Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1902)
- Date
- 1902-07-18
- Page
- Seite 339 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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339 neueren Darsteller des Judenthnms wagen selbst nicht mehr zu behaupten. daß das Christenthmu etwas Neues geschaffen habe. Aber es gebe im Judenthum so vieles, wodurch das ideale Element getrübt und verdunkelt werde. Der Stifter des Christeuthums habe ans dem Chaos das Ewige und Göttliche herausgefuuden und zur Geltung gebracht. Den Verkündigungen des Evangeliums werden die Gesetze des Talmuds gegenübergestellt. Aber der Heils- und Sitteulehre des Evangeliums darf man nur, wenn man überhaupt von der Bibel Absehen will, die Heils- und Sitlenlehre des Judenthums gegennbersiellen, die auch im Talmud enthalten ist. Dein Talmud stehen die Werke der Kirchenväter, das kanonische Recht gegenüber. Man behauptet, durch die jüdische Ueberlieferung werden die Ideale des Orophetismus verdunkelt. Es steht den christlichen Theologen nicht un. uns vorzuwersen. daß wir die jüdische Ueberlieferung destilliren. um die Existenzberechtigung des Judenthums nachzuweisen. Das Zudenthum verzichtet darauf, überschwengliche Ideale aufznstellen. die chließlich ohne Einwirkung auf das Leben bleibell. Auch die Ideale des Judenthums sind nicht zur vollen Verwirklichung gekommen. Aber niemals hat es bei uns eine so tiefe Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit gegeben, wie sie heute bei anderen Konfessionen wahrunehmen ist. Die Ethik des Judenthnms ist aus erreichbare Ziele gerichtet, und gerade das Ceremonialgesetz hat dazu beigetragen, die eligiösen Ideale in das Leben der Bekenner einzuführen. Das Jndenhum will die Vermittelung zwischen dem sensuellen und dem spirituellen Theil des menschlichen Wesens. Es hat seinen Schwerpunkt deshalb uiemals ausschließlich in das Gotteshaus verlegt. Es hat seinen Tempel in der Familie begründet. Das ist die Tendenz des Ceremonialzesetzes. Es will die Ideale zur lebendigen Ausprägung bringen. Das Judenthum hat sich nicht gescheut, eine Gesetzesreligion zu sein. Darum hat es auch einen so tiefen Einfluß auf seine Bekenner ausgeübt. Aber auch nach allsten hin ist es nicht ohne tiefgreifende Einwirkung geblieben. Die alexandrinisch - jüdische Philosophie ist von gewaltigem Einfluß aus das Nrchristenthum und die Kirchenväter gewesen. Die großen Theologen des Mittelalters standen unter dem Banne jüdischer Denker. Die Franziskaner wandeln in den Spuren Habirols, die Dominikaner in denen des Maimonides. Letzterer überzeugte sie davon, wie nützlich das Studium des Aristoteles für die Zehre der Kirche sei. Albertus Magnus, Thomas von Aguino sind Maimollides' Schüler, ohne ihn auch nur im Entferntesten an Originalität der Gedanken zu erreichen. Zu Zeit der Renaissance hat sie Kabbala die Geister in mächtiger Weise angeregt und angezogen ine Einwirkung, die noch lange nicht in ihrer ganzen Tragweite siostgelegt ist. Jüdische Gelehrte haben die Kenntnis; der griechischen md arabischen Schriftsteller vermittelt. Durch die Keuntnißnahme 'er Werke jüdischer Theologen ist das Verständniß der Bibel erschlossen worden. Das Judenthum dauert fort, weil es seine weltgeschichtliche Mission noch nicht vollendet hat, weil die Menschheit seiner noch nicht eutrathen kann. Wohin zielen die kühnsten Ausklärungsversuche unserer Zeit als auf eine Entlastung der Gottesidee von den späteren Zu- Ihaten, als aus eine Wiederherstellung der reinen Gottesidee. Aber das Judenthum will nicht alleinseligmachend sein. Die Frommen aller Völker werden der ewigen Seligkeit theilhaftig. Wir wollen ruhig unseres Weges ziehen. Aus vollem Herzen stimmen wir den Worten Moses Mendelssohns zu: Wie glücklich würden wir ein, wenn alle Menschen die Wahrheiten anerkennen würden, die den besten Juden und Christen gemeinsam sind. Israel ist ein auserwähltes Volk, sowie jedes Volk auserwählt ist. Die nationalen Chauvinisten haben gewiß kein Recht, uns aus diesem Glauben einen Vorwurf zu machen. Wir sind erwählt als Träger der Gottesidee, welche dazu bestimmt ist, schließlich die Schranken der Nationalität zu durchbrechen. Der Fortschritt der Menschheit läßt sich nicht aushalten. Aus geheimnißvollen Wegen führt uns die Vorsehung dem Ziele entgegen. Rauschender Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen des Vortragenden. Die Versammlung beschließt, dieselben durch keine Diskussion abzuschwächen. Ein Antrag, den Vortrag dem Drucke zu übergeben, wird angenommen. Es folgt nun das Referat des Dr. R o sen ak * Bremen: Zur Bekam PfungdesMädcheu Handels. Der Gegenstand seines Referates sei zwar nicht sehr erfreulicher Natur, aber er dürfe nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Es sei Pflicht der