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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Wächter, dem die ganze Schuld an dem Nuin der Bank beigemessen wird, einer der eifrigsten Antisemiten war. Also wieder einer! --- München, 6. Juli. Durch Beschluß des Bezirksamts Obernburg vom 28. November v. I. war der Anspruch der israelitischen Kultusgemeindeverwaltung gegen den Schneidermeister Sigmund Wähler in Kleinwallstadt aus Zahlung eines Einkaufsgeldes an die Kultuskasse als unzulässig zurückgewiesen worden, und zwar mangels des von der Kultusgemeinde geltend gemachten Besteneruugsrechtes gegenüber den Kultusgemeindemitgliedern. Auf die gegen den bezirksamtlichen Beschluß von der Kultusgemeindeverwaltung Kleinwallstadt erhobene Beschwerde wurde vom Verwaltungsgerichtshof dieser Beschluß dahin abgeändert, daß Wähler verpflichtet sei, den statutenmäßlgeu Kultusbeitrag von 80 Mark an die Kasse zu entrichte»; die Beschlußgebühren beider Instanzen wurden auf 3 Mark beziehungsweise 10 Mark festgesetzt. Nach den Entscheidungsgründen ist das Besteueruugsrecht beziehungsweise die Finanzgewalt der Kultusgemeindeverwaltung gegenüber ihren Mitgliedern nicht zu bestreiten, und steht diese Befugniß auch nicht mit den Bestimmungen des Judenediktes in Widerspruch. Wie der Gerichtshof in wiederholten Entscheidungen ausgesprochen hat, bilden derartige Aufnahme- und Eintrittsgebühreu ein Aequivalent für die mit der Kultusgemeindezugehörigkeit verbundenen Vortheile, und ist die Befugniß zur Erhebung von Gebühren für die Ausnahme in deg KultuSgemeindeverband gesetzlich begründet. Diese Befugniß ist ein Ausfluß der gemeindlichen Autonomie. Auch das Gewohnheitsrecht spricht für diese Besteuerungsbefugniß. Es handelt sich zugleich um die organische Fortdauer von zum Theile mit großem Aufwands geschaffenen Einrichtungen, wozu lediglich freiwillige Beiträge nicht ausreichen. Die Bestreitung der Kultusbedürfnisse kann nicht von der Willkür und dem guten Willen Einzelner abhängig gemacht werden. Diese gewohnheitsrechtliche Finanzgewalt und das Besteueruugsrecht wurden auch stets anerkannt und nur unter verwaltungsrechtlichtzn Schutz gestellt. Wähler ist seit 1890 von auswärts nach Kleinwallstadt gezogen, hat sich dort verehelicht und Wohnsitz auf unbegrenzte Dauer genommen. Hiermit sind aber die Voraussetzungen zur Entrichtung des statutenmäßigen Einzugsgeldes gegeben. 5. Karlsruhe, 3. Juli. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß auch die mittleren israelitischen Gemeinden Deutschlands in den Werken der Wohlthätigkeit nie zurückstehen. Hier in Karlsruhe sind in den letzten Jahren, dank der aufopfernden Bemühung des Herrn Stadt- und Konferenzrabbiuers Dr. Appel, große Summen zur Milderung der Noth im Osten gesammelt worden. Auch jetzt war die badische Residenz eine der ersten Gemeinden, in denen sich die Mildthätigkeit für die Opfer der Feuersbrunst in Bobruisk regte. Es ist Herrn Dr. Appel gelungen, eine größere Summe für diese schwergeprüften Glaubensgenossen zu sammeln. Der größere Einfluß der süddeutschen Rabbiner der eine natürliche Folge ihrer staatlichen Stellung ist, erweist sich auch hierin als Segen für die Gesammtheit. Oesterreich - Ungar«. lH Wien, 7. Juli. Wie verlautet, ist der Professor am k. k. Staatsgymnasium im XVII. Wiener Bezirke, Johann Spika, welcher Ende Dezember 1901 wegen Beleidigung der Familie Kopstein durch brutale antisemitische Schimpfreden zu einer Geldstrafe verurtheilt wurde, im Disciplinarwege von seiner Lehrthätigkeit an der genannten Anstalt enthoben worden. — InBrün n ist der verdienstvolle Eisenbahn- Oberinspektor, kaiserlicher Rath Hermann Epler, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde, im Alter von 72 Jahren verschieden. Epler galt in Eisenbahnfachkreisen als eine hervorragend tüchtige Kraft; er war auch ein guter Jude; von seiner allgemeinen Beliebtheit gab auch die große Betheiligung kund, deren sich der Verstorbene anläßlich seines 50jährigen Dienstjubiläums zu erfreuen hatte. Ehre seinem Andenken! — Prof. Dr. Josef Nosenblatt in Krakau ist zum Präsidenten der 295 Mitglieder umfassenden Advokaten-Kammer Westgaliziens gewählt worden. Diese angesichts des hier grassirenden Antisemitmus doppelt bedeutsame Wahl ehrt in gleicher Weise den Gewählten wie seine Wähler. Dafür hat die Akademie der Wissenschaften in Krakau den berühmten Philologen Hofrath Prof. G ompert nicht zum Mitglied wählen können, weil Graf Tarnowski, der allmächtige Führer der Stanczhkenpartei gegen die Wahl eines Juden entschieden opponirte. — Moritz Szatmari wurde bei der Ersatzwahl in