Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 323 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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323 „Ach, mit Ihrem Hohen Liede!" „Mögen Sie es nicht? Freilich, das wahre Verständniß )afür wird Ihnen erst später aufgehen.... Sie liebeil vielleicht mehr die germanische Poesie.... das Nibelungenlied oder die Edda ... oder die Modernen? — Ich kann Ihnen auch mit den Erzeugnissen der neuesten Litteratur aufwarten." „Hahaha! Sie sind ja selbst ein Dichter! Sie haben mich oft genug mit Ihren Gedichten" — „Gelangweilt?! Ich nehme es Ihnen nicht übel!" lachte er. „Die Gedichte waren miserabel.. . . Gewiß, — aber ver Gegenstand, den sie behandelten, — ist das Reizendste auf >er Welt." Der Gegenstand — das war sie! — „Die orientalische Schönheit!" Es schmeichelte ihr und rührte sie. Aber nur einen Augenblick, dann sah sie ihm ins Gesicht. Wie süßlich war er doch, — wie schwarz, — wie semitisch! — Verstohlen sah sie nach der anderen Seite... der rechten. . .. Ja, das war ein anderes Profil! Welch edle Linien! Welch schönes, männliches Antlitz! Das volle Haar und der starke Schnurrbart dunkelblond, von mattem Glanz, — die Augen stahlblau — und die Gestalt — wie ritterlich! Graf Winterseld erschien ihr der Anziehendste von Allen, die sie heute kennen gelernt.... Und gerade er war am wenigsten nett zu ihr gewesen. .. . Höflich — ja! Von beleidigender Höflichkeit. . .. Nicht eine Schmeichelei... nicht ein Scherz.... Er war wohl so hochmüthig wie hübsch und vornehm... . Schade. ... Er hatte die häßliche Gerichtsrathstochter zur Rechten. ... Ob er sich gut mit ihr unterhielt? Eine nichtssagende alte Schachtel. .. . Aber sie war ja adlig. ... Ihm fast ebenbürtig... . Das hielt zusammen.. .. Etwas wie Neid stieg in ihr ans. Neid auf die alte, pfenniglose, häßliche Gerichtsrathstochter.. . „Prosit, mein gnädiges Fräulein!" — Sie erschrak... . Hatte er etwa bemerkt, daß sie ihn ansah? Daß ihre Gedanken sich »nt ihm beschäftigten? Sie ließ schüchtern ihr Glas an das seine klingen. „Prosit, Herr Graf!" Es gab einen feinen, Hellen Ton. .. „Sie stoßen zaghaft an, meine Gnädigste!" „Es klang aber doch gut." „Denn wo das Strenge mit dem Zarten"-citirte er. „Ich dachte, Sie bemerkten mich gar nicht, Herr Graf.".. „Weil ich mich bis jetzt nicht Ihnen gewidmet habe? Ich mußte mich doch um meine Tischdame kümmern! Wir haben inzwischen fast den ganzen „Gothaischen Almanach" durchgesprochen. „Das ist ein Gebiet, auf dem ich leider nicht zu Hause bin." „Mit Ihnen, Gnädigste kann man auch von ganz anderen Dingen reden . . ." „Zum Beispiel . . ." „Zum Beispiel von Ihren schönen Angen!" „Aber bitte — Herr Graf!" „O — Pardon!" Er hatte alles in nachlässigem Ton gesprochen, mit fast verletzender Gleichgiltigkeit. Sie merkte es wohl und fragte sich: „Ob er dir das wohl zu bieten wagt, weil du eine Jüdin bist? — — Aber nein, hätte er unsere Einladung angenommen, wenn er uns verachtete? ... Er ist ein Edelmann — und so vornehm, wie er aussieht, denkt und fühlt er auch gewiß. . . . Aber er behandelt mich wie ein „kleines Mädchen", nimmt mich noch gar nicht für voll ... Er meint wohl, ich sei wie die Gänschen aus seinen Kreisen, — mit ihrer „guten", beschränkten, „wirthschaftlichen" Erziehung, deren brennendstes Interesse außer