Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 332 (sequence 10)
- Language
- German
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3S2 dem Aermsten seinen letzten Groschen wegnehmen, indem man behauptet, das Volk, das der Welt mit seiner Bibel eine andere Welt geschenkt hat, dessen unübersehbare Litteratur religiös ist vom Anfang bis zum Ende, bis zur Einseitigkeit und Einförmigkeit, sei nicht einmal das Volk der Religion! Was werden die gläubigen Christen dazu sagen? Ist denn Gott ein Mensch, daß er lügen sollte? Wenn Israel keine Mission als Volk der Religion zu erfüllen gehabt hätte, dann müßte ja folgerichtig auch das Apostelamt Jesu aus der Lust gegriffen sein, was doch kein wenn auch halbgläubiger Christ behaupten wird. Daß die Religion im letzten und tiefsten Grunde ein Inwendiges ist, das Allerheiligste der Seele und ein Geheimniß des Herzens, das sollte ein Geheimniß sein, das die beschaulichen Seher und Weisen des Alterthums mit ihrem uach innen gerichteten Blicke nicht sollten entdeckt haben? Hatten die Dichter der Psalmen keine Religion des Herzens? Bei den Juden wenigstens geht noch heute wie eine abgegriffene Münze das Sprichwort von Mann zu Mann: „Gott will das Herz!" Wie steht es nun aber mit der bona L6«8 des jüngsten Erziehers des deutschen Volkes? Wir wagen es nicht, einem Manne, der einer so ausgezeichneten Nasse angehört, auf dem Wege der Verdächtigung und Anschuldigung nachzufolgen, auf welchem wir ihm gegenüber unbescholtenen Männern und Gelehrten von Weltruf begegnen, umsoweniger als er einmal die Geschichtsfälscher treffend mit Wechselfälschern vergleicht. Dies hat ihn aber nicht davor geschützt, daß ihm von verschiedenen Seiten bedenkliche Jrrthümer, die ihm bei Stellencitaten unterlaufen, nachgewiesen wurden. Irren ist menschlich, nicht semitisch. Der Beispiele von falschen Citaten und Uebersetzungen sind aber Legion. Zur Kennzeichnung des Verfahrens wird hier ein einziges Beispiel der Gewissenhaftigkeit genügen. Auf S. 455 der „Grundlagen" heißt es wörtlich: „Der Talmud sagt es: Wie aus der Uebertretung des Gesetzes deine Zertretung erfolgt, so wird Gehorsam gegen das Gebot dadurch belohnt, daß du selber gebieten wirst (Aboth IV. 5; nach Montefiore)." Wir setzen eine Prämie für Denjenigen aus, der im ganzen Traktat Aboth ein an das Citat auch nur anklingendes Wort zu entdecken vermag. Dagegen findet sich in Aboth IV 2 das Wort: „Ein Gebot zieht ein anderes nach sich, und eine Uebertretung zieht die andere nach sich, denn der Lohn des Gebotes ist das Gebot, und der Lohn der Uebertretung ist die Uebertretung." Wer denkt dabei nicht an das bekannte Dichterwort von dem Fluch der bösen Thal, der darin besteht, daß sie fortzeugend Böses muß gebären? Auch das falsche Citiren und Uebersetzen ist ein Fluch und eine Frucht der bösen That.') Chamberlain, der Erzieher des deutschen Volkes, hat einen Bienenfleiß entwickelt, um ein Werk hervorznbringen, dessen Inhalt zu seinem Umfang in gar keinem Verhältniß steht. Er hat es aber umgekehrt gemacht wie die Bienen, die aus allen Blumen den Honig saugen. y Das Citat aus Mendelssohn aus S. 410 der „Grundlagen" ist wie zahlreiche andere aus dem Zusammenhänge gerissen. Das auf S. 397 Anmerk. 3 gebrachte Citat einer selbstverständlich zu verurtheilenden Aeußerung von Graetz erweist sich als eine Entstellung oder wenigstens als Mißverständlich des wahren Sachverhalts. Mit der auf S.!,899 Anmerk. 