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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 319 (sequence 9)
Language
German
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319 Ach, wie zuckt's, wie kribbelt^ umsonst! denn es zuckt ja und kribbelt Mörderisch Dir durch den Leib das vermaledeite Chirarga, Also benenn' ich's, denn Dir liegt einzig ja doch nur am Schreiben. Aber im Ernst! gern hätt' ich ein wenig die Zeit Dir vertrieben, Hern ein verschnörkelt Poem Jbn Esra's, mein Deutsch radbrechend, Treu Dir wiedergegeben im Takt des hebräischen Rothwälschs. Me die witzigen Homonyme, die Allusionen. All das kranse Gezeug, I-Tüpfelchen, Pünktchen und Strichleiu, Za, wo möglich sogar die Akrostichon — ach! und die Reime! Rennst Du doch sonst Neimhexerich mich — ich meine zum Spotte! — 0 wie sollte das alles grotesk, vielfarbig erfunkeln. Dein alttestamentarisches Herz Dir erfüllen mit Labsal! And Du solltest Dich wieder des jüdisches Freundes erfreuen! Sieh, das hatt' ich vor! ohrfeigte nach vornen und hinten Dein Exemplar des Divans, großherzig gemacht zum Präsent mir, Spähend, so wie nur der Leu in der Schrift sucht, weu er verschlinge. Aber ich schwör's bei den Göttern, bei ihm auch, dem Ewiggepriesnen, Nichts von der ganzen verehr!ichen Sippschaft dieser Ghaselen, Nichts von dem Hymnengetön, tiefsinnig und o wie gekünstelt! Nichts von dem Näthselgeflunker, den ehrbar biblischen Wörtlein, Nichts, gar nichts hat vermocht, uachahmend den Geist mir zu stimmen, Weil ihm die Einfalt fehlt, die zumeist uns greift in die Seele, Weil der verdüsterte Sinn kein leuchtender Spiegel der Welt ist. Hart sind die Zeiten, o Freund! Da fallen wohl hart auch die Worte. Sagt, wo steuert ihr hin, was treibt ihr komischen Käuze, Daß ihr im Wust stets wühlt und verkennt das lebendige Leben? Daß ihr veralteten Kram anstischt als erquickende Nahrung Und das verkümmerte Volk laßt sterben in ekler Genußsucht? Mag Lesarten ein Dukes und mag.sie sammeln, Wer in Quisquilien ergraut, kann nie als Greis sich verjüngen; Thatkraft fordr' ich vom jüngeren Mann, und ich fordre mit Recht sie. Bändigen muß er die Lust, die erschlaffende, wie es verlockt auch. Still im vertrauten Gemach die vergilbten Scharteken zu lesen, Manchen bedeutenden Wink, manch kerniges Wort zu erhaschen Und zu verträumen die Zeit, die Eigenes heischt und nicht Fremdes. Als auf dem Forum zu Roms Todschrecken die Erde sich aufthat. Warf wohl Curtius da in den Spalt sibyllinische Bücher, Disquisitionen und fromme Traktätchen und altes Gerümpel? Nein, selbst sprang er hinein, auf dem Pferd, mit der glanzenden Rüstung — Sieh, da schloß sich der klaffende Schlund. Nom hatte den Frieden. Graunhast, Freund, ist der Zeit Antlitz, wie der Blick der Meduse, Tod und Vernichtung droht dem Bekenner des edelsten Glaubens, Und da hast Maulaffen Du feil? mit Diwanengekritzel Willst Du stopfen den Rachen der wüthenden Antisemiten? Freund! da gilt's. mit der ganzen Person einstehn für den Glauben, Zeigen, wie unter ihm stehn so kläglich die Baale, die Graale. Jetzo, wenn je, heißt's, stellen den Mann und mit klarem Bewußtsein Blödesten Angen enthüllen den Goldschatz unseres Volksthums, Aber ihr mummelt und zappelt, und gichterisch hierhin und dorthin Greift ihr mit fahrigen, zitternden Fingern, wie befallen vom Rheuma. Und so wünsch' ich so Dir wie dem Volke die beste Gesundheit, Und so baue der Herr uns das echte Jerusalem — Amen! Lieber Freund! Wer den Schaden hat. braucht für den Spott nicht zu sorgen. Vielleicht sind Sie bei Empfang dieses Schreibebriess schon wieder in