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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 334 (sequence 12)
Language
German
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334 Mensch bleibt immer der alte Esel, so viel er auch inzwischen gelernt haben mag. Die Epithalamien und die epistolographischen Carmina aus sieben Gedichten, die ich Ihnen hier einschicke, reizten mich noch zur Uebertragung. Sie wissen, ich bin weder ein Gelehrter, noch Hab* ich je einer sein wollen. Ich kann nur innerer Mahnung folgen, und was dem Kulturhistoriker sehr wichtig erscheinen mag, finde ich insipid und will nichts damit zu thun haben. Der Zweck meiner Einsendung ist ein dreifacher: 1. Werd* ich wohl einzelnes amrazisch verstanden haben und Sie sollen mir das getreulich sagen. 2. Da es Sie so interessirt. daß ich mich in derlei versuche, ist es billig, daß Sie den Versuch sehen. 3. Sotten Sie, wenn es im Ganzen Ihren Beifall hat, mir auch den Diwan schicken; ich kaufe so was nicht gern, denn ich besitze nicht gern, weder Geld, noch Bücher; denn es kommt mir vor als ob jemand alle Speisen, die er so genossen in natura im Bauch behalten wollte und so der bekannten herrlichen Beracha verlustig ginge. Wenn dann 20 Gedichtchen übersetzt sind, kann es vielleicht in irgend einen Blatt, das so was bringt, veröffentlicht werden. Die zwei Gedichte haben mir eine unsägliche Mühe gemacht, weil ich die Form noch sklavischer als Jehuda selbst beibehalten und sehen wollte, ob das im Deutschen überhaupt möglich ist. Jedes Bajit von diesen zwei Gedichten ist mehrfach übersetzt worden, das eine vielleicht 6 mal. Noch werden Härten genug zu verzeichnen sein; aber glauben Sie mir. ich habe gefeilt, was ich nur konnte und habe fast alles wirklich nach- und mitgedichtet, denn weder der alte Adam, noch der alte Abraham wollen mir völlig aus den Leib. Leben Sie wohl. Arnold empfiehlt sich. S. Heller. Wien, 1885 V. 29. Eben, da ich daran gehe, Ihnen 8e!nvva enr^em al edeu aeliat zu deutsch: sieben Edelsteine Iehudas in meiner steinigen Uebersetznng abzuschreiben, kommen Ihre Zeilen. Es ist sehr schön von Ihnen, daß Sie an mich die höchsten Anforderungen stellen; aufrichtig gesagt, es wäre mein herzlicher Wunsch und es ist gewiß auch mein Bemühen, denselben voll und ganz zu entsprechen. Aber ich fürchte, Sie pressen oft zu sehr den Sinn, pressen zu viel hinein und noch mehr heraus; dann scheinen Sie die Sprache der Professors mit der des Dichters zu verwechseln. Als ich letzthin die durch Sie veranlaßen Korrekturen noch einmal durchsah. um sie nöthigenfalls noch einmal vorzunehmen, sagte mir mein Gewissen, daß nichts weiter zu thun sei; freilich mit dem poetischen Gewissen ist's eine böse Sache. Auch diesmal sind viele Ihrer Ausstellungen doch wohl dem Umstande zuznschreiben, daß Sie auch in der Uebersetznng Ihren hebräischen Jehuda mit aller der göttlichen Pracht, mit all den wunderbaren Anspielungen, mit all der heißen Gluth wiederhaben möchten, die ich vielleicht nicht zu leisten vermag. Was haben Ihnen z. B. die Weste gethan? Der West, repb^rus, ist ein so gewöhnlicher Ausdruck und nicht minder usitati'Lsünu» pluralis die Weste. Nr. II thun Sie wohl unrecht, Band ist keine Fessel, was ist mehr? Dem Poeten ist erlaubt, Band für Fessel zu nehmen, man seufzt in Banden d. h. in Fesseln. Würde ich eS so prosaisch ernst mit Jehuda nehmen, da käme kein Poetischer zu Stande. Wenn man (Nr. III) die heiligen Bräuche sieht, so kann man denn doch nur deren Betätigung sehen. Der Schluß Iehudas in Nr. III, er soll es mir tausendmal verzeihen, ist sehr matt, Sie interpretiren etwas hinein, Sie thun als ob er was gesagt hätte. Den Schluß hatte ich, weil er mich heftig ergriff, so daß ich dabei