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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 322 (sequence 12)
Language
German
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322 „Vier Gulden achtzig," schrieb Leon „wir find noch lange nicht so weit. .." Es entstand eine neue Stille tiefen Nachsinnens. Vater paffte, Mutter blickte kurzsichtig nach der Rechnung. „Sechsundzwanzig Gulden siebzig/' sagte Leon. „Schenk' mir dann einen Hut aus dem Zweiguldenbazar," sagte Mijntje, „die sind feiner als die in der Kalverstraat für zehn. ..." „Mijntje zwei Gulden," wiederholte Leon. „Und ein Paar feine Schuhe für einen Reichsthaler," sagte das blasse Mädchen, sich selbst schon in Gedanken mit dem Hut und den Schuhen am Samstag sehend... „Ich bin mit sechs Vorhemden zufrieden," sagte Flip, „rechne 'mal sechs ü einen Viertelgulden auf dem Markt —im Laden kosteil sie mindestens neun Stüber — und gieb mir einen Bindeschlips dabei für zwanzig Cents.. Das Bleistiftendchen schrieb — Leon zählte laut. „ .. . Zweiunddreißig Gulden neunzig — noch siebzehn Gulden und zehn Cents. — Nun vorwärts! - Es wird doch schon noch mehr nöthig sein .. In dem heißen Zimmer brüteten sie auf's Neue. „Es ist doch gottsunmöglich, so viele Cents auf einmal auszugeben," sagte Vater. „Noch siebzehn Gulden," sagte Mutter ängstlich, „ich dachte daß wir da wären..." „Mutter kann Hosen brauchen— nun schüttle nur nicht so verneinend — sie hat keine zwei, Leon!" „Hosen für Mutter," schrieb der Junge laut lachend auf, „Hosen mit Spitzen, was, Mutter?" „Närrischer Junge," lachte sie ganz betäubt von der Ueppigkeit, „man kriegt doch den besten gelben Köper für einen Viertelgulden die Elle. .." „Und aus zwei Ellen macht man eine Hose," rechnete Vater ans, der das kannte. „Gelber Köper ist stärker als der feinste Battist," nickte Mijntje. „Zwölf Stück dann?" fragte Leon, der das Maß seiner Güte voll machen wollte. „Zwölf Hosen? Was soll ich mit zwölf Hosen thnn?" ries Mutter bange. „Nein, zwölf, das ist Verschwendung." sagte Vater, „schreib' sechs auf — das macht — das sind drei Gulden .. ." „Drei und zweiunddreißig macht fünfunddreißig, kalkulirte Leon. „Wir kommen gar nicht hin," klagte Mutter. „Es ist eine Sünde," sagte Vater beklommen, „ich wüßte wirklich nicht, was noch mehr nöthig wäre . .." „Wie viel ist es denn noch?" fragte Mijntje, schon leicht schwitzend. „Noch vierzehn Gulden und zehn Cents," ries Leon fröhlich. „Laßtuns mal nachsinnen," grübelte das alte Frauchen, angestrengt ihre Untertasse beschauend, „laßt doch mal sehen — wenn wir nun noch ein Nöckchen kauften für das Kind von Saar? ..." „.Und.und." überlegte Vater, heftig qualmend. So bliebe» sie, sinnend und grübelnd, bis tief in die Nacht hinein sitzend, veränderten, zählten, strichen wieder ans — um die Summe zu erreichen — die Riesensumme! Irrthümer. Eine Erzählung von B. Ginsberg. III. ch habe Sie da in der besten Unterhaltung gestört, schein! es!" sagte Rechtsanwalt Silberstein. Und kaum wa ihm das Wort entschlüpft, so hätte er es gern Wiede ungesagt gemacht.. .. Wie! hatte er ihr nichts besseres zu sage: als solch eine leere Redensart, nun er ihr nach längerer Zen wieder einmal begegnete? Hatte er sich nicht schon vorher zurechtgelegt, was e ihr sagen wollte, — jedes Wort? — Und nun mußte sie glauben er sei eifersüchtig! „Gewiß, ich habe mich auch gut unterhalten!" sagte si trotzig, „und es that mir leid, daß Sie mich schon fort holten." ... „Und ich war bisher der Meinung, daß meine Gesellschaf Ihnen nicht ganz unangenehm sei . . . so war das also ein Jrrthum, Fräulein Lea . . ." Ohne seine Worte weiter zu beachten, sagte sie kur „Bitte, nennen Sie mich nicht Lea!" „Also — gnädiges Fräulein!" — — Verwünschte Rothkragen! dachte er erbittert. Sie haben ihr das Köpfchen verdreht. Aber es kann nur vorübergehend sein, — ich baue auf ihren gesunder Sinn!- „Also — gnädiges Fräulein — ich weiß zwar nicht, wo durch ich mir Ihre Ungnade zugezogen habe." — „Ach, so meine ich es nicht!" sagte sie beschämt. „Sie sind ja ein alter Bekannter. Aber Lea sollen Sie mich nicht nennen — wie soeben vor den Herren, — es ist mir peinlich. Sagen Sie: Leonie." „Schämen Sie sich Ihres schönen und wohlklingenden biblischen Namens?" „Ach, ich wünschte meine Eltern hätten weniger biblischhistorisch gedacht und mir lieber eine,» modernen Namen gegeben! — Lea — es klingt so jüdisch, so alttestamentarisch und unmodern!" „Aber Sie sind doch Jüdin!" „Leider Gottes — ja!" „Leider? — — das sagen Sie? Wenn ich das noch sagen würde, der Mann, der mitten im Leben steht, und dem nicht nur sein Judenthum, sondern auch seine polnische Abstammung Anfeindungen genug einträgt.... Und ich bleibe dastehen, wo „der Zufall der Geburt mich hingeworfen", wie Nathan sagt. — und ich bleibe gern da! Und Sie, was verspüren Sie denn von den Leiden des Juden? Sie, die mit echt jüdischer Zärtlichkeit geliebte Tochter, die gefeierte Schönheit." . . . „Orientalische Schönheit!" warf sie ein. „Orientalische Schönheit.... das giebt Ihnen nur einen Reiz mehr!" . . . „Ich möchte lieber eine germanische Schönheit sein!" „Etwa wie das Bürgermeister-Lieschen da drüben?" neckte er. „Nein, so semmelblond und stumpsnäsig"- „Das ist aber oft unzertrennlich von dem germanischen Typus. Ich kann mir die berühmte Thusnelda nicht einmal anders vorstellen. ... Da ist mir die Braut des Hohen Liedes doch lieber." ...

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