Rabbiner, alles Schadhafte "uszubessern. Sie müßten den Vorwürfen der Gegner begegnen, als sei es ihnen nicht Ernst damit. Besser, selbstbewußt einer Gefahr entgegentreten, als sie wachsen lassen, bis es unmöglich ist, sie zu beseitigen. Als vor zehn Jahren zum ersten Male davon die Rede war. daß Juden vornehmlich dieses Geschäft betrieben, und daß jüdische Mädchen vielfach die Opfer, seien sie schmerzlich davon ergriffen gewesen. Sie hatten es wegen der Reinheit des jüdischen Familienlebens nicht für möglich gehalten. Es sei aber leider doch vieles wahr an diesen Behauptungen. Es werde ein regelmäßiger Handel getrieben, der von den verworfensten aller Menschen vollständig organisirt sei. Unter allerlei Vorspiegelungen werden die jungen Mädchen ins Ausland gelockt. Stellen werden ihnen angeboten. Heirathen in Aussicht gestellt. Nicht selten heirathen die Elenden selbst die Mädchen und überlassen sie dann ihrem traurigen Schicksal. Es sei ihnen schwer beizukommen. große Summen stehen ihnen zur Verfügung. Sie wissen sich überall Eingang zu verschaffen, legen sich die Namen hervorragender Gesellschaften, philantropischer Vereine bei. Als Unterstützungsvereine hätten sie sogar Anerbietungen gemacht, an dem Werke zur Bekämpfung des Mädchenhandels mitzuarbeiteu. Die unglücklichen Opfer gehen nach ein oder zwei Jahren zu Grunde Erstaunlich groß ist ihre Zahl. Tausende und Abertausende werden zur Schlachtbank geführt, hauptsächlich nach Südamerika, nach Rio, Montevideo, Buenos Aires. Dort führe eine Straße, wo viele Tausende von ihnen dahinsiechen, den Namen Blut- und Thränenstraße. Selten gelaugt ein Schreiben von ihnen an seine Bestimmungsadresse. Die Briefe werden unterschlagen. Es giebt ein besonderes Bureau, welches die Antworten fälscht. An eine Flucht ist nicht zu denken. Gelangt ein Brief doch an seine Adresse, dann ist es meist zu spät zur Hilse. Die Unglücklichen schämen sich auch, zu ihren Eltern zurückzukehren. 40 Prozent sind Polen. 15 Prozent Russen, 11 Prozent stammen aus Italien, 10 Prozellt aus Ungarn, 8 Prozent aus Deutschland, 5 Prozent aus Frankreich, 4 Prozellt aus Spanien und 3 Prozent aus Argentinien. Unter den Besitzern sind Russen am meisten vertreten. Der Handel erstreckt sich außerdem auch aus Südafrika, Indien. Aegypten, Japan, China. Bei solchen Zuständen könne man nicht theiluahmslos bleiben. Zwei jüdische Vereinigungen haben sich zur Bekämpfung des Mädchenhandels gebildet, die Aensirli ^8socmtion in London, das Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels in Hamburg, eine Schöpfung der Bne Brith-Logen. Das Londoner Komitee wollte sich zuerst nur mit den lokalen Fällen abgeben. Ein Heim für obdachlose Mädchen wurde begründet. Nach und nach dehnte sich seine Thätigkeit auch auf Diejenigen aus. welche in Schiffen ankamen. Zwei Hafenagenten wurden angestellt, die Mädchen abzuholen und ins Mädchenheim zu bringen. Sie sollen sich auch über die Nespektabilität der Leute, zu denen sie kommen, unterrichten. Ein Damenkomitee ist gebildet, welches die Mädchen besucht und ihre Aufnahme und Behandlung beobachtet. Man will ans jede Weise dem Unheil Vorbeugen. 1901 wurde 757 Mädchen Hilfe geleistet, 573 wurden ihren Familien zugeführt, 184 in Ermangelung irgend welcher Adressen im Honse nntergebracht, in 96 Fällen wurde auch nichtjüdischen Mädchen Hilfe geleistet. Das ist nur ein Bruchtheil der Thätigkeit, der sich auf alle Theile der Welt erstreckt. Am 16. Mai 1897 wurde das Komitee in Hamburg begründet. An der Spitze stehen Gustav Tuch und Sanitätsrath Maretzki-Berlin. Es arbeitete in den erstell Jahren in aller Stille. Dann entschloß man sich aber, all die Oeffentlichkeit zu treten. Tuch übersetzte die Hanpttheile des Lnparar, eines portugiesischen Werkes, welches einen Einblick in das Schicksal der weißen Sklavinnen, der Kaphteu, gewährte. Sie kamen in den Besitz vieler Namen von Müdchenhändlern und zur Kenntniß ihrer raffinirten Kunstgriffe. 21.—23. Juni 1899 tagte ein internationaler Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels, dem die Kaiserin von Deutschland, der russische Kaiser und die Königin von Schweden ihre Sympathien zuwandten. Im russischen Komitee befand sich ein Jude, der Baron von Ginsburg. Auch das Hamburger Komitee wurde anerkannt, Maretzki kooptirt. Es wird auch ans dem demnächst in Frankfurt stattfindenden Kongreß vertreten sein. Mall habe schon versucht, in Galizien zu wirken. Vom Rabbiner Rosenthal in Breslau sei ein Aufruf an mehr als 500 galizische Rabbiner und Gemeinden versandt worden. Allein reisende Frauen und Mädchen werden darin besonders gewarnt. Die deutschen Rabbiner sollen sämmtlich ihre Unterschriften geben, um dadurch den galizischen einen Ansporn zu geben. Sendlwtinnen sollen nach Galizien entsandt werden, um dort