den Kasinobällen Küchenrezepte und Häkelmuster bilden, deren liebste Lektüre die Rangliste . . . Mein Papa Kommerzienrath hat keine Kosten bei der Ausbildung seines Töchterchens gescheut — er hat es ja dazu!" Und auch das Töchterchen „hatte es dazu;" — die Begabung und den Wissensdrang, das Erbtheil ihres Volkes, das so häufig auch die Mädchen dieses Volkes mitbekommen haben. Der Verkehr mit Sally Silbermann war auch nicht ohne Wirkung auf sie geblieben ... Von ihm hatte sie manches gelernt. . . „Nein, mein Herr Leutnant, Sie müssen eine jüdische Kommerzienrathstochter nicht mit dem gleichen Maße messen wie eine Regimentstochter! Nein, Herr Graf, Sie sollen sich nicht einbilden, daß mir an Ihnen und Ihren Schmeicheleien etwas liegt!" . . . Und sie unterhielt sich sehr lebhaft, scheinbar sehr interessirt mit dem Rechtsanwalt. Der Graf saß da und streichelte gelangweilt seinen schönen Schnurrbart. Abgeblitzt! — Von dem Judenmädel! — Was nun? — Sollte er mit seiner Tischdame noch einmal den Hofkalender dnrchsprechen? — Ihr jugendliches Gethue, ihre Koketterien über sich ergehen lassen? Das immer wiederkehrende „Wir vom Adel müssen znsammenhalten!" Ihm graute davor. Und da, links neben ihm, saß ein blühendes, jugendfrisches, wunderschönes Geschöpf — ein Goldfisch! — Und diesem Rechtsanwalt gab sie den Vorzug? Freilich, — Art läßt nicht von Art! — Der Jude — die Jüdin! — Die reiche Erbin — der Rechtsverdreher, der kluge Geschäftsmann, der das Geld verdoppeln nnd verdreifachen wird. „Aber eine Schande ist's doch!" dachte der Graf. Er, Graf Winterfeld, sollte sich einfach von einem schwarzen Jndenbengel ausstechen lassen! — Er, der Unwiderstehliche, sollte nicht, wie überall, auch hier Sieger sein? — Nur für heute Abend, verstand sich. Dann mochte Jener die Jüdin behalten . .. Aber heute Abend wollte er sich doch amüsiren, wenn er schon mal die Dummheit begangen hatte, hierherzukommen. — — Nach einer halben Stunde waren sie mitten in eifrigem Geplauder. (Fortsetzung folgt.) Sprerhfaat. Hochgeschätzter Herr Redakteur! j^estatten Sie mir, die Anfrage des Kollegen Herrn Dr. Beermann- Insterburg im Sprechsaal Ihres geschätzten Blattes voll voriger Woche (Nr. 25) auf Grund meiner gemachten Erfahrung zu beantworten. mit Hiuzufügung des Wunsches, daß auch andere Kollegen sich dazu äußern möchten, da diese Allgelegenheit nach meinem Dafürhalten für sämmtliche Rabbiner der altpreußischen Provinzen sowie auch für unsere Glaubensgemeinschaft von großem Interesse ist. Die Anfrage des Herrn Dr. B., deren Fassung allerdings die erforderliche Klarheit und Bestimmtheit vermissen läßt, lautet: „Welche städtischen Kommunen haben den Rabbinern für die Steuerveranlagung dieselbe Vergünstigung gewährt wie den Geistlichen der anderen Konfessionen?" Meine Antwort ist: Wahrscheinlich hat keine städtische Behörde in den altpreußischen Staaten den Rabbinern in Steuersachen irgend welche Vergünstigung gewährt, weil sie dazu kein Recht hat, wie es aus dem beifolgenden Schreibell des Pasewalker Magistrats an mich deutlich zu ersehen ist. Auf mein Gesuch nämlich um Befreiung von den Kommunalabgaben erhielt ich vom hiesigen Magistrat am 2-5. November 1901 folgende Antwort: „Auf Ihr Schreiben vom 20. ds. Mts. erwidern wir Ihnen, daß die jüdischen Rabbiner und Lehrer durch Ministerialerlaß vom