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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-11 · Heft 28 (11.7.1902) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 28 (11.7.1902)
Date
1902-07-11
Page
Seite 326 (sequence 4)
Language
German
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326 Theil der deutschen Juden umfaßt — mehr würde eine neue Organisation im günstigsten Falle auch nicht vereinigen— und die sehr wohl die Aufgaben übernehmen kann, welche der von Ihnen geplanten Gesammtorganisation zugedacht sind. Es würde sich nicht um ein allgemein Politisches Werk dabei handeln, sondern nur um Bestrebungen, welche die jüdische Glaubensgemeinschaft als solche berühren. Soweit politische Interessen im engeren Sinne des Wortes in Betracht kommen, erachten wir eine Organisation der Juden nicht für empfehlenswerth, sondern für schädlich." Wir haben diesen Passus ans dem Schreiben der Frankfurter- Gemeinde absichtlich wiedergegeben, weil gerade aus dieser Ablehnung die Nothwendigkeit der Organisation hervorgeht, denn die Meinung, daß der D.-J. G.-B. die Sache einer solchen Organisation vertreten könne, ist nach den Verhandlungen des letzten Gemeindetages gründlich zerstört worden. Bedeutungsvoller sind die prinzipiellen Einwände, die nicht von Gemeinden, sondern von einzelnen Richtungen innerhalb des Judenthums und von hervorragenden Persönlichkeiten gegen die Idee der Gesammtorganisation erhoben wurden. Wir beginnen zunächst mit denen, die unbedingt gegen jede Organisation sich aussprechen. Unter diesen steht in erster Reihe Herr Geheimrath Professor Dr. Hermann Cohen in Marburg, ein Mann, dessen Einwendungen gehört und geprüft werden müssen, weil sie aus einem reichen Geiste und auS inniger Liebe zum Judenthum hervorgegangen sind. Cohen ist gegen jede Organisation, weil er fürchtet, daß eine solche in den Fehler der Juteressenpolitik verfallen und den Eifer der uns günstig gestimmten politischen Parteien sür unsere Sache abschwächen würde, ferner weil sie von der wahren Einheit, die nur eine religiöse ist, ablenken und die Berantwortung des Einzelnen, seinen Kamps und seinen Eifer vermindern könnte. Die Organisation erscheint ihm aber auch aus dem Gesichtspunkt der Gemeindeverfassung formal bedenklich: „Unseren Gemeinden würde dadurch freiwillig eine Autorität gesetzt werden, welcher die einzige Grundlage einer Autorität in religiösen Dingen nothwendigerweise fehlen müßte." Jede Organisation müsse nur nach Innen gerichtet werden. „Für Verallgemeinerung der Bildung, für Vertiefung der Gesittung unter uns muß jede Organisation sorgen . . . Die Organisation muß auf das Gefühl gerichtet werden, daß wir uns eins fühlen mit unseren Glaubensgenossen auf den Grundlagen der modernsten Weltanschauung, welche immer für die Sittlichkeit und deren Zusammenhang mit der Gottesidee bleiben werden." Je mehr man den einzelnen Punkten in der Darstellung Cohens znstiiumen muß, desto weniger wird man begreifeukönnen, daß er sich gegen eine Gesammtorganisation ausspricht. Der Standpunkt, von welchem er zur Ablehnung gelangt, mag erhaben und ideal sein. Er ist aber dem praktischen Leben so abgewandt, daß wohl nicht Viele dein tiefen Denker auf diese einsame Höhe werden folgen können. Die Befürchtung, daß wir den Eifer der „Rechtsparteien" für unsere Sache abschwächen könnten, werden heute wohl nur noch Wenige theilen. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts haben uns eines Besseren darüber belehrt. Zn Beginn der antisemitischen Bewegung hörte man ja sehr oft, daß die Bekämpfung der gegen uns gerichteten Bestrebungen nicht unsere, sondern Sache der liberalen Parteien sei, aber ein Rückblick auf das, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist, und auf die Art und Weise wie sich die Dinge in den Parlamenten und außerhalb der selben abgespielt haben, dürfte wohl auch die entschiedensten Verfechter dieser Idee gründlich kurirt haben. Daß wir einen Staat im Staate oder eine besondere politische Partei bilden wollen, haben wir stets mit Nachdruck abgelehnt; wir wollen uns nicht zu einer Politischen Einheit organisiren, aber wie können nicht mit Cohen behaupten, daß in der Jetztzeit u»? nichts als die Religion verbindet, und daß wir alle Kräfte nm für dieses ein« Ziel zusammenfassen müssen. Zustiuunen mag man ihm, wenn er die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen hoch stellt. Gewiß muß der Einzelne arn seinem Posten seine Begeisterung sür Gott und Sittlichkeit de Jndenthums in den Kampf für das Recht der Glaubensgenossen stellen. Aber was vermag der Einzelne selbst bei aller Kraft und allem Ernste gegenüber den Gefahren, die uns bedrohen den Angriffen, die gegen uns erhoben, den Schäden, die un zugefügt werden! Es bedarf der Zusammenfassung alle Kräfte im Judenthum; sie wird keineswegs das Gefühl de persönlichen Verantwortlichkeit abschwächen, sondern es stärken und heben! Tiefe und wahre Worte spricht Cohen über die Erna» zipation der Juden aus, die erst dann eine völlige sein werde wenn die Gleichberechtigung der jüdischen Wissenschaft erfolg! sei. Aber gerade dieser Gedanke kann in uns nur die Ueber zeugung von der Nothwendigkeit einer solchen Organisation befestigen: „Also nicht Zuspitzung auf das eine Ziel der Politik darf die Tendenz unserer Organisation werden, sondern vielmehr besonnene Berechnung und Heranziehung unserer sozialen Kräfte." Mehr haben aber auch Diejenigen nicht gewollt, die die Idee der Gesammtorganisation angeregt haben, mehr will auch der Ausschuß nicht, der die Ausführung der Idee in d.e Wege zu leiten unternommen hat. Auch der Einwurs, daß sich die Gemeinden dadurch frei willig eine Autorität setzen würden, der die einzig berechtigt: Grundlage einer Autorität in religiösen Dingen fehlt, erscheint bei näherer Betrachtung hinfällig. Die Autorität dec Organisation liegt eben in der freien Wahl der Gemeinden und die Konkurrenz der gewählten mit den idealen Autoritäten würde dadurch schon ausgeschlossen sein —, daß diese mit jenen nothwendig zusammen fallen würden. Also keine Politische Organisation, sondern nur eine solche, welche im höchsten Sini e die Aufgaben löst, die Cohen in seinem Gutachten, das von tiefer geschichtlicher Einsicht in das Wesen des Judenthum zeugt, einer solchen Organisation zuweist. Eine Verständigung nach dieser Richtung erscheint seir wohl möglich handelt es sich doch um das Urtheil eines Manne das vor allem von durchaus wohlwollender Gesinnung sür die Sache selbst eingegeben ist. Leider kann inan nicht dasselbe von dem Sendschreiben sagen, mit dem der Vorstand der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" in Frankfurts.M. die Idee der Gesammtorganisation „beleuchtet hat. Der Thatsache gegenüber, daß eine ganze Reihe hervorragender und streng orthodoxer Rabbiner in allen Provinzen des Reiches und ebenso ein« ganze Anzahl orthodoxer Gemeinden dem Vorschlag der Gesammtorganisation im Prinzip zngestimmt, ja sogar ausdrücklich ihren Beitritt nur für de» Fall erklärt haben, daß religiös« und kulturelle Fragen für alle Zeit von der Gesammtorganisation ausgeschlossen werden

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