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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 333 (sequence 11)
Language
German
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333 Welt, daraus )ig av lahrheil „Das rt seine wahr, cklärten lthums. jrieben, hriebe» unserer che des »er Beil, womuß. il von t viele nserem f dem Kenntcht es ch die :s bei Auch ungen u betätige! ckt; es n und einer tzung, ch die t um stand mpfen >rzüge habe, veiter freie dient, dische - hat Lahrl Irrfreie :them;egen l?ürze keine Und Ziel r an Maimonides „Führer der Irrenden", der allenfalls einige Rücksicht auf die herrschenden Meinungen genommen hat, sondern eher an die „Gotteskämpfe" des Gersonides, der mit bewunderungswürdigem Freimuth den Materialismus Jbn- Roschds in das Judenthum hineingetragen hat. Einige „Zionswächter" haben sich darüber geärgert, aber weder dem Autor noch seinem Buch ist etwas geschehen — außer daß man beide nicht verstanden hat. Wer hindert uns Juden, in der Erforschung des Judenthums so freisinnig als nur möglich zu sein? Und wir sind es auch zum Theil. Ich möchte nur rathen, sich die neueste hebräische Litteratur etwas genauer anzusehen. Dort wird man Ansichten finden, bei denen unseren Liberalen das Herz im Leibe lachen, unseren Orthodoxen aber die Haare zu Berge stehen werden. Nicht also um das Maß der Forschnngsfreiheit handelt es sich bei uns, sondern um die Methode. Unsere freie Wissenschaft ist zumeist keine Wissenschaft, frei aber ist sie noch seltener. Es besteht bei uns das Shstem, das Alterthum und Vas Mittelalter archäologisch durchzuforschen, wobei natürlich das Hauptbestreben ist, Neues zu sagen. Ich betone, Neues sagen, aber beileibe nicht zu schaffen. Das Judenthum besitzt eine Fülle von Gedanken, die zu allen Zeiten zeitgemäß bleiben werden; die Judenheit wird jetzt mächtig von unzähligen ethischen und nationalen Fragen bewegt. Ja, ich bin der festen Ueberzeugung, daß wir jetzt die Geburtswehen einer neuen Epoche spüren. Unsere Gelehrten drucken jedoch fleißig irgend ein fades hebräisches Gedicht, das das Glück gehabt hat, vor drei Jahrhunderten von einem Dilettanten niedergeschrieben zu werden. Und wenn ihnen das Schicksal gar gnädig ist und sie zn diesem Gedichte irgend welche Varianten finden läßt — dann haben wir köstliche Wissenschaft! Wahrlich, das einfachste Geschreibsel eines heutigen hebräischen Schriftstellers steht viel höher als der ganze Krimskrams dieser Art von Wissenschaft. Und weil ein und dasselbe Thema tausendmal wiederholt wird, so wird natürlich alles auf den Kopf gestellt, damit es neu sei. Wie viel solche „Neuigkeiten" sind in unsere offizielle Geschichte gedrungen? Und dann, wo ist eigentlich unsere ..freie" Wissenschaft? Ist es etwa frei, daß man vor der Bibel stehen bleibt, sich da mit faden Redensarten behelfend, über die man in« christlichen Kreisen mit Recht spottet? Oder fit es etwa frei, wenn man in der schulmäßigen Weise den Kampf zwischen Pharisäern und Sadduzäern schildert, ohne auch das leiseste Verständnis; dafür zu haben, daß es ein großartiger Kulturkampf war, den man vor Allem zu begreifen sich bemühen müßte? Ebensowenig kann ich die „freie" Wissenschaft darin erblicken, daß man die Karäer wie dumme Jungen behandelt, während sie doch für ein großes Prinzip gekämpft haben, oder wenn stets von der „lügenhaften" Kabbala und dem „Lügenbuch" Sohar die Rede ist, während die Kabbala sich in die wichtigsten Probleme vertieft und das Verhältniß der Menschen zu Gott und zu der Natur ergründen wollte. Von Freiheit ist doch wahrlich in unserer Wissenschaft wenig zu spüren; kein freier Flug, kein Sicherheben über die banale Alltäglichkeit. Unsere Wissenschaft dreht sich in allen ihren Theilen um das „wie