Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 318 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Fr.: Was sollst du und was willst du hier aus Erde»,? A.: Ich soll und will uud muß hier glücklich werden. Fr.: Was ist es. was man unter Glück versteht? A.: Wenn es uns ganz nach eignem Wunsche geht. Fr.: Was wünschst du einst zu sein? ein Fürst? ein Held? A.: Zum Glücke thuts vor allem Noth an Geld. Fr.: Verlangst du nicht nach idealen Gütern? A.: Dies überläßt man kindlichen Gemüthern. Fr.: Ei, junger Manu! Pflegt Jugend nicht zu schwärmen? A.: Um jung sich noch im Alter abznhärmen. Fr.: Das Resultat modernen Unterrichts? A.: Thu alles für dich selbst, für andre nichts. Fr.: Doch jeder scheut und flieht den Egoisten? A.: Man muß geschickt die andern überlisten. Fr.: Wie macht man das am unfehlbarsten? sprich! A.: Man schwärmt fürs Wohl der Welt und nützt nur sich. Fr.: Und wenn man dich dann einen Heuchler nennt? A.: Wenn man mich nur als klng auch anerkennt. Fr.: Kann man denn glücklich ohne andre sein? A.: Das wahre Glück genießt mau ganz allein. Fr.: Und treue Freundschaft? hältst du nichts von ihr? A.: Ich halte sie in Ehren, nützt sie mir. Fr.: Wirst du am Freund in Nöthen zum Verrüther? A.: Beileibe nicht! er nützt vielleicht mir später. Fr.: Doch wenn du sicher weißt, daß er nichts nützt? A.: Der wär' ein Thor, der ihn dann länger stützt. Fr.: Ist dir die Liebe nichts zu einem Weib? A.: Dem Jüngling, Mann der schönste Zeitvertreib. Fr.: So brauchst du andrer doch zum Glück, der Frau'n? A.: Ich kann nicht hungernd an mir selber kau'n. Fr.: Wie? schätzest du am Weib nur den Genuß? A.: Wenn der vorüber, ist's vom Ueberfluß. Fr.: Was nimmst du denn aus dich der Ehe Plage? A.: Ich brauche Pflege für die alteil Tage. Fr.: Und wenn ein andres Weib dir mehr gefällt? A.: Ich wüßte nicht, was dann zurück mich hält. Fr.: Und das gegebne Wort, der Treue Bund? A.: Das ist für Knaben, doch für mich kein Grund. Fr.: Und wenn ein andrer besser ihr behagt? A.: Ei, meiuethalb, wenn sie mirs nur nicht sagt. Fr.: Doch wer soll dir die Kinder überwachen? A.: Es giebt schon dumme Kerle, die es machen. Fr.: Will so ein Kerl znr Tugend sie bekehren? A.: Sie folgen meinem Thun nicht seinen Lehren. Fr.: Ich muß noch fragen: glaubst du auch an Gott? A.: Mich brächt' es, rund zu sagen, aufs Schaffott. Fr.: So sags verblümt: wie ists mit diesem Gotte? A.: Am besten ists, man geht im alten Trotte. Fr.: Du meinst, es kann nicht schaden, ihm zu dienen? A.: Oft bringt es Geld und Gut ans frommen Mienen. Fr.: Doch gilt man als bigott und lächerlich? A.: Man hat den wahren Gott und tröstet sich. Fr.: Den wahren Gott? ei sprich, wer ist denn der? A.: Ein alter Gott! stammt aus der Bibel her. Fr.: Meinst dus im Ernste? treibst du Schabernack? A.: Der alte Gott vom alten Judenpack. Fr.: Wie? der behauptet heute noch das Feld? A.: Gewiß! das goldne Kalb, das Geld, das Geld. Fr.: Gilt jedes Mittel gleich, es zu erwerben? A.: Ja; Arbeit, Trug und Spiel, man kann auch erben. Fr.: Warum stellst du die Arbeit obenan? A.: Ach, leider! daß man sie nicht missen kann. Fr.: Du nanntest ja doch auch Betrug und Spiel? A.: Bei dieser giebts der säuern Arbeit viel. Fr.: Braucht man beim Erben eine Hand zu rühren? A.: Mau würde gar zu bald den Mangel spüren. Fr.: Doch wer wird mit Betrug sich Geld erschnappen? A.: Mau lasse sich nur nicht dabei ertappen! Fr.: Wer aber setzt sich Spiel zum