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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 329 (sequence 7)
Language
German
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Berlin, 8. Juli. >s war zu erwarten, daß die Rede des Generalobersten v. LoL bei der Papstjubiläumsfeier in Bonn allgemeine Aufmerksamkeit erregen und verschiedenartige Kommentare Hervorrufen werde. Es war ferner zu erwarten, daß den Herren Antisemiten der Schrecken in die Glieder fahren werde. All dies ist auch programmmäßig eingetroffen. Die Herren sind außer sich über diese „Verbeugung vor dem Judentum"; sie verstehen es nicht, „wie man die christliche Religion mit dem Judenthum auf eine Stufe stellen und in diesem Zuammenhange von elenden konfessionellen Zänkereien sprechen könne". Sie meinen endlich, daß sich Herr v. Loä „den Hinweis darauf, daß auch einzelne Juden sich in Feldzügen hervorgethan, erst recht hätte schenken können" und daß die Rede geradezu abstoßend" wirken müsse. Aber gerade ihre Entrüstung zeigt uns, daß sie die „Soldatensprache" des wahrhaft frommen und edlen Mannes nicht verstanden haben, zeigt uns, wie nothwendig diese Kundgebung gewesen, die nach mverlässigen Mittheilnngen das Produkt sorgfältiger Berathungen mit der Zentrnmsleitung gewesen, und über die sogar mehrfache telegraphische Unterhandlungen mit dem Reichskanzler stattgsfunden haben sollen. — Ueber die häßlichen Angriffe, die bei diesem Anlässe von jener Seite gegen die jüdischen Soldaten erhoben wurden, vermag uns indessen das Wort vollauf zu trösten, das der oberste Kriegsherr über jene Rede in seinem Telegramm gesprochen: „Die von dem Gefühl der Anhänglichkeit an Kaiser und Reich mid ernster Religiosität getragenen Worte haben meinem kaiserlichen Herzen wohlgethan; sie sind ein erfreuliches Unterpfand dafür, daß das, was ich in Aachen gesprochen habe, auf fruchtbaren Boden geiallen ist und mit Gottes Hilfe gute Früchte tragen wird. Wilhelm I. k." 4- Die zweite hessische Kammer hat nun auch den Antrag Backes, des Obmanns des hessischen Landeslehrervereins, wonach die großherzogliche Regierung um zeitgemäße Regelung der Ausbildung, Anstellung und Besoldung der israelitischen Neligionslehrer in Hessen ersucht wird, angenommen. Ueber die Verhandlung wird berichtet: In Anbetracht der vorgerückten Zeit ergreift der Abgeordnete ÄackeS das Wort zu einer kurzen Begründung und wünscht in Bezug aus die Dringlichkeit und Wichtigkeit der Sache, daß sein Antrag im hohen Hause dieselbe wohlwollende Ausnahme finden möge, wie es m Ausschuß geschehen ist. Abgeordneter Molthan (Centrum) ist mit dem Antrag durchaus einverstanden, wünscht jedoch, daß zu den Kosten .einer Durchführung alle Israeliten des Landes, nicht nur die einer Religionsgemeinde zugehörigen, herangezogen werden sollen. Abgeordneter Köhler-Langsdorf (Antisemit) macht seine Zustimmung zum Antrag Backes von einer vorherigen amtlichen Untersuchung des Talmud abhängig. Er berust sich auf das diesbezügliche Beispiel Rußland^ und produzirt einige aus dem berüchtigten Machwerk von Dr. August Rohling entnommene, bereits hinreichend gewürdigte Citate. Ein Orientalist von der Gießeuer Universität, „der noch nicht viel zu thun habe", solle mit der Prüfung beauftragt werden. Die Ausführungen des Abgeordneten Köhler werden mit sichtlicher Heiterkeit, sowohl bei den Mitgliedern