Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1902)
- Date
- 1902-07-11
- Page
- Seite 327 (sequence 5)
- Language
- German
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Fragen des Kultus und des Ritus sollen ihrer Kompetenz überhaupt entzogen sein; grundlos ist die Befürchtung, daß im Laus der Zeiten ein Kirchenregiment sich entwickeln würde, welches die Strenggläubigen durch freigeistige Anschauungen oder die freiere Richtung durch den Geist starrer Rechtglänbigkeit bedrücken könnte. Daß etwa in Zukunft die Kompetenz des Gesammtverbandes auf religiöse, kulturelle und rituelle Fragen ausgedehnt werden möchte, kann durch Bestimmungen der Satzungeil dauernd und wirksam verhindert werden." für Jeden, der das Wort in keinem anderen Sinne versteht als in dem, in welchem es ausgesprochen ist, redet dieser Satz iue hinreichend deutliche Sprache; für Jeden auch, der hinter aen Worten nichts anderes sucht als das, was sie ausdrücken ollen. Ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz des Rundschreibens bietet der Bereinigung willkommene Gelegenleit, durch denselben ihren Gläubigen die Meinung beizubringen, >aß es sich trotz der bestiunnten und feierlichen Versicherung des Ausschusses, der sie „wenig Werth" beilegen, schließlich doch um religiöse Fragen handeln könnte! Es heißt nämlich in dem Rundschreiben des Ausschusses, daß „nicht blos die Noth der Zeit, sondern die natürliche Fortentwickelung aller geistigen Institutionen verlange, daß alle Kräfte im Jndeuthum msammengefaßt werden, damit dasselbe seinen Bestand wahre nnd stärke und seine Mission erfülle." Nun meinen aber die Herren, daß eine solche Zusammenfassung aller Kräfte „im Hinblick auf die in der heutigen Judenheit bestehenden tiefen religiösen Gegensätze nicht denkbar ist." Gegen einen solchen Standpunkt ist kaum noch etwas zu lagen. Da giebt es weder eine Polemik, noch ist auch der versuch einer Verständigung möglich. Haben wirklich orthodoxe md liberale Juden heute nichts mehr, was sie eint? Giebt es nicht tausend gemeinsame geistige Interessen, die durch den Gegensatz von Rechtgläubigkeit und Freigläubigkeit nicht berührt verden? Zum Glück sind die Auffassungen der freieil Vereinigung nur die einer kleinen Fraktion, der keine einzige Großgemeinde im ganzen deutschen Reiche angehört, die in Norddeutschland absolut keine Anhänger hat, lind die - was die Hauptsache ist — von dem ersten Tage ihres Bestehens an ede neue Idee, jeden neuen Vorschlag, jede neue Institution innerhalb des Judenthums hartnäckig und grundsätzlich bekämpft hat. Dieselbe Fraktion ist gegen die Alliance ausgetreten, hat den Deutsch-israelitischen Gemeindebund verketzert, die Litteraturvereine perhorreszirt, den Centralverein abgelehnt u. s. w. Und das ist sehr natürlich, wenn man auf die Geschichte dieser Fraktion zurückgeht. Denn kein Anderer als ihr geistiger Vater war es, der zuerst das verhängnißvolle und furchtbare Wort „Schisma", welches seit mehr als einem Jahrtausend in Israel nicht gehört worden ist, furchtlos ausgesprochen hat. Und aus dem Kreise dieser süddeutschen Orthodoxie heraus ist wiederholt in Eingaben an Regierungen, in populären Flugschriften, in Zeitungen und Werken die Erklärung abgegeben worden, daß es innerhalb des Judenthums nicht blos zwei Richtungen, sondern zwei verschiedene Bekenntnisse gebe, und daß zwischen Orthodoxen und Reformjuden eine tiefere Kluft sei als zwischen Katholiken und Protestanten! Nur wen» man dies alles weiß — und wer es nicht weiß, kann es in den verschiedenen Jahrgängen des „Jeschurun" und an anderen Orten Nachlesen —. wird man sich nicht einen Augenblick darüber wundern, daß die süddeutsche Orthodoxie nunmehr auch den Anschluß an die Gesammtorganisation abgelehnt hat. Dem gegenüber kann man es nur freudig begrüßen, daß strenggläubige Gemeinden und Rabbiner, die nicht zu diesem Häuflein gehören, der Begründung einer Gesammtorganisation im Prinzip zugestimmt haben, weil sie der Ueberzeugung sind, daß in der That jede Furcht vor einem „Kirchenregiment" ausgeschlossen und die Existenz der Organisation geradezu davon abhängig ist, daß ihr alle religiösen Fragen und kulturelle Streitigkeiten fernbleiben. In dem Augenblick, wo sie sich mit solchen Fragen beschäftigen würde, hätte sie selbst den Keim zu ihrem Untergang gelegt. Genau so wie der D.-J. G.-B. heute und nun schon seit mehr als 30 Jahren die Gesammtintereffen der jüdischen Gemeinden und auch die geistigen Institutionen derselben in einer durchaus unparteiischen Weise vertreten hat, so daß Reformer und Orthodoxe sehr wohl in diesem Bunde friedlich neben einander existiren und gedeihlich Zusammenarbeiten können, genau so soll es auch in der Gesammtorgauisation sei»,, der die Zusammenfassung aller Kräfte innerhalb des Judenthums obliegt. Nun könnte allerdings die Frage auftauchen: Warum übernimmt denn der D.-J. G.-B. nicht die Ausgaben einer Gesammtorganisation, indem er seine Statuten demgemäß erweitert? Die Frage lag nahe; sie ist auch von großen Gemeinden, wie Königsberg und Stettin, aufgeworfen und zu bestimmten Anträgen auf dem IX. Gemeindetag verdichtet worden. Auch in der jüdischen Presse fand die Idee Zustimmung. Sie ist undurchführbar, und die Verhandlungen des IX. Gemeindetages haben dies am 24. Februar d. I. für Alle, auch für die Antragsteller, dargethan, so daß der Gemeindetag mit großer Majorität beschließen mußte, den Antrag abzulehnen, „in Erwägung, daß dieser Antrag die nach langen Mühen erreichte Rechtsfähigkeit des Bundes in Frage zu stellen geeignet und auch in sich rechtlich undurchführbar ist; in fernerer Erwägung, daß dieser Antrag bei Annahme den Bund zum Tummelplatz politischer, religiöser, und sozialer Meinungsverschiedenheiten machen und damit der ihm seit seiner Begründung innewohnenden Ausgabe der Förderung der Verwaltungs- Bildungs- und Wohlthätigkeitsangelegenheiten der israelitischen Gemeinden im deutschen Reiche durchaus entfremden würde." Man kann dieser Begründung zustimmeu, auch wenn man nicht alle Erwägungen theilt. Es wäre lebhaft zu wünschen gewesen, daß der Gemeindebund auch die Aufgaben einer Gesammtorganisation zn übernehmen in der Lage gewesen wäre. Aber in diesem Beschluß sind nicht alle Gründe aufgeführt, die die Ausführung des Projekts verhinderten. Es ist z. B. ein sehr wichtiger Punkt nicht hervorgehoben, nämlich die ausdrückliche Absage der süddeutschen Gemeinden, die in bestimmter Weise auf dem Gemeindetag erklärten, nicht mehr mitzuthun, wenn der D.-J. G.-B. seine Kompetenz nach dieser Richtung hin erweitern würde. Der Gemeindebund würde dann nu