Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 321 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228501--58802-3295274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
321 — starrten sie nach dem Kapital, dem Wunder, der Riesen summe in Leons steifen, durch Arbeit schwieligen Händen. Bater sprach zuerst: „Das können wir nicht annehmen — das ist zu viel..." „Viel zu viel," sagte Mutter, „nein, das nehmen wir nicht an . . „Das kannst Du nicht missen," bekräftigte Flip. „Er meint es auch gar nicht so," philosophirte Misntje, zweiflerisch zu dem gesunden Verstandsphantasieding ihres Kopfes redend, das sich gar nicht sofort an so eine baldige Geldverschwendung gewöhnen konnte. „Und wenn ich's aber rinn doch so meine!" brach Leon nun aber los, üppig sich geberdend und ein gewichtiges Argument auf das andere stapelnd: „Bin ich denn von der Reise zurückgekommen, um Bändchen zu verkaufen? Soll ich Vater und Mutter feinmachen mit 'ner todten Fliege?" „Was quatscht Ihr nun? 50 Gulden ans den Kopf habe ich für Euch über. Vorwärts — hier habe ich ein Stückchen Papier und ein Endchen Bleistift: sagt, was Ihr haben müßt, dann schreibe ich die Liste — dann können wir rechnen, wie wir auskommen. Was hast Du zuerst nöthig, Mutter?" . . . Beinahe herausfordernd sah er nach ihren Gesichtern, die sich nicht beschreiben ließen, die elenden Sorgengesichter, über die sich jetzt ein Glanz legte, wie — wie kommen wir nur damit zu Stande — wie können wir so viel Geld mit Verstand anwenden. Sagen thaten sie noch nichts. Sie hockten um den runden Tisch mit den Tassen herum, bückten sich unter die Lampe und stierten träumerisch, gläubig, auf die beiden gelben, abgegriffenen Scheine. Dann sagte Vater noch einmal, hartnäckig abweisend : „ . . . Nein, das kannst Du nicht missen . . ." „ . . . Und wenn ich's aber nun doch kann," brach Leon los: „Wenn ich noch dreimal so viel gespart habe! Habe ich denn eine Frau, und habe ich denn Kinder? — Nein — die habe ich nicht.—Nnn,also! Hast Du nachgedacht, Mutter?" Mutter faltete die Hände, lächelte glücklich und blickte nach ihrer Untertasse. Es war solch ein plötzliches, gewaltiges Ereigniß, das Wählen müssen — und all das Geld, — daß sie Mühe hatte, ihre strauchelnden, galoppirenden Gedanken, die wie ausgelassene Bauernkinder in Holzschnhen in ihrem Kopf hin und her und wieder zurnckrannten, zu der ernsten, zur Wahl nöthigen Vorsicht anzuhalten. Aber während sie noch aufgeregt grübelte, lächelnd vor sich hinblickend, erklang Flips Stimme, nüchtern — überredend: „. . . Wenn Du mich fragst, Leon, dann sage ich, laßt uns keine Liste machen und nichts für uns selbst kaufen — gieb das Geld ins Geschäft. Mit fünfzig Gulden, da läßt sich was machen . . ." „Hört mal ihn!" spottete Leon, „Er will es sagen! Noch keinen Cent davon ins Geschäft! Wir sprechen nicht übers Geschäft! Einem geschenkten Gaul sieht mau nicht ins Maul. Gebe ich oder giebst Du? Ich bin herübergekommen, um Euch ins Zeug zu stecken. Was? Habe ich Recht, Mutter?" Sie nickte vergnügt, wohl wissend, daß eine ganze Menge nöthig war, und daß der Handel doch schief gehen könnte, so daß alles verloren ginge. „Mijntje rief laut dagegen: „. . . Das Geld in den Handel stecken? Ich habe keinen heilen Strumpf am Leib! Ich danke dasür. Was Ihr habt, das habt Ihr. Nun wähle doch, Mutter! Du sitzst ja gerade da, als ob Du keine Zehn zählen könntest. . . ." „Wenn ich denn wählen muß," zögerte Mutter, immer freundlich airf ihre Untertasse starrend und leise den Trauring um das magere Knöchelchen ihres Fingers drehend, „dann setz' für mich drei Unterjacken auf die Liste . . ." „Hohoho!" lachte Leon laut, „wie kommt nun Jemand auf Unterjacken zum Geschenk!" . . . „Wenn ich sie aber doch nun nöthig habe," lächelte die Mutter lieb, „ich Hab' nur noch eine, und die habe ich an, und sie sind nicht thener . . ." „Unterjacken," schrieb Leon auf das Kladdenpapier. Erst sog er an dem Bleistiftendchcn und beleckte es, dann drückte er mit dem Stümmelchen, daß sich die Buchstaben tief in das Tischtuch eingruben: „Unterjacken — drei Stück — was muß man dafür ansetzen?" „Setz' einen Thaler an für die drei," rechnete Mutter aus. „Und Du wolltest doch immer so gern einen Mantel haben Mutter!" sprach Mijntje singend. „Ja, einen Mantel, — ein Mantel reißt zu tief ins Geld," meinte das dürre Frauchen, ganz konfus ihren falschen Scheitel glatt streichend. „Wir haben Geld genug!" schrie Leon. — Was kostet ein Mantel?" „Eine feine Rotunde oder Cape," grübelte Mutter mit glückstrahlenden Augen. „Eine Rotunde ans schwarzem Tuch oder Thibet mit Spitzen und mit Perlbesatz kostet mindestens zehn Gulden . . -" „Laß uns fünfzehn ansetzen," schrieb Leon schon, „das sind sechzehn und ein halber, wir sind noch lange nicht so weit! Nun, Vater?" Vater nickte mit Ueberlegung und blickte nach seinen Füßen. „. . . Ich? . . . Um die Wahrheit zu sagen, ich laufe auf meinem Zahnfleisch — schenk mir ein Paar lederne Pantoffel, so für drei Gulden vielleicht . . ." Der Bleistift bearbeitete daS Papier, während sie still darüber nachgrübelten, was sie nehmen sollten. „Neunzehn fünfzig," rechnete Leon. „Und Strümpfe," bat Vater. „Sechs Paar, um wieder gut hineiuzukominen, n vierzig Cents," sagte Mutter. „Zwei Gulden vierzig lind neunzehn fünfzig sind einundzwanzig Gulden neunzig," rechnete Leon, die Mücken wegblaseud, die aufs Papier flatterten. „Und wenn ich noch was für mich wählen darf," überlegte der alte, bärtige Mann, bange, daß er für sich zu viel verlangte, „dann möchte ich wohl noch einige rechtschaffene Hemden . . ." „Da steckt so viel Geld nicht drin," philosophirte Mijntje, ihr bleiches, sommersprossiges Gesicht dicht aus die Kladde beugend: „Ein Stück guten gelben Nessel — was Mutter? — Ein Stück Nessel, das wird so weiß wie Kreide in der Wäsche — rechnet mal aus — vier Ellen gehören zu einem Hemd — und die Elle rechnet mal aus zu zwanzig Cents .. ." „Wie viel Hemden willst Du haben, Vater?" fragte Leon. „Achtzig Cents das Hemd — dann machen sechs ..."