Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 335 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— tadellose, geschliffene Sätze voll Geist und Witz . . . Nur , seine Stimme klang nicht hell und klar wie sonst, und manche glänzende Redewendung blieb daher fast wirkungslos. Er war nicht „disponirt", das merkte man ihm an . . . Aber gleichviel . . . Die Rede war verhallt, Gläserklingen, Jubel tönte durch den Saal ... Gras Winterfell) strich sich den Schnurrbart. Rede halten — bah! Konnte er auch! — Aber anders als jüdischer Rechtsanwalt! — Kurz, schneidig, — wie Soldat! . . . Aber reden, — hier im Hause des Juden? — Freilich, Tochter war entzückend! „Jetzt müßte ich eigentlich auch eine Rede halten!" sagte er zu seiner Nachbarin zur Rechten. „O, Herr Graf!" sagte die Gerichtsrathtochter, froh, daß er sich wieder ihr zuwandte. „Das wäre schön! Sie sprechen sicherlich sehr gut! — Aber würden Sie hier reden, — in diesem Hause?" ... „Toast auf die Damen ist immer meine Domäne!" sagte er. „Auf die Damen I" rief sie entzückt. „Dann müssen Sie ja reden! — Sie haben ja auch Standesgenossinnen hier!" „Jedenfalls reizende Nachbarschaft!" sagte er und ließ sie im Zweifel, ob er die „Standesgenossin" meinte oder die Nachbarin zur Linken. Sie nahm das Erstere an.. .. „Sie wollen reden?" flüsterte Lea erschreckt, als der Graf sich erhob. „Trauen Sie mir^s nicht zu?" „O gewiß!" sagte sie zögernd, — da fing er schon an. Ihr klopfte das Herz.... Wenn er sich blamirte! Wenn er durch seine Rede den Eindruck seiner schönen Männlichkeit zerstörte! . . . Aber was ging es sie an?-Was war ihr der Graf, daß sie für ihn bangte, daß sie für ihn Lampenfieber bekam? ... Er — hatte keines! Scharf, klar und schneidig kam jeder Satz heraus. . . . „Wie die Kommandos auf dem Exerzierplatz!" dachte Lea. Es war nicht so geistreich wie das, was der Rechtsanwalt Silberstein gesagt hatte, — aber es wirkte. Der Vortrag machte wieder einmal des Redners Glück- Als Dieser geendet, mischten sich Beifallsrufe für den Redner in die Hochs und das Gläserklingen.... Man beglückwünschte ihn, — der Kommerzienrath kam und dankte ihm gerührt. Die Kommerzienräthin strahlte. . . Welch ein Triumph! Ein Graf hatte in ihrem Hause eine Tischrede gehalten! Sie waren auf der gesellschaftlichen Stufenleiter wieder um einige Sprossen gestiegen. Nun würde man den Verkehr auch festhalten. . . . Nun hatte man die höheren Beamten-, die Offizierskreise gewonnen. Und sie dachte noch weiter. Wunderbare Möglichkeiten machten ihre Augen leuchten und ihr Antlitz glänzen... Wunderbare Möglichkeiten! . . . „Und Sie sagen mir gar nichts, mein gnädiges Fräulein?" „O," sagte Lea, „ich bin froh, daß Sie glücklich zu Ende gekommen sind! Ich hatte solche Angst, Sie würden stecken bleiben!" „Tapferer Soldat bleibt nie stecken, — haut sich immer heraus!" sagte der Gras wohlgefällig. „Aber daß gnädiges Fräulein Angst für mich hatten, ist mir sehr schmeichelhaft, — beglückt mich unendlich!" Die adelige Gerichtsrathstochter grollte ihrem Nachbar, weil er sich so viel mit der Jüdin beschäftigte. Sie saß abgewandt und unterhielt sich mit einem anderen Herrn. Sally § Silberstein sah stumm auf seinen Teller und machte keinen Versuch, eine