Thätigkeit bei irgend einer Handschrift und dgl. Mein Sohn empfiehlt sich Ihnen, leider durch keine hübsche Schrift; er wollte zuletzt gar statt Amen ein studentisches Servus setzen. Bedauern Sie mich armen Aharon, der ich alles Gold, allen Schmuck, dessen ich habhaft werden konnte, in diese junge Seele hineinschmolz. — Ihr noch immer heiserer, hustender und sogar im Sprechen behinderter Wien 1886 V. 16. S. Heller. Abraham Geigers erste Predigt in Frankfurt am Main. Bon Professor Dr. B. Kut tn er-Frankfurt am Main. E^m 12. Juni 1832 kehrte Abraham Geiger aus Bonn Av nach seiner Vaterstadt Frankfurt zurück und hielt vier "^0^ Tage später in dem benachbarten Hanau eine Probepredigt; aber zu einer Anstellung kam es nicht: „Geiger erschien den Hanauer Juden nicht fromm genug." Aber noch in demselben Jahre erhielt er von Wiesbaden ans die Einladung zu einer Probepredigt und wurde dort am 21. November zum Rabbiner gewählt (s. Abr. Geigers Leben in Briefen, von Ludwig Geiger, S. 42). Zwischen diesen beiden Probepredigten liegt Geigers „Gastpredigt" im Andachtsaale der israelitischen Bürger- und Realschule (Philantropin) zu Frankfurt a. Main, am Samstag, den 8. September 1832. An dieser Schule bestand seit 1814, von dem Religionslehrer Johlson ins Leben gerufen, eine samstägige „Andachtstunde" in deutscher Sprache mit deutscher Predigt, deutschem Gesang und Orgelbegleitung. Die Andachtstunde galt „als fortgesetzter Religionsunterricht in reinster Form und zeitgemäßer Art" und erfreute sich allgemeiner Theilnahme. Der stets zunehmende Andrang Erwachsener, denen der hergebrachte Gottesdienst der Synagoge nicht mehr genügte, veranlaßte den Gemeindevorstand im Jahre 1828, einen eigenen Andachtsaal zu erbauen, in welchem außer den Andachten an Sabbathen! und Festtagen auch die Konfirmationen und öffentlichen Prüfnngeu stattfanden. Die Predigten wurden von dazu bestimmten Lehrern der Anstalt, gewöhnlich von den Neligiouslehrern und dem „Oberlehrer" (Direktor) gehalten, jeder andere Prediger mußte die Erlaubniß des Schulraths eiuholen. Dieser zog nicht nur die Person des Bittstellers in Betracht und versagte bisweilen die Erlaubniß, sondern forderte auch ausnahmslos das Konzept der zu haltenden Predigt, und nur wenn diese in jeder Beziehung einwandfrei und angemessen erschien, durfte sie gehalten werden. Der Schulrath, von dem übrigens zwei Mitglieder bei jedem Gottesdienst zugegen sein mußten, übte diese Strenge in der ausgesprochenen Absicht, seine Kanzel nicht zum Tummelplätze von Schwähern und Stümpern zu machen und der Andachtstuude i» jeder Beziehung ihre Würde zu bewahren. Darum war es eine begehrte Auszeichnung, im Andachtsaale predigen zu dürfen, zumal die Kanzeln für deutsche Predigt damals noch ziemlich selten waren; und nicht nur zahlreiche Kandidaten, sondern auch Männer in Amt und Würden bewarben sich um diese Erlaubniß; Diese sahen darin eine Ehre, Jene eine Ehre und Empfehlung zugleich. Männer, die nachmals zu den gefeiertsten Kanzelrednern zählte», haben ihre Probepredigten im Andachtsaale gehalten und von hier aus ihren Ruf begründet. Einer dieser Männer nun war, was weniger bekannt sein dürfte, auch Abraham Geiger. Er hatte sich freilich schon in Bonn im Kreise von Freunden — wie Leopold Zunz — im Predigen geübt, in seiner Vaterstadt aber betrat er am oben genannten Tage zum ersten Male die Kanzel. Die Eingabe, in welcher er um die Erlaubniß hierzu bittet, befindet sich im Archiv des Schulraths der israelitischen Realschule zu Frankfurt am Main und lautet wie folgt:

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