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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 336 (sequence 14)
Language
German
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336 „Ja verspotten Sie mich noch mit meinen alten Klamotten!" lachte sie. „Dort, wo Sie Herkommen, ist's doch viel schöner!" „Aber sie haben dort nicht so liebe alte Schränke mit so guten Gesichtern, nnd so ein liebes, steifes, unbequemes, gemächliches, grünes RipSsofa mit weißen gehäkelten Augen." „Sie sind ein närrischer Mensch, Sally!" sagte Tante Blümchen . . . „setzen Sie sich mir, wenn Sie schon mal da sind . . . Ans das „gemüthliche" Sofa nicht; das finden Sie zu unbequem. . . setzen Sie sich auf meinen Lehnstuhl!" „Gott behüte! Das ist Ihr geheiligter Platz, Tante Blümchen!" „Na, dann nehmen Sie einen Nohrstuhl — er hält noch fest, obwohl er auch schon achtundvierzig Jahre alt ist.. . Heutzutage machen sie nicht mehr so dauerhafte Möbel!" „Achtundvierzig Jahre!" sagte Sallh sinnend. „Ein Menschenalter!" „Achtundvierzig Jahre — kurz vor Ostern wird es sich jähren ... Es fehlen noch ein Paar Wochen .. . Wie heute weiß ich's, wie wir, mein seliger Mann und ich, als Brautpaar mit der seligen Mutter zusammen zum Tischler gingen und uns Stück für Stück aussuchten. Damals gab's noch keine großen Möbelmagazine wie heut, wo man blos bestellt: „So und so viele Zimmer, so und so viel kann's kosten — und keine Dekorateure, die Einem alles fix und fertig machen, daß man sich blos Hineinsetzen darf. Ich Hab' jeden Nagel in die Wand geschlagen und jede Gardine selbst aufgehängt, und bei jedem Möbelstück, das sie hingetragen haben, bin ich in die neue Wohnung mitgegangen und Hab' gezeigt, wo's hiugestellt werden soll." „Wie viel schöner ist das, als die Einrichtung durch den Dekorateur! Die heutigen Menschen kennen ihre Möbel gar nicht ordentlich; sie haben keine Pietät dafür; sie wechseln sie gleichgiltig, wie man ein Paar Schuhe wechselt. Ihnen sind Ihre Geräthc liebe alte Freunde, an jedem hängt ein Stück Lebensgeschichte." „Das ist wahr, Doktorchen!" meinte die alte Frau. „Ich weiß noch, wie wir im Laden überlegten, ob wir uns ein Sofa kaufen dürften oder nicht.. . Wir rechneten und rechneten: wir konnten uns keines kaufen. Die anderen Sachen hatten schon zu viel gekostet . . . Wir hatten ja keine Schundwaare gekauft, sondern gute, dauerhafte Geräthe, die unsere ganze Ehe hindurch dienen sollten. . . Mir that's leid, denn ein Sofa, das war damals für Leute in unseren Verhältnissen die höchste Eleganz ... Na — wir heiratheten uns ohne Sofa und waren glücklich . . . Und wie ein halbes Jahr vorüber war, an meinem Geburtstag, kommen auf einmal zwei Männer und haben das grüne Nipssofa da in die Stube getragen. Mein guter seliger Mann hatte gespart und es schon halb bezahlt; nnd dann haben wir Beide gespart,und die andere Hälfte bezahlt." (Forts. folgt.) Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! a die anzustrebende Befreiung der Rabbiner von Kommunalabgaben (gleich den anderen Geistlichen) die Nabbinerversammluug beschäftigen wird, sei Herrn Dr. Veermann-Jnsterburg nur mitgetheilt, daß vor 20 Jahren in seinem Amtsbezirk der Rabbiner in Königsberg keine Kommunalsteuern zu bezahlen brauchte, der Rabbiner in Tilsit aber trotz Petition die Befreiung nicht erreichte. Es giebt aber^noch mehr Kommunen, die jene Zurücksetzung der Rabbiner schon beseitigt haben. Eine eigenartige Konsequenz hat der Rabbiner in Magdeburg gezogen. Er ist, da er Steuern bezahlte, auch wählbar uud ist daher jahrelang Stadtverordneter von Magdeburg als Geistlicher gewesen. Da an eine gesetzliche Remedur auf bloße Petition unsererseits^ nicht so bald zu denken ist, ließe sich vielleicht