es geschrieben steht", oder um das, was gewordeu ist, was sich wie die Kieselsteine mit den Händen befühlen läßt, wie sich Maeterlinck so trefflich ausdrückt. Auch mir schwebt das Ideal einer freien Wissenschaft des Judeuthums vor; aber dieses Ideal finde ich nicht in unserer »freien Wissenschaft", wo es sich um ein paarSottisen handelt oder einige kleine Ketzereien, über die das neue, mündig gewordene Geschlecht schon längst hinaus ist. Soweit die Erforschung des Alterthums in Betracht kommt, ziehe ich sogar die „orthodoxe" Wissenschaft noch vor, weil sie positiver ist, und auch gewissenhafter mit den Quellen umgeht als die sogenannte „freie". Der orthodoxe Forscher hat eine feste Grundlage und sucht nicht die Dinge, die man nicht beim rechten Namen zu nennen wagt, durch Umkleidungen zu verheimlichen. Man erinnere sich nur an den Streit zwischen Z. Frankel und S. R. Hirsch. Hatte nicht der zuletzt Genannte völlig Recht, als er Frankel den Vorwurf machte, er leugne die Authenzitität der mündlichen Lehre? Hat etwa Frankel den Muth gehabt zu sagen: „Ja, ich glaube nie und nimmer, daß die sogenannte mündliche Lehre auf göttlicher Offenbarung beruhe!" Er ging um die Sache mit schönen Redensarten herum, und S. R. Hirsch war der streitsüchtige Fanatiker, der Frankel etwas am Zeuge flicken wollte. Und wahrlich, ich habe Frankels Buch über die „Methode der Mischna" unzählige Male gelesen, ohne es bis heute zu wissen, ob er an die Göttlichkeit der mündlichen Lehre geglaubt hat oder nicht.') Unsere Wissenschaft wird erst geschaffen werden, und sie wird natürlich auch frei sein, denn was nicht frei ist, kann keine Wissenschaft sein. Der Streit aber um das Buch Halevys ist so betrübend, so herzbeklemmend, so niederdrückend, wie sich unsere Alexandriner kaum denken. Sie wirbeln nur Staub auf, der uns den Athem beraubt, und uns entringt sich der Ausruf: Welche Armseligkeit der Zeit! David Kaufmann und Seligmann Heller. (Mit ungedruckten Briefen Hellers.) folgenden Briefe führen uns ganz in die Werkstatt des Dichters, der aus Luzzatto's Ausgabe des Diwan non Jehuda Halevi zunächst die herrlichen Gedichte all Jerusalem zu übersetzen beginnt. Es ist natürlich, daß wir Nicht alle Anspielungen und Beziehungen kennen, die irr diesen Briefen Vorkommen; aber auch so werden sie durch den Geist der Wahrhaftigkeit und der Liebe, der ans ihnen zu uns spricht, sowie durch den Humor, der sie durchweht, ihre Wirkung ans den Leser nicht verfehlen. III. Lieber Freund! Die Pfingstfeiertage über habe ich mich ganz eingesperrt un d auße^ der Lektüre von Zeitungen — mortalls aesi sjmti'utn! — und dem h. Augustinus, allenfalls auch voll Grillparzer, so ziemlich nichts gemacht, als NetuIkN brN.Ielnnlcl gelesen und ausgewählt und überseht. Ich fand nun das Urtheil des 17 jährigen, als ich das Buch zuerst in die Hände bekam, auf ein Haar bestätigt oder anders ausgedrückt; der h Das ist ein arges Mißverständniß. Frankel hatte ja nicht die Absicht, ein Lehrbuch der jüdischen Religion, sondern eine Literaturgeschichte der Mischna zu schreiben, und da hatte erdiese Frage garnicht zu beantworten. Wir brauchen übrigens wohl nicht erst ausdrücklich zu bemerken, daß wir auch in den Grundanschauungen nicht durchweg mit dem Verfasser dieses Aufsatzes übereinstimmen. Der Streit um das Buch vonHalevh ist durchaus nicht unwichtig; es handelt sich hier um einen Protest gegen den Versuch, religiöse Parteianschauungen in die Geschichte einzuschmuggelu, also genau um dasselbe, was seiner Zeit in dem Hirsch-Frankelscheu Streit versucht wurde, und was vor? Seiten der wirklich freien Wissenschaft stets mit aller Entschiedenheit wird zurückgewiesen werden müssen. Die Red.

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