Unterhaltung mit Lea wieder anzuknüpfen. So waren Lea und der Graf auf einander angewiesen, und sie Ktzten die Gelegenheit aus und Plauderten lebhaft und lustig wie alte Bekannte. Ihn begann die Unterhaltung mit dem jungen Mädchen zu fesseln. Sie war so anders, so viel gewandter als die jungen Mädchen aus seinen Kreisen, so viel klüger und unterrichteter. Die freiere Erziehung und das Gefühl des Reichthums gaben ihr - ohne sie protzig erscheinen zu lassen — die Sicherheit der vollendeten Dame; dazu kam wohl der natürliche jüdische Scharfsinn. Flüchtig ging es ihm durch den Sinn, daß sie wohl als Osfiziersfrau und Gräfin auch nicht deplacirt sein würde. . . . Als nach aufgehobener Tafel ein fröhliches Durcheinander entstand, die Gäste sich händeschüttelnd „gesegnete Mahlzeit" wünschten, und im Nebensalon einige junge Pärchen bereits zu tanzen begannen, schlich sich der Rechtsanwalt heimlich davon. Bei dem Kommerzienrath, dem er an der Thür begegnete, entschuldigte er sich mit heftigen Kopfschmerzen und bat, ihn auch bei den Damen zu entschuldigen. Er wußte, man würde ihn nicht sehr vermissen. Unten blieb er stehen . . . War es recht, daß er gegangen? Daß er dem Anderen gänzlich freies Spiel ließ?-Seine Position nicht einmal zu halten versuchte?-Wenn er umkehrte! — Aber er hatte sich schon von dein Hausherrn verabschiedet. Und dann — sollte er mitansehen, wie Lea sich den ganzen Abend nur mit dem Grafen unterhielt? — Nur ihm und den anderen Offizieren tanzte? — — Aber — es war ja nur eine Mädchenlaune, die er nicht ernst nehmen durfte. .. Sie würde sich schon auf sich selbst besinnen.... Sv suchte er sich zu trösten, aber es war und blieb ihm weh zu Muthe. Er klopfte an die Thür im dritten Stock . . . „Frau Rosenzweig, sind Sie noch zu sprechen?" rief er gedämpft . . . Die Thür öffnete sich sofort. Eine alte Frau im schneeweißen Häubchen und schneeweißer Schürze erschien aus der Schwelle. „Für Eie immer, Sally!" sagte sie freundlich. „Aber was ist das, — Sie sind schon da? — Es ist kaum über zehn . . ." „Ich bin eben früher fortgegangen ... die tanzen jetzt dort ... ich mache mir nichts aus dem Tanzen . . ." „Kommen Sie nur herein, Sally!" — Und hinter ihm eintretend und die Thür schließend, murmelte sie: „Da ist ivas nicht in Ordnung!" Er blieb an der Thür stehen und übersah das kleine Zimmer .. . den weißgedeckten Tisch, den kattnnbezogenen Lehnstuhl, die beiden Schränke zu beiden Seiten des Sofas, die er schon so lange kannte, und die immer so schlank aussahen, als wären sie eben polirt worden .. . Als Kind hatte es ihm immer geschienen, als hätten diese Schränke Gesichter, die gelben Schlüsselschilder mitten drin als Nasen, zwei blankpolirte Holzfelder darüber die Augen, die ihn freundlich anfahen. Kein anderer Schrank der Welt hatte für ihn je solch ein Gesicht gehabt . . . Auch heute lächelten sie ihm wieder zu, als begrüßten sie den alten Bekannten, der schon als Kind vor ihren Augen gespielt . . . Auch das alte Ripssofa grinste vergnügt; — die beiden runden weißen gehäkelten Deckchen auf der Rückenlehne waren die Auge». Auf dem Tische vor dem Lehnstuhl ein aufgeschlagenes Buch und daraus die Brille . . „Wie schön es bei Ihnen ist, Tante Blümchen!" sagte er anfathmend.