erwerb ermöglicht werde, zu gewinnen sein?) Das klingt freilich ganz anders, als nach den Berichten der Tagesblätter, die sich gierig des Stoffes bemächtigten, anzunehmen war. Inzwischen hat der Vorstand des Verbandes an die „Frankfurter Zeitung", die mit einer durch keinerlei Sachkenntniß getrübten Objektivität schlankweg behauptet hatte, die Speisegesetze trügen an dem Mädchenhandel die Mitschuld, folgende Berichtigung geschickt: Frankfurt a. M., 9. Juli 1902. Herr Redakteur! Gestatten Sie mir in in Bezug aus Ihre Ausführungen zu der in der Rabbinerversammlung behandelten Frage des Mädchenhandels die Bitte um Aufnahme der folgenden Erwiderung: 1. Sowohl der Referent, Nosenak-Bremeu, als alle Redner, die zu der Frage das Wort genommen hatten, betonten, daß in erster Linie nur eine Besserung der sozialen Lage das furchtbare Nebel lindern könnte, und daß wir Rabbiner uns mit aller Kraft den Bestrebungen anschließen müssen, die von den bereits bestehenden Organisationen ausgehen. Die Resolutionen bezogen sich nur auf die Arbeiten, die wir als Rabbiner außerdem noch in Angriff nehmen müssen. 2. Die unglückliche Aeußerung Cohns (Kattowitz) wurde vom Vorsitzenden und von anderen Rednern unter einmüthiger Zustimmung der Versammlung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen, obgleich sie, wie die Erklärung Cohns am zweiten Sitzungstage zeigte, anders gemeint war, als sie aufgefaßt wurde. 3. Daß die „Speisegesetze" aus die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung des Ostens voll schädlichem Einfluß wären, wurde noch von keinem Kenner der Verhältnisse behauptet. Die Leute dort wären glücklich, wenn sie das trockenste Brod zu essen hätten, dessen Zubereitung von keinem Speisegesetze berührt wird. Der Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland. I. A.: Rabbiner Dr. Horovitz. Loeb-Emden meint, daß das ein gefährliches Mittel sei. An der weiteren Debatte betheiligen sich noch Goldschmidt-Offenbach. Goitein- Birkundstadt, Werner-München, Finkel-Pasewalk, Rülf-Bremen. Es wird besonders gewünscht, daß auch ein Vertreter des Rabbinerverbandes an dem nächstens in Frankfurt stattfindenden Kongresse theilnehmen solle. Dr. Horovitz hofft es ohne große Schwierigkeit zu erreichen, daß er auch offiziell zu dem Kongresse eingeladen wird. Hierauf referirt Dr. Werner-München: Bethätigung des Rabbiners an der Lösung sozialer Ausgaben in der Gemeinde. Die soziale Frage, welche in unserer Zeit alles beherrscht, gehört als eine eminent ethische in das Gebiet der Religion. Das Judenthum ist eine soziale Erscheinung. Wir brauchen als Rabbiner nicht in der allgemeinen sozialen Thätigkeit aufzugehen. Wir haben als solche unsere besondere Pflichten. Wir müssen da in erster Linie thun, was Pflicht eines jeden Theologen ist. Die soziale Frage, sagt Roscher, kann erst gelöst werden, wenn das religiöse Bewußtsein geweckt wird. Wir können die Kanzel, das Katheder gebrauchen, um versöhnend und mildernd einzuwirken. Es gab eine Zeit, wo unter uns Juden alles Kaufmann werden wollte. Dann wurde das Studium bevorzugt. Dann traten hochherzige Philanthropen auf. Der Eine wollte die jungen Leute sämmtlich dem Handwerk, ein Anderer der Landwirthschaft zuwenden. Wir sollen dafür sorgen, daß Jeder dem Berufe zugeführt werde, für den er am meisten Neigung zeigt. Wir müssen weiter für die schulentlassene Jugend sorgen. Wir müssen jüdische Jünglings-, jüdische Studentenvereine gründen und. wo vorhanden, zu fördern suchen. Die letzteren sind ein Produkt des Unglücks, der gegnerischen Angriffe, sind aber zu einer Quelle des Segens geworden. Wir müssen uns der Mädchen annehmen, müssen besonders Denen, die einmal aus Noth oder Leichtsinn gefehlt, aufzuhelfen suchen, ihnen fern vom Orte ihres Falles Beschäftigung zu verschaffen suchen. Das neue Fürsorgegesetz bietet uns reiche Gelegenheit zu nützlichen! Eingreifen. Wir müssen uns aber nicht nur der Schwachen und Gefallenen annehmen, wir müssen auch Vorbeugen, daß die Gesunden und Kräftigen nicht in eine Nothlage gerathen. Arbeitsnachweise, Darlehnskasseu sind wichtiger als Wohlthätigkeitsvereine. Aber unsere Thätigkeit erstreckt sich noch über die Gemeinden hinaus. Wir müssen den Brüdern im Osten Helsen und alle jene Vereine, die sich dieserAufgabe widmen, mit Thatkrast fördern, so die ^IliuneSLsraolLt^, die seit zehn Jahrzehnten im Dienste der Menschenliebe steht, den Hilfsverein der deutschen Juden, den Verein Lemaan Zion, der das Handwerk im heiligen Lande verbreiten will, den vortrefflichen Esraverein. Wenn wir in diesem Sinne zu wirken suchen, so vermehren wir den Frieden in unserem engeren und schließlich auch in weiteren Kreisen. Jeder entwickele mindestens auf einem Gebiete eine soziale Thätigkeit. dann wird der Rabbinerverband ein sozialer Faktor im Judeuthum und im Vaterlands werden. In der sich an den Vortrag anknüpfenden Debatte theilt Plaut- Frankfurt a. M. einiges aus seiner sechzehnjährigen Praxis als Gefängnißgeistlicher mit. Lewit-Birkenfeld hält es für die Aufgabe des Rabbiners, darauf hinzuwirken, daß die jungen Mädchen einem praktischen Berufe zugeführt würden. Namentlich der Beruf der Krankenpflegerin sei sehr 'zu empfehlen. Rose nak-Bre men macht auf den Mangel einer Anstalt für ärmere jüdische Geisteskranke aufmerksam. Sayn bei Koblenz sei nur für Wohlhabende. Auerbach-Halberstadt. Cohu-Kattowitz, Loeb-Emden, Frank-Köln fordern eine energische Unterstützung der Schomre Schabbosvereine seitens des Nabbinerverbandes. Nach einem gemächlichen gemeinsamen Mittagessen in dem Restaurant von Westheimer, versammelten sich die Rabbiner in den Räumen der Stadtbibliothek, wohin sie zur Eröffnung der Ausstellung seltener hebräischer Druckwerke eingeladeu waren. Der Direktor der Stadtbibliothek, Professor Dr. Ebrard, begrüßte die Versammelten herzlich. In der zweiten Sitzung erstatteten Eichelbacher über die religiöse Fortbildung der Jugend, Munk über die Reliktenkasse, Prager über die Seelsorge der Strafgefangenen ausführliche Referate, die wir in der nächsten Nummer bringen werden. Im Anschlüsse an die Generalversammlung fand am 9. d. M. eine Mitgliederversammlung der Vereinigung liberaler Rabbiner in Deutschland statt, die sehr zahlreich besucht war, und in der sehr eingehende und interessante Diskussionen stattgefunden haben. Ausführlicher Bericht folgt demnächst.