des Hauses, als auch am Regierungstisch, ausgenommen. Der II. Präsident (Abgeordneter Schmitt-Mainz) schließt die Debatte und schreitet zur Abstimmung. Das Resultat derselben ist: Der Antrag Backes wird mit allen gegen vier Stimmen (der Antisemiten Köhler-Langsdorf. Bähr, Ripper-Pfaffenbeerfurth und Ohl-Groß-Umstadt) angenommen. Da die Regierung schon im Ausschuß dem Antrag ihre Zustimmung gegeben, so wird er nun wohl jetzt zur Ansführung gelangen. In Rußland herrscht, wie der „Daily Erpreß" zu melden weiß, grobes Aufsehen über einen außergewöhnlichen Schritt des Zaren, der, ohne die Proteste der Minister zu beachten, beabsichtigen soll, über 200 Personen ans allen Ständen der russischen Bevölkerung in Privataudienz zu empfangen, darunter Universitätsprvfessoren, Redakteure, Publizisten und sogar politische Gefangene und Leute, die in den Polizeilisten als verdächtig bezeichnet werden, um in persönlichen Unterredungen mit Vertretern des Volkes sich ein Bild davon zu machen, was gethan werden müsse, um die Ruhe in Rußland wieder herznltellen. Die zu den Unterredungen eingeladenen Personen würden aufgefordert werden, frei und rückhaltlos ihre Ansicht zu äußern, wie der Noth und Unzufriedenheit in den unteren Klassen der Bevölkerung Rußlands abgeholfen werden könnte und angemessene Reformen vvrzuschlagen. Wir brauchen kaum hinzufügen, daß es ein Ziel aufs Innigste zu wünschen wäre, daß sich die Reformbestrebung des Zaren, die man ja bereits bei seinem Regierungsantritt als sicher zu melden wußte, bestätigte. Denn cs steht außer Zweifel, daß alsdann auch die sVerhältnisse unserer armen und geknechteten Glaubensbrüder etwas schärfer unter die Lupe genommen werden dürften. Dann fällt vielleicht ein kleiner Lichtstrahl in dieses so dunkle Kapitel der bisherigen russischen Politik, dann wird es sich evident erweisen, daß die Juden nicht, wie es einmal in einem amtlichen Berichte lautete, alle Zweige des Handels und der Industrie an sich gerissen habe», um dem armen Russen das Blut ausznsaugen, sondern daß ihnen im Eegentheil in dem undankbaren Rußland jede Bewegungsfreiheit genommen ist und sie gehindert werden, sich im Schweiße ihres Angesichts durch nützliche und produktive Arbeit zu ernähren und zu menschenwürdigen Zuständen zn gelangen. Was russisches Beamtenthum im Stande ist, das lehrenuns übrigens einige scheinbar zusammenhanglose Notizen dortiger Blätter, aus denen aber Jeder sofort das bestimmte System erkennt, deutlicher als die größten Artikel. Wir lassen diese Notizen hier folgen: Slawjansk. Dieser im Gouvernement Charkow liegende Kurort war bis jetzt krauken Juden stets zugänglich. Jetzt jedoch ist eine Verfügung getroffen worden, Inden zum Kurgebrauch in Slawjansk nicht zuzulassen. Viele kranke Familie», welche in Slawjansk Heilung suchen wollten, wurden ausgewiesen. — Rgga. Auf Grund einer Verordnung der Gouvernementsverivaltung wurde, wie die „Düna-Zeitung" meldet, den Juden das Recht genommen, i» den der Küste entlang liegenden Sommerfrischen zeitweiligen Aufenthalt zu nehmen. Viele arme Juden, welche in diesen Ortschaften zur Sommerzeit Kleinhandel betrieben, wurden ebenfalls ausgewiesen.—K a wkas Die Verwaltung der Mineralwässer im Kaukasus hat, wie der „Kawe kaskij Miniralnij Wjestnik" mittheilt, offiziell bekannt gegeben, daß

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