hier der Hebel ansetzen, damit die Kommunen die Sache in die Hand nehmen. Berl in, 4. Juli. U. Sehr geehrter Herr Redakteur! lMch bitte Sie, mir eine Schlußbemerkung zu den Sprechsaalstimmen über die Bedeutung des Namens Zu gestatten. Die Ueberlieferung von dem wunderbaren Begebniß. auf welches sich Herr Schweitzer bezieht, dürfte den an der Diskussion Betheiligten nicht unbekannt gewesen sein, doch wenn man auch an der Thatsache jenes Ereignisses nicht zweifelt, so braucht man nicht zu vergessen, daß schon hervorragende Gesetzeslehrer gegen die Beziehung des Namens „der große Sabbath" zu jener Begebenheit Einwendungen erhoben haben lvrgl. die Kommentatoren zum Schulchan Aruch, Orach chajim 8 430). Der Wahrheit am nächsten scheint die Deutung des Herrn Dr. Sonneschein zu liegen. Man darf wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß wie bei anderen Sabbathen (.1HNZ fQV N21V auch hier die Haftara Maleachi^IV, 23 das Stichwort geliefert hat. Nur irrt! Herr Dr. Sonueschein, wenn er ohne weiteres feststellt, daß man am Sabbath vor dem Passahfeste jene Haftara las und deshalb der Sabbath den Namen erhalten habe. Thatsächlich las und liest man im Allgemeinen jene Hastara nur am Sabbath vor dem Passah, wenn das Fest am Sonntag begann, während sonst die Haftara des laufenden Sabbaths zur Vorlesung gelangte. Was lag nun näher, als anknüpfend an die Schlußworte der Haftara den bemerkenswerthen, unmittelbar vor dem Passahfeste nur selten erscheinenden Sabbath den „großen Sabbath" zu nennen! Man vergaß später die ursprüngliche Bedeutung des Namens und bezeichnete jeden dem nationalen Geburtsseste Israels vorangehenden Sabbath als den „großen Sabbath", als >71-^ N2L'- Nebrigens zitirt das 'Ü2vl2 ISO (Lemberg, 1896) noch eine Reihe anderer Gründe, die indeß wohl alle mehr einen homiletischen Charakter haben. Auch Schick in seiner Ausgabe von Tyrnaus Minhagim (Munkacs, 1880, Theil I, Seite 57) bringt noch andere Gründe, die gleichfalls zur wissenschaftlichen Feststellung nichts Wesentliches beitragen. Schließlich sei erwähnt, daß auch die neuestell konservativen Hastara-Kommentare (M. Hirsch Haftoroth Seite 457 und I. Nobel, Thabor, Seite 293) auf die agadische Begründung des Midrasch und der Tosafisten zu verzichten scheinen, und daß sie beide den Tag als den „großen Nüstsabbath" zur Volkswerdung Israels feiern. Ratibor, 29. Juni. Rabbiner Dr. Ad. Blumenthal. * An die Redaktion der Zeitung des Judenthums! ' , <E^m Anschluß an den Artikel in Nr. 22 Ihrer geschätzten Zeitung. „Eine Irrenanstalt für Juden", von Dr. Jeremias, möchte ich dem Wunsche Ausdruck geben, daß in Ihrem geschätzten Blatte auch die Allregung gegeben wird, eine jüdische Blindenallstalt zu gründen. Jll Preußen giebt es noch keine. Die Blindenanstalt in Wien ist ein ausgezeichnetes Institut, vortrefflich geleitet. Wäre es nicht möglich, ill Berlin etwas Aehnliches zu schaffen? An allen Orten regt es sich, den Blinden durch ihnen zugängliche Litteratur u. s. w. ihr schweres Leid erträglicher zu machen, da würde es gewiß auch nur der Anregung bedürfen, großherzige Spender zu finden, um den Unglücklichen ein Heim zu schaffen, wo sie ein Unterkommen finden, und sich, ihren Fähigkeiten entsprechend, beschäftigen und einen Erwerb schaffen können. Den Unterricht können ja blinde Kinder in den christlichen Anstalten bekommen, der Ausnahme in denselben stellen sich doch aber viele Hindernisse entgegen. Ich kenne zufällig die Verhältnisse mehrerer geistig begabten Blinden, von Dellen der dringende Wunsch gehegt wird, eine jüdische Blindenanstalt ins Leben zu rufen. Breslau, 16. Juni R. Roth. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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