bittere Thränen vergoß, ganz verballhornt. Ich habe nun doch geändert. Die Wassergedichte? Ich glaube, ich habe kein Exemplar davon; Sie auflegen lassen: 0 vilia earmina, guauäo emptorein inveusrint? Sie haben gar keine Ahnung, wie gleichgiltig mir alles geworden ist. Ich würd* in ein Kloster gehen, wenn es ein jüdisches gäbe, nicht aus Ueberdruß. denn ich bin ein heiterer Patron, aber ich liebe die Nuhe. Wien 1885 V. 30. S. Heller. IV. Sehr geehrter Herr und etwas minder geehrte Autorität! Im vorhinein hatte ich mich schon auf die lustigen Sprünge gefreut. die Sie in berechtigtem Ingrimm über meine Nichtanerkennung Ihrer Autorität machen werden. Nun, ich hoffe, Sie haben darüber den Plafond nicht eingeschlagen, der für Ihre kleine Autorität doch viel zu hoch ist. So mögen Sie denn im übrigen als Autorität gepriesen sein vom Aufgang bis zum Niedergang, die Krongasse muß *) Schiller o!ot tmseüoloin im „Spaziergang: „Still liegen die Weste/ bestimmen. Die Krongasse hat Sie viel zu jung, viel zu feucht hinter den grammatischen Ohren befunden. Aber sie bietet Ihnen ihren wohlassortirten Keller gehorsamst an. vielleicht daß Sie dann als Weinkenner eine minder bestrittene Autorität erringen. Ich weiß zwar nichts davon, daß ich schon einmal in herostratischer Anwandlung mein eigenes Werk zerstört habe; aber Sie sotten sehen, daß ich noch edler Wallungen fähig bin. Also will ich die Sache der Musen wie bisher fortführen. Um endlich auch pompös-unverschämt und großartig-niederträchtig zu sprechen: Ich bin bereit, aus Grundlage des hebräischen Original- Textes die Novelle — aber ohne Nennung meines Namens — oder das Manuskript, wie es geht und steht, ohne jede Aenderung und mit meinem ehrlichen Namen versehen, abdrucken zu lassen, aber wohlbemerkt. ich glaube genug gethan zu haben, daß ich*s machte; Korrektur. Verschleiß und jede sonstige Mühewaltung mnß irgend ein anderer, sagen wir: eine Autorität — besorgen. Ihr ganz kleinlaut gewordener und ergebenster Wien 1885. XI. 23. S. Heller. Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. IV. ^ally Silbersteiu sab einsam inmitten der großen, heiteren Tafelrunde. Ein bitteres Lächeln lag aus seinen Lippen. — „Nun, werden Sie nicht eine Rede halten?" flüsterte ihm Jemand ins Ohr. Er schrak empor. „Ich? ' Ein Bekannter war von der anderen Seite der Tasel herübergekommen und hatte sein Glas an das des Rechtsanwalts klingen lassen, ohne daß dieser es auch nur gemerkt hatte. „Ja — Sie! — Was setzt es Sie so in Staunen? — Man erwartet von Ihnen, als Freund des Hauses, daß Sie eine Rede halten. ES ist ja Ihr Metier!" „Was soll ich denn sagen?" „Nun — Sie werden schon wissen! — Was man so sagt, wenn ein Kommerzienrathtitel auS der Taufe gehoben wird." „Taufe?" . . . „Mein Gott, man sagt doch so! — Es soll kein Omen sein! — Also reden Sie! Geistreich, wie man's von Ihnen gewöhnt ist . . ." „Wenn ich nur wüßte" — murmelte Sally. „Nun, Sie haben doch all die Reden gehört, die bis jetzt losgelassen wurden . . . Der Bürgermeister, — der Bankier Mayer u. s. w. . . . Viel Kohl! — Sie müssen was anderes bringen, was Zündendes . . . Sie werden's, — wie ich Sie ^enne! — Hahaha! Mir scheint. Sie haben von all den rhetorischen Leistungen nichts vernommen? — Freilich, wenn man solch eine Nachbarin hat! — Glücklicher!" . . . Er ging lachend davon. . . . Glücklicher! . . . Und reden sollte er auch noch . . Man erwartete es von ihm. Ja, ihm schien, als sähe er viele Augen mit Spannung auf sich gerichtet . . . Also reden! Und war's ihm auch nicht danach zu Muthe, — die Gewohnheit würde ihm schon helfen ... Er schlug an daS Glas, erhob sich und sprach. Sprach, wie man es von ihm gewöhnt war,

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