Lebensmotto? A.: Das ganze Leben ist ein großes Lotto. Fr.: Natürlich liebst du auch das Börsenspiel? A.: Es führt am schnellsten oft zum wahren Ziel. Fr.: Nicht auch in Elend und Verworfenheit? A.: O niemals, hört man auf zur rechten Zeit. Fr.: Warum denn willst du nichts den Juden gönnen? A.: Weil sie es besser als wir alle können. Fr.: So bist im Grund du eins mit dem Geschmeiße? A.: Gern bin ich Jude, wenn ichs nur nicht heiße. Fr.: Noch eins: was hältst du denn vom Vaterland? A.: Ich halt' es hoch, weil ich drin Nahrung fand. Fr.: Des Vaterlandes Ruhm und Glanz und Ehre? A.: Mir lieb, weil ich mein Gut dabei vermehre. Fr.: Doch wenn das Vaterland ein Opfer heischt? A.: Wenns sein muß, ja, Wenns nicht mich selbst zerfleischt. Fr.: Und forderts das Vermögen und das Leben? A.: 's sind andre Narren g'nug, die gern es geben. Fr.: Bist du für Republik, für Monarchie? A.: Was just besteht. Verändrung lieb' ich nie. Fr.: Zahlst du die Steuern gern fürs Vaterland? A.: Sie sichern ja uns selber den Bestand. Fr.: Und leistest du auch größre Gaben gern? A.: O ja. da giebts ja Adel, Ordensstern. Fr.: Und kränzt es Sieg nach langer Kriegesuoth? A.: Da jauchz' ich auf als braver Patriot. Fr.: Und zwingt ein Feind des Vaterlands Gebiet? A.: Da bin ich denkender Kosmopolit. Fr.: So bleibst du denn gefaßt in allen Dingen? A.: Ich sage dir, ich bin nicht umzubringen. Fr.: Beirrte niemals dich die Armenfrage? A.: Ein böses Thema, daß ichs ehrlich sage! Fr.: Und was beängstigt dich an ihr so sehr? A.: Mit ihr sich abzufinden ist so schwer. Fr.: Mit Religion wars dir ein Kinderspott? A.: Glaubt doch der Pfaffe selbst an keinen Gott. Fr.: Warum schien dir so leicht der Ehebruch? A.: Weil selbst dem Weib die Ehe gilt als Fluch. Fr.: Warum Verrath am Vaterland ein Scherz? A.: Weil kaum der Fürst dafür besitzt ein Herz. Fr.: Läßt sich nicht leicht die Armenfrag' auch fassen? A.: O furchtbar ist's — die Massen! ach, die Massen! Fr.: Kann Proletariat die Ruh dir rauben? A.: Weil diese Massen an sich selber glauben. Fr.: Und weißt dagegen du dir keinen Rath? A.: Vielleicht das geist'ge Proletariat. Fr.: Das man mit Bettelpfennigen besticht? A.: Ja, ja, der Journalist, der arge Wicht. Fr.: Wie sollen die beim Volke Unheil stiften? A.: Sie sollen durch Ideen es vergiften. Fr.: Die Zeitungsschreiber, was vermögen die? A.: Sie stümpern National-Oekonomie. Fr.: Doch wie verdrängen die Lassall' und Marx? A.: Mehr Freunde als des Guten giebts des Quarks. Fr.: So hast du Hoffnung noch, sie zu besiegen? A.: Besonders eine kann nicht unterliegen. Fr.: Was ists, was doch zuletzt dich sicher macht? A.: Siegt schließlich immer doch die Niedertracht. II. An 1). L. Trefflicher Freund! was fiel Dir denn ein, Dir ein Rheuma zu holen? O wie fühl' ich so ganz doch den Schmerz schreibseliger Finger, Die sich im Dienst des erhabensten Volks abrackern seit Jahren, Hier ein Gedicht, dort eine Notiz aus dem Wust ausgraben, Jeden Quadratbuchstaben des Horts vorsichtig betasten Und den abstrusesten Text mit noch weit abstruseren Glossen Geistreich — ou ne xeut pris imeux! — und so deutlich erläutern, Daß wir den Unsinn zählen, den Wahnwitz, jegliche Kippe Und es begreifen, wie herrlich es ist, mit dem Schund sich zu schinden! Ach, wie zuckt, wie kribbelt es jetzt in den müßigen Händen, Ein dickleibiges Machsor von Vitrh — wohl gar Dein Machsor!! Dein für so theueres Geld! — ans ein Stündchen nur rasch zu durchblättern.