2 citirten Aeußerung von James Darmsteter, dessen Lvup ä'ooil sur I'kistoirs clu peupls juik mir nicht zur Hand steht, wird es sich voraussichtlich ähnlich verhalten. Sämmtliche Ammenmärchen und Unwahrheiten der Weltgeschichte hat er zusammengelesen zu einem Haufen und daraus ein Buch gemacht, das sich dem deS Apion würdig an die Seite stellen kann. Nur einmal spricht er eine Wahrheil aus, der auch wir beistimmen, wenn er behauptet: „Das Christenthum geht noch auf Kinderfüßen, kaum dämmert seine Mannesreife unseren blöden Blicken." Das ist wahr. Chamberlain ist noch sehr weit entfernt von dem aufgeklärten Blicke und dem Verständniß für die Lehre des Christenthums. Sonst hätte er nicht ein Werk gegen das Judenthum geschrieben, von dem man alles in allem nur sagen kann: Es ist geschrieben cum ira et sine stuäio! Me freie Wissenschaft. „ Bon Dr. S. Bernfeld. (Avr^m das Buch von IsaakHalevy tobt zur Zeit in unserer Presse ein heftiger Kampf wie einst um die Leiche des Patroklos. Es soll von der einen Seite als der Beginn einer „orthodoxen Wissenschaft" gefeiert worden sein, wogegen sich natürlich die freie Wissenschaft wehren muß. In dem Kampf für und wider Isaak Halevy ist wohl von beiden Seiten arg übertrieben worden. Das Buch hat viele Vorzüge und verdient einen ehrenvollen Platz in unserem wissenschaftlichen Schriftthum. Der Verfasser besitzt auf dem Gebiet der talmudischen Litteratur große und umfassende Kenntnisse, er hat das ganze Material im Kopf und beherrscht es souverän, und man sieht es ihm leicht an, daß er sich die Notizen nicht mühsam zusammengelesen hat, wie es bei manchen unserer wissenschaftlichen Größen der Fall war. Auch verfügt er über großen Scharfsinn, wodurch es ihm gelungen ist, viele erbeingesessene Fehler und Mißverständnisse zu beseitigen. Andererseits aber hat das Buch auch große Mängel auszuweisen. Isaak Halevy ist nicht wissenschaftlich geschult; es fehlt ihm die Fähigkeit, sein Thema geordnet zu bearbeiten und darzustellen. Zudem kennt er viele Bücher, die er einer schonungslosen Kritik unterwirft, nur durch eine Uebersetzung, so zum Beispiel die Geschichte von Grätz, die er nur durch die hebräische Uebertragung kennt. Noch bevor der Streit um dieses jedenfalls eigenartige und lesenswerthe Buche entstand habe ich es sms irrr ot 8tuäio in einer von den Tageskämpfen abseits liegenden Zeitschrift besprochen, wobei ich die Vorzüge wie die Mängel dieser Schrift gleichmäßig hervorgehoben habe. Ueber das in Rede stehende Buch will ich mich nicht weiter äußern. Viel wichtiger für mich ist der Kampf um die freie Wissenschaft, der gewiß die größte Aufmerksamkeit verdient. Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß ich für die jüdische Wissenschaft das höchste Maß von Freiheit fordere. Sie hat keinem anderen Zweck zu dienen als sich selbst und der Wahrheit, und sie hat vor nichts Halt zu machen als vor demJrrthum. Indessen muß man sich's doch ansehen, ob die freie Wissenschaft, für die diese Zeitschrift mit anerkennenswerthem Muth kämpft, ihren Namen mit Recht trägt. Ich wage dagegen einigen Zweifel auszusprechen und werde diesen in aller Kürze zu begründen versuchen. Die jüdische Wissenschaft ist ja eigentlich frei, weil wir keine Behörde habe», die sie in ihrer Freiheit beschränken könnte. Und sie ist nicht erst jetzt frei geworden, sondern sie hat dies Ziel bereits im Mittelalter erreicht. Ich erinnere nicht so sehr an