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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Das Nutzuietzungsrecht sollte beider Vater, Franz Baron v. Scheh, haben. Drei Tage nach dem Tode des Erblassers ließ sich, wie in einer beim Civillandesgerichte znr Verhandlung gelangten Klage behauptet wird — der eine Neffe Victor taufen, und seine Gläubiger, die 80000 fl. zu fordern haben, sind nun der Meinung,, er habe sich deshalb taufen lassen, damit sie leer ausgehen. Sie brachten demzufolge durch einen gemeinsamen Kurator gegen das Baron Schehsche Verlassenschaftskuratorium die Klage ein ans Feststellung: die Tarife des Barons Victor Scheh sei den Gläubigern gegenüber rechtsunwirksam, das Legat per 100000 fl. falle nicht dem Bruder Paul, sondern ihnen, den Gläubigern, zu. Es wird unter Beweis gestellt, daß Baron Victor schon lange zuvor, da er von Gläubigern gedrängt wurde, vor mehreren Zeugen drohte, er werde sich taufen lassen, damit sie durchsallen. Die Zeugen waren auch vorgeladen. Der Vertreter des Baron Schehschen Verlaffenschaftskuratoriums wandte die Inkompetenz ein, da es sich einen Exekutionsakt handele, der vor das Exekutiousgericht gehöre. Die Bestimmung des Testaments sei unanfechtbar. Es sei bekannt, daß auch bei Fideikommissen des höchsten Adels für den Fall des Abfalls von der katholischen Klrcbe Nechtsverlust vorgesehen sei- Nach mehrstündiger Verhandlung stellte sich die Nothwendigkeit heraus, den Vollzug des in Köln vorgenommenen Taufaktes amtlich festzustellen; der Gerichtshof beschloß demgemäß die Vertagung, um den Taufschein des Barons Victor v. Scheh zu reqniriren. — Einen unliebsamen Empfang hatte der Wien er Christlich-Soziale Frauenverein in Graz zu verzeichnen; es verausla gten die Grazer Antisemiten ihren Gästen zu Ehren eine Festversammluug, allein die Polizei mußte die Lueger-Amazonen vor der Wuth und den Beschimpfungen schützen, mit welchen sie von der erbitterten Grazer Arbeiterschaft bedroht wurden. — Die beiden Bürgermeister von Holle schau, der christliche sowie der israelitische, dementiren eine Nachricht der „Neuen Freien Presse" über angebliche Drohungen erneuter Judenverfolgungen, im Falle die Juden bei den Wahlen für die Handelskammer die deutschen Kandidaten wählen würden, aufs Energischste. — Der Schmiedemeister Karl Frühling wurde wegen antisemitischer Schmähungen eines jüdischen Berufsgenossen verurtheilt. — Ende Juni vollendete der kaiserliche Nath und Stationsvorstand der Kaiser-Ferdiuands-Nordbahn in Brünn, Oberinspektor Epp ler, das 50. Jahr in dem Dienste dieser Bahugesellschaft. Kaiserlicher Nath Eppler hat sich um die Organisation des schwierigen Brünner Stationsdienstes wesentliche Verdienste erworben. — HerrJosef Toffler, Ches der Uniformirungsanstalt Moritz Tiller, hat den Titel eines kaiserlichen Naths erhalten. Schwede». — Christiarria, im Juni. Der erste Jahresbericht über den Verein „Hachnassath Orchim" (Gastfreundschaft) für das Jahr 1901 ist ein interessantes Dokument für die dortigen jüdischen Verhältnisse. Am Simchat-Thorafeste im Jahre 1900 gab Nabbiner Dr. Aschkanaze die Anregung, einen Verein „Hachnassath Orchim" in unserer Gemeinde zu gründen, der den Zweck verfolgen soll, den fremden zugereisten Israeliten hierorts behilflich zu sein, und zwar in erster Reihe in Bezug auf Wohnung und Obdach. Es folgten auch Mehrere diesem Wunsche, und am 18. Oktober d. I. hatte die Liste 23 Mitglieder aufzuweiseu. Es wurden im Berichtsjahre 400 Nachtlager gratis an Glaubensgenossen gegeben. Der größte Theil dieser unentgeltlichen Nachtlager wurde den frisch zugereisten Glaubensgenossen gewährt, so lange sie sich noch nichts verdienten, theils aber auch fremden durchreisenden Israeliten, die ausweislich uuterstützungsliedürstig waren. Die Schlußrechnung im Berichtsjahre schließt mit einem Defizit von Kronen 39.58, wozu noch ein Rückstand voll den erstell Stiftungsmonaten im Betrage von Kronen 76.69 hinzukommt. Dennoch kann mau mit dem Resultate vorläufig zufrieden sein, in Anbetracht der bescheidenen Mittel, die dem Verein zu Gebote standen, der sämmtlichen Glaubensgenossen, die hier ins Land kommen, um durch Thätigkeit sich Nahrung zu verschaffen. Jedem statutengemäß zehn Tage freies Logis gewährt. Die Glaubensgenossen, um die es sich hier handelt, sind russisch-lithauische Juden, die ihre Heimath verlassen. wo sie trotz der gewissenhaften Erfüllung ihrer Unterthauenpflichten als Fremdlinge betrachtet werden, und wo sie und ihre Familien am Hungertuchs nagen. Sie kommen hierher, um Brod zu suchen und gehen gleich fleißig all die Arbeit. Sie leben