Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 330 (sequence 8)
- Language
- German
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-— 330 Juden der Aufenthalt in den Kurorten verboten wurde. Särnmlliche Gesuche von kranken Juden um Bewilligung des Kurgebrauches wurden zurückgewiesen. Sogar die jüdischen Kaufleute erster Gilde, welche zu Handelszwecken überall in Rußland wohnen dürfen, wurden verpflichtet, während ihres Aufenthaltes in den kaukasischen Kurorten die Mineralwässer nicht zu trinken. — Kiew. Auf Anordnung deS Gouverneurs von Kiew wurde den Juden bekannt gegeben, daß Gesuche um Bewilligung des Sommeraufenthaltes in den waldreichen Ortschaften Bojarka, Swatoschina und Puschza-Wodiza unter Beilegung eines ärztlichen Krankheitsattestes dem Gouverneur unterbreitet werden müssen, von dessen Wohlwollen es abhängt, ob dem Gesuche stattgegeben wird oder nicht. — Tschernrgow. Der in der Nähe der Stadt liegende Sommeraufenthaltsort Darnizy wurde Heuer auf Verfügung der Behörde den Juden gesperrt. Das Charakteristische darin ist, daß dieser Ort im sogenannten jüdischen Niederlassungsgebiete liegt, wo den Juden der Aufenthalt ausnahmslos gestattet ist. Der Petersburger Senat hat oftmals in diesem Sinne entschieden, die Behörden handeln aber nach ihrem Gutdünken." Und das alles im „Zeitalter der Humanität"! 4 In England wurde nun auch ein Verband der jüdischen Litteraturvereine (Union ok ^6^vi8ti I^iteinr^ 8oeioti68) nach dem Muster und Vorbild des deutschen Verbandes begründet. 24 Vereine haben sich in einer Konferenz am 29. v. M. in London zu diesem Zweck vereinigt. Der Sitz des Verbandes ist in London. Zum Vorsitzenden wurde Israel Abrahams, der Nachfolger Professor Schechters in Cambridge, zum zweiten Vorsitzenden Claude Montefiore gewählt. Wir nennen nur diese beiden Namen, weil sie die sicherste Aussicht für die gedeihliche Entwickelung der Institution bieten, die den großen Zweck verfolgt, die KennLuiß der jüdischen Geschichte und Litteratur unter den englischen Juden zu verbreiten. Wir wünschen unseren Glaubensgenossen in England den besten Erfolg auf diesem Gebiete, von dem allein alle Bestrebungen znr Erhaltung und Kräftigung des Judenthums ausgehen müssen. Das gute Beispiel, das null Deutschland und England gegeben, wird hoffentlich zunächst auch in Oesterreich und Frankreich, sowie in Amerika, wo sich zahlreiche Literatur- Vereine befinden, nachwirken. Chamberlain als Erzieher? Von Dr. A. Eckstein in Bamberg. deutschen Volke hat es au Erziehern wahrlich nicht gefehlt, welche bestrebt gewesen sind, den höchsten Idealen der Menschenbrust die Geister zu erobern und die Herzen zu öffnen. Dennoch scheint man zu glauben, daß das deutsche Volk noch nicht genügend erzogen sei. Sonst würden nicht Dieser schon vor längerer Zeit verfaßte Artikel unseres geschätzten Mitarbeiters darf immer noch als zeitgemäß und die Polemik gegen das Buch Chamberlains so lange nicht als abgeschlossen gelten, als die Verhimmelung und Anpreisung des Werkes von antisemitischer Seite fortgesetzt wird. Wir möchten bei dieser Gelegenheit übrigens nochmals auf die schon wiederholt citirte Schrift von H. C. gegen CH. verweisen, die 1901 bei E. Pierson in Dresden erschienen ist. und in der nicht nur die vagen Hypothesen und albernen Angriffe aus das Iudenthni» mit Geistund Sachkenntniß zurückgewiesen werden, sondern auch allgemeine Fragen der Geschichtsauffassung berührt und die grundlegenden Ideen der jüdischen