Margitta (Ungarn) zum Neichstagsabgeordneten gewählt. —. Der Bankpräsident Ferdinand von Beck deMa daras in Budapest erhielt den Titel Hofrath. — Der unlängst mit dem goldenen Ver dienstkreuz ausgezeichnete Dr. Herrmann Schnitzler feierte ani 25. v. Mts. sein vierzigjähriges Jubiläum als Rabbiner der Stadt Komoru. Der Jubilar erhielt zahlreiche Glückwünsche, darunter von: Minister Darünyi, vom ev. Bischof von Papp, dem Dichter Jokai, Grc-f Tisza u. A. — Aon Aah und Fern. — Der Rechtsanwalt Dr. Benno Mühsam hat den türkische: Medschidje-Orden II. Klasse, der Professor Dr. Marlin Mendelssohn den serbischen Sabbas-Orden III. Klasse erhalten. — Für diö jüdische Gemeinde Berlin wurde Kantor Kali scher aus Danzig engagirt. — Am 4. d. M. wurde wieder eine Pü ckler-Versammlung nach den üblichen Aufforderungen „alles zu vernichten und zu zerschmettern, das wagt, uns Widerstand zu leisten", aufgelöst. — Au: 10. d. M. feierte der Inspektor der jüdischen Altersversorgungsanstalt in der Hamburgerstraße, Lehrer Louis Blum ent hal, seinen 70. Geburtstag.—KantorSi gis mun d Co h n in Kreuzb ur g ist zum Oberkantor in Königshütte gewählt worden. — In Natib vr wurde der Spediteur Adolf Cohn zum Vorsitzenden der Stadtverordneten- Versammlung gewählt. —ProfessorDr.H.Mink o wski, Dozent für höhere Mathematik am Zürcher Polytechnikum hat einen Ruf an die Universität Göttin gen erhalten und angenommen. — Die letzte Volkszählung in Ungarn im Jahre 1900 hat ergeben, daß von den 19254559 Einwohnern Ungarns 851 378 sich zum Judenthum bekennen. Demnach betragen die Israeliten 4-'/io Prozent der gesammten Bevölkerung. Im letzten Decennium des abgelaufeneu Jahrhunderts vermehrten sich die Israeliten Ungarns um 126 156 gleich 14,84 Prozent. Gegenüber der vermehrten Volkszahl beträgt jedoch die Zunahme der Israeliten blos - io Prozent. —- GrafPückler hat, wie mitgetheilt, in seiner am 6. Juni in Berlin gehaltenen Rede einen Gastwirth in einem Orte bei Basel des Giftmordversuchs gegen ihn beschuldigt. Wie dem „Niederschles. Anz." aus Basel gemeldet wird, handelt es sich dabei um den Wirth des Gasthofs „Zum Löwen" in Hauptweil, Jean Etter, der sich des besten Rufes erfreut. Dieser will den Grafen Pückler wegen verleumderischer Beleidigung zur Rechenschaft ziehen. Dasselbe beabsichtigen die beiden christlichen Büreauangestellten aus Hauptweil zu thun, mit denen Gras Pückler allein im Etter'schen Gasthof am Tisch saß; die Herren wurden beide von ihm nachträglich in der famosen Rede der An stiftung zum Giftmorde beschuldigt. — Die Vertreter der jüdischen. Gemeinden in der Schweiz haben sich in Bern versammelt, um die Gründung eines Verbandes, ähnlich wie der D.-J. G.-B., zu erwägen.— Ein französischer Pfarrer Roussacg in Bon hat sein Amt aus Gewissensbedenken niedergelegt. In seinem Schreiben an den Bischof von Orleans sagte er unter anderem: „Schon während der Dreyfus- Affäre wollte ich mich nicht in den Nationalismus einreihen lassen und weigerte mich öffentlich, der Geistlichkeit zu folgen, die in einer Gewissensfrage der Rechte eines Unschuldigen aus Gerechtigkeit vergas; und in ihm nur den Juden sah, um hieraus ein vortheilhastes Argument für die klerikale Politik zu schmieden." — Dr. Anselm Schwarz wurde als Prosektor der medizinischen Fakultät in Paris gewählt. — General Gabriel Valensi in Tunis wurde zum Chefdolmetsch und Ordenskanzler ernanntProfessor Dr. Ern est Cohen in Amsterdam wurde zum ordentlichen Professor der Naturwissen schäften an der Universität Utrecht ernannt.—Von den englische:; Kröuungsauszeichnungen sind noch zu erwähnen: Rechtsanwalt Sn George Levis wurde zum Baronet ernannt, Mayor Matthew Nathan zum Kommandeur des Ordens von St. Michael und St. George, der englische Konsul in Budapest, Ignatz Brüll, zum Ritter desselben Ordens. — Der Stationsvorstand von Smolenshat den Juden den Aufenthalt in den Wartesälen I. und 11. Klafft des Bahnhofs untersagt, sogar wenn die jüdischen Fahrgäste Fahr karten I. und II. Klasse besitzen. — Der Zar hat den abgebrannten Juden der Stadt Bobruisk eine großmüthige Spende von 50000 Rubel bewilligt. Die Vertheilung des Geldes fand unter großer Feierlichkeit durch den Gouverneur selbst statt. — In Captown ist Rev. Joel Rabbinowitz im 74. Lebensjahre gestorben. Er war 23 Jahre Rabbiner daselbst und einer der ältesten Kolonisten in Südafrika. — In Sydney ist der bekannte und sehr geschätzte Musiker Sydney Moß, der Leiter und Vizepräsident der Philharmonischen Gesellschaft daselbst war, gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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