auf dem Lande wochenlang voll Brod und Kaffee, steigen die Berge auf und ab mit schwerer Last, um für Frau und Kind daheim zu sorgen. Und kommen sie einmal in die Stadt, da haben sie keine Gelegenheit, eille ordentliche Fleischmahlzeit oder warme Speise überhaupt zu sich zn nehmen. Eine jüdische Volksküche thnt hier noth. Die Mittel zur Verwirklichung dieses Planes werden gar bald beisammen sein, sobald der Verein eine größere Zahl von Mitgliedern hat. Vsn Nah und Fern. --- Der Kupferstecher Professor L. Jacobs), hier, hat das Offizie - krenz der französischen Ehrenlegion erhalten. — Bei der Technische i Hochschule zu Berlin ist in der Abtheilung für allgemeine Wisse! - schäften vr. .jur. et plril. Kart Kühne als Privatdozent für Gewerberecht, Handelsrecht und Wirthschaftsgeschichte zugelassen worden. -- Am 27. v. M. ist hier Dr. Phil. Jacob L. Moses im 83. Leben - jahre nach längerer Krankheit gestorben. — Der Geheime Kommerzielrath Hugo Prill gs heim ist hier am 30. v. M. nach langen Leider . 64 Jahre alt, gestorben. Er war in der Berliner Gesellschaft allgemein bekannt und beliebt lind sein Haus am Königsplatz früher lange Ze-t ein vielbesuchter Sammelpunkt für künstlerische, literarische und sportliche Kreise. Viel Gutes hat der jetzt Verstorbene den Armen und Noth. leidenden erwiesen, für die er stets ein wohlwollendes Herz und eine helfende Hand hatte. Er wird in aller Stille, seinem Wunsch' gemäs. ill seiner Heimathstadt Breslau in der Familiengruft bestattet werden. — Die Nachricht, daß auf die Tagesordnung per am 7. und 8. Jmi tagenden Nab binerversa mmlun g auch die Stellung desNabbinerverbandes zum Zionismus und zwar ans Anregung des Landrabbiners Dr. Gronemann. gesetzt werden solle, wird vom Vorstand des Ver baudes dementirt. — Graf Pückler-Klein-Tschirne hat gegen das Urthett des Glogauer Landgerichts, das ihn wegen Zerstörung einer Feldbahn zu sechs Wochen Gefängnis; vernrtheilte, Revision beim Reichsgericht angemeldet. Er stützt die Revision auf die Urtheilsbegründunz durch den Gerichtsvorsitzendeu. Uebrigerrs wird die Meldung eines Leipziger Blattes, daß Graf Pückter auch dem Vorsitzenden des Glogamr Gerichtshofes eine Forderung auf Pistolen zugesandt, und daß seitens des königlichen Landrathsamts bei der Lalldesregierung bereits die Unterbringung des Grafen in einer Irrenanstalt zur Beobachtung seines Geisteszustandes beantragt worden sei, dementirt. — In Hamburg ist am 26. v. M. der Gymnasialoberlehrer Professor Albert Fels im 66. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehörte dem Vorstand des dortigen „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur seit dessen Bestehen an. — Der Antisemitenführer Graf Neventlolm Wulsshagen ist der Provinzialvorsitzende des Bundes der Land wirthe für Schleswig-Holstein geworden. — Der Hauptlehrer Lehmann ill Lichteilau (Baden) hat anläßlich seines 40 jährigen Amtsjnbiläums vom grobherzoglichen Oberrath der Israeliten ei l über einen Meter hohes, eiugerahmtes Bild des Großherzogs netm einem Anerkennungsschreiben, unterzeichnet vom Ministerialrat) Becherer, erhalten. — Der Privatdozent der Mathematik an der Universität Frei bürg i. Br., Dr. Alfred Loewh ist zum außerordentlichen Professor befördert worden. — In einer am 19. v. M. in Straßburg i. E. stattgehabten Versammlung ist der Rabbinerverbaud von Elsaß-Lothringen endgiltig konstituirt und nach Genehmigung der Statuten der Vorstand gewählt worden. Derselbe setzt sich zusammen aus den Herren Dr. Bloch-Oberehnheim, Vorsitzender: Dr. Ginsburger-Sulz, Dr. Koch'Weißenburg. Dr. Weill-Buchsweile. und Dr. Wiener-Pfalzburg. -- Als gänzlich „judenrein" empfiehlt das Münchener „Deutsche Volksblatt" noch den Luftkurort Br ixen in Tirol, „das einen christlichsozialen Gemeinderath besitzt, und wo man in keinem Hotel oder Gasthause Juden als Gäste zu sehen wünscht." - Lord Rothschild und Sir Ernst Cassel sind zu Mitgliedern de. Geheimen Raths ernannt worden. — Aus Verfügung des Ministers des Innern wurde den Juden im russischen Reiche das Recht em zogen, den Verkauf von Staatspapieren und Loosen zu betreiben. Es wurde gleichzeitig angeordnet, die bei den verschiedenen Ressorts als Agenten angestellten Juden zu entlassen. — Dem Großindustriellen, deutschen Reichsangehörigen, Isidor Goldberg in St. Petersburg ist der St. Aunenorden 2. Klasse verliehen worden. Dieses i t bereits die vierte OrdenSanszeichnnug, die demselben für seine Ver dieuste um die russische Maschiuenindustrie zn Theil wird. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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