Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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s jährlich 500 Mark noch eine namhafte außerordentliche Beihilfe in Aussicht gestellt hatte, am 1. April d. I. geschlossen worden. Jetzt ist die Schule mit Zustimmung der Gemeinde wieder eröffnet worden, nachdem dieser noch einige Erleichterungen in Bezug auf das Grundgehalt des Lehrers von Seiten der Aufsichtsbehörde bewilligt worden ist. n. Dorlnmri-, 7. Juli. Am 29. Juni d. I. hat inDortmund der 12. ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens stattgefunden. Auf demselben waren folgende 21 Gemeinden vertre'm: Bielefeld, Bochum, Borgholzhausen, Castrop, Dortmund, Gelsenkirchen. Gütersloh, Hagen, Hamm, Herford, Hörde, Iserlohn. Münden, Münster, Rahden. Soest, Werl, Witten, Brakel. Rheda, Wattenscheid. Den Punkt 6 der Tagesordnung bildete ein Antrag des Ausschusses auf Gründung eines „Provinzialkomitees des Hilfsvereins der deutschen Juden." Auf das mit lebhaftem Beifall aufgenommene Referat des Herrn Dr. P. Nathan aus Berlin folgte eine angeregte Diskussion. Das Ergebniß derselben war, daß der erwähnte Antrag einstimmig zur Annahme gelangte. Es hat sich somit der Ausschuß des westfälischen Gemeindeverbandes als Provinzialvertretung des Hilssvereins endgiltig konstituirt. Die begeisterte Aufnahme, die die Idee des Hilssvereins auf dem Gemeindetag gesunden, rechtfertigt die Annahme, daß die Sache des Vereins, wie allenthalben in Deutschland, so auch in Westfalen Fortschritte machen wird. --- Bonn, 8. Juli. Der vom Generaloberst v. Loö erwähnte tapfere alte Husar lebt hier, er heißt Moses Bier und ist Viehhändler. Er ist im Jahre 1846 in Meckenheim geboren und trat 1868 bei der fünften Schwadron ein. Schon während des Marsches nach Frankreich war er als Ordonnanz zu General Strubberg der 30. Brigade kommandirt und der ersten Schwadron zugetheilt. er machte die Schlachten bei Gravelotte, St. Privat, die Einschließung und Kapitulation von Metz mit. Dann focht er bei Bertrancourt, wo ein Granatsplitter ihm den Stiesel vom Fuße riß, bei Amiens, bei Forcelles, bei Bucht), an der Hallue, bei Sapignies, bei Bapanme und bei Tertry- Pouillet sowie bei St. Quentin, stets als Ordonnanzreiter unter den gefährlichsten Umständen. In der Schlacht bei Bapaume wurde sein Pferd von einer Granate gestreift und niedergeworfen. Vier Pferde des nebenfahrenden Munitionswagens wurden getödtet; trotzdem hat Bier eine wichtige Meldung an General v. Göben und von diesem glücklich zurück befördert. Von General Strubberg und Loü öffentlich belobt, ist er im Herbst 1872 als Gefreiter abgegangen. Seitdem hat er sich als Handelsmann ernährt und erfreut sich unter seinen Mitbürgern allgemeiner Achtung und Beliebtheit. 1. Frankfurt a. M. 7. Juli. Heute Vormittag 9 Uhr wurde Hierselbst in der Loge Carl die zweite General-Versammlung des d eutschen Rabbinerverbandes eröffnet, die aus allen Theilen des Reiches beschickt war. Zum Vorsitzenden und Leiter der Versammlung wurde Dr. Horovitz-Frankfurt berufen, der nach Bildung des Bureaus zunächst dem verstorbenen Vorstandsmitglieds Dr. S. Auerbach einen tiefempfundenen Nachruf widmete. Alsdann ergreift Herr Rechtsanwalt Dr. Plotke das Wort, um den Kongreß namens des Vorstandes der Frankfurter Gemeinde zu begrüßen. An der Hand der Tagesordnung weist er darauf hin, wie lebhaft das Verständniß der modernen Rabbiner für die sozialen Fragen der Gegenwart geworden sei und wünscht den Arbeiten der Versammlung besten Erfolg. Der Vorsitzende theilt mit, daß die Frankfurter Stadtbibliothek eine Einladung an den Kongreß habe ergehen lassen, eine von ihr zu Ehren des Rabbinertages veranstaltete Separatausstellung berühmter jüdischer Drucke in Augenschein zu nehmen. Der Besuch der Ausstellung soll nach Schluß der 1. Tagung unter Führung des Direktors Konfistorialrath Prof. Dr. Ebrard und Dr. Freimann erfolgen. Viele Begrüßungstelegramme kommen alsdann zur Verlesung und nach Ausbringung eines Kaiserhochs wurde die Absenduug eines Begrüßungstelegrammes an Se. Majestät den Kaiser beschlossen. Der Vorsitz wurde Dr. Horovitz, das Schriftführeramt den Herren Dr. Roseuberg und Biram übertragen. Die eigentlichen Verhandlungen beginnen mit dem Verwaltungsberichte des ersten Präsidenten Dr. Maybaum-Berlin. Fünf größere Angelegenheiten haben neben unzähligen kleineren den geschästssührenden Vorstand und den Centralausschuß unausgesetzt beschäftigt: Die Abwehr der Agitation gegen das Schächten; eine im Nothfalle zu veröffentlichende, nochmalige feierliche Zurückweisung der Blutlüge; die Besserstellung der Rabbiner in den jüdischen Gemeinden, besonders Altpreußens; die