Sittenlehre erörtert werden. Die Red. die Erzieher wie Pilze aus dem Boden schießen. Ueber diese Thatsache werden wir uns aber nicht wundern, wenn wir bedenken, daß nichts mehr der Veränderung unterworfen ist als der sogenannte Zeitgeist. Jede Zeit erzieht sich ihre Erzieher, welche wie mit einem Zauberstabe die Augen der Menschen berühren, damit sie erkennen, daß altersgraue und ehrwürdige Wahrheiten, die man seit Jahrhunderten und seil Jahrtausenden für echte Münze gehalten, nichts anderes sind als gemeine Falsifikate. So hatten wir beispielsweise gemeint daß das allgemein Menschliche und Gottähnliche stärker sei als die zufälligen Unterschiede und Eigeuthümlichkeiten, die als Folge der Raffenzugehörigkeit dem Urgroßvater angeboren oder anerzogen worden waren. Aber nichts ist falscher als das. Vielmehr die Nasenform und Schädelform entscheidet über die Weltanschauung der Nachgeborenen bis in alle Ewigkeit. Wir hatten gelauscht auf die großen Worte unserer Denker und Dichter und wir hatten geglaubt, daß der von ihnen verkündete Humanitätsgedanke eine Wahrheit sei und eine Errungenschaft, die nicht mehr untergehen kann im Sturm der Zeiten. Aber heutzutage nennt man das Humanitätsduselei. Nicht mitzulieben, mitzuhaffen bin ich da! Das ist der Geist, der über dem Werke Chamberlains schwebt, des jüngsten Erziehers des deutschen Volkes. Es giebt eine ganz erstaunliche Menge von Dingen, von denen sich die Weisheit unserer Gelehrten bisher nichts hatte träumen lassen. Daß die ganze Weltgeschichte nichts anderes ist als eine Geschichte des Wettkampfes zwischen Ariern und Semiten um die Weltherrschaft, das hatten wir schon bisher bemerkt an den durch keinen Mißerfolg zu erschütternden Versuchen und Bemühungen unserer Feinde, uns bald durch Feuer und Schwert und bald durch das giftgeschwollene Ungeheuer eines dickleibigen Buches auS der Welt zu schaffen. Einstweilen Recht behalten hat doch der durch die Jahrtausende hallende Zurus des alten Sehers: „Jede Waffe, die gegen dich geschmiedet wird, soll stumps werden, und jede Zunge, die gegen dich sich erhebt, wirst du ins Unrecht setzen." Manches also haben wir bereits gewußt oder wenigstens geahnt. Daß aber die Juden bettelarm waren an Religion, auch ihre größten Propheten keine religiösen Genies und überhaupt alle Zweige des semitischen Stammes von jeher erstaunlich arm waren an religiösem Instinkt, während der Götterglaube, wie wir ihm bei Homer begegneil, die erhabenste und geläutertste Erscheinung griechischer Religion, als eine religiöse Weltanschauung erscheint, so schön, so edel, so frei wie nur irgend eine, von welcher wir Kunde besitzen; daß die Semiten „wahrscheinlich" die einzigen Menschen auf der ganzen Erde sind, die überhaupt jemals echte Götzenanbeter waren und sein konnten, während es in keinem Zweig der indoeuropäischen Familie zu irgend einer Zeit Götzendienst gegeben; daß den Israeliten, deren Thora nichts anderes ist als der Triumph einer materialistischen Weltanschauung, die Idee eines Gottes, Schöpfers des Himmels und der Erde, bis zum babylonischen Exil gänzlich unbekannt gewesen, während Olympia eine ragende Burg monotheistischer Weltanschauung war; daß der Dekalog, etwa wie die goldenen und silbernen Gefäße, welche die Israeliten bei ihrem Auszuge mitgenommen, den Aegyptern entlehnt sei, während doch in der Bibel wiederholt vor der Nachahmung ägyptischer Thaten und Sitten ausdrücklich gewarnt wird; daß die Juden weniger Phantasie und