Begründung einer Pensions- und Reliktenkasse der Rabbiner Norddeutschlands, endlich die Ordinirung von -Nabbinatskandidaten, die ihre Vorbildung nicht in ordnungsmäßiger Weise an einer der drei rabbinischen Hochschulen erhalten haben. Der Bericht wird sehr beifällig entgegengeuommen und ruft nur wenige kurze Nachbemerkungen hervor. Dr. Werner-München, der den Kassenbericht erstattete, konnte miltheilen, daß dem Verbände 153 ordentliche Mitglieder angehören und drei kleinere Verbände ihm angeschlossen seien: der oberschlesische, der westpreußische und der rheinische. Einer Anzahl von früheren Mitgliedern, die der Verband durch den Tod verloren, gedenkt er durch Erheben von den Sitzen. Darauf nimmt Dr. Guttmann- Breslau das Wort, um unter stets wachsender Begeisterung der Zuhörer einen Vortrag über „Die Bedeutung des Judenthums in der Gegenwart" zu halten. Der Vortrag stellte eine scharfe, aber streng fachliche Auseinandersetzung mit allen dem Judenthum feindlichen religiösen und wissenschaftlichen Strömungen der Gegenwart dar, und gab zugleich eine so glänzende positive Darstellung des Wesens und der Mission des Jndenthums, daß er nicht verfehlen wird, das größte Aufsehen zu erregen. Die Versammlung beschloß, den Vortrag nicht nur den offiziellen Protokollen eiuzuverleiben sondern in einer Massenauflage durch den Druck zu verbreiten. — Alsdann betrat Dr. Rosenak-Bremen die Rednertribüne, um über „Die Bekämpfung des Mädchenhandels" zu referiren. Er entrollte ein düsteres Bild von dieser erschreckenden, die ganze civilisirte Welt schändenden Erscheinung, und seine lebenswahre Darstellung rief wiederholt Entrüstungsrufe aus der Versammlung hervor. Redner forderte nachdrücklich, die beiden bereits zur Unterdrückung jenes schändlichen Gewerbes segensreich wirkenden jüdischen Vereine in London und in Hamburg zu unterstützen, und um die Quelle des Unheils zu verstopfen für Aufklärung, Belehrung. Erziehung und soziale Besserstellung der jüdischen Mädchen in Galizien, Podolien und Rumänien Sorge zu tragen. Eine längere Debatte schloß sich an diesen Vortrag, mit dessen Leitsätzen sich die Versammlung einverstanden erklärte. Es wurde sodann Herrn Dr. Werner-München das Wort ertheilt. Der bekannte Redner sprach über „Die Bethätigung des Rabbiners an der Lösung sozialer Aufgaben iu der Gemeinde." Die soziale Frage bezeichnet der Vortragende als eine eminent religiöse, weil ethische, aber auch als eine jüdische, weil das Judenthum all den schweren sozialen Problemen, die heute die Welt bewegen, zu Leibe ging, nicht mit Utopien, sondern mit wohlerwogenen, weisheitsvollen Gesetzen und Institutionen. Speziell der Rabbiner soll sich daher an der Lösung solcher sozialen Fragen betheiligen, die zunächst in seiner Gemeinde zu lösen sind. Als solche nannte Dr. Werner Berathung der Eltern bei der Berufswahl der Kinder, Jugendvereine, Förderung der studirenden Jugend. Ferner: Bekämpfung der Prostitution. Fürsorge für gefallene Mädchen, und solche für entlassene Strafgefangene, Gründung von Arbeitsnachweisen und Darlehnskassen, Beschränkung des Empfehlungswesens, lieber den Kreis seiner Gemeinde hinaus verdiene volle Beachtung die Alliance Israelite Ulniveiselle und der Hilfsverein der deutschen Juden, von Vereinen im heiligen Lande der Verein Lemaan Zion. In der Diskussion wird ein energischeres Eintreten für die Schomre-Schabbos-Vereine besonders von Dr. Auerbach- Halberstadt, Löb-Emden gefordert; auch Dr. Frank-Köln vermißt ein Entgegenkommen der jüdischen Geschäftsinhaber gegenüber ihren Angestellten, die den Sabbathgottesdienst besuchen wollen; der Sabbath aber sei und bleibe der Hauptpunkt im sozialen Programm des Judenthums. Gegen 3 Uhr wurde die erste Tagung geschlossen. Der zweite Tag wird noch Vorträge von Dr. Prager-Kassel „Die Seelsorge der Strafgefangenen". Dr. Eschelbacher-Berlin „Was ist für die religiös sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend zu thun", bringen und endlich das Statut der Pensions- und Reliktenkasse der Rabbiner Deutschlands feststellen. o. München, 9. Juli. Großes Aussehen erregt hier der Konkurs der Bayerischen B eamt eukredi tba nk. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben darüber: „Man kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß nicht nur bei der Organisation der Bank grundlegende Fehler begangen wurden, sondern daß auch die Handhabung der Geschäfte nicht der Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns entsprach. In der Buchführung sind Unregelmäßigkeiten vorgefallen, die als direkt strafbar erscheinen." Das Interessante bei diesem Konkurs ist die Thatsache, daß der Begründer und Direktor der Gesellschaft,