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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 317 (sequence 7)
Language
German
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317 Feinheit ihrer wirksamster! Triebkraft berauben würde. Das Iudeuthum war und ist zur unwandelbaren Behauptung des einen Monotheismus berufen. Nur diejenigen Juden können )as fordern, welche sich auf keine Transaktion einlasfen, mit ihrem Gewissen nicht kapituliren, sondern den heidnischen und cholastischen Elementen des Christenthums einen unerschütterlichen Widerstand leisten." Mau könnte fast sagen, daß Cohen nicht nur den ethischen Inhalt, sondern noch viel mehr den Affekt der Gesinnung von den Propheten überkommen hat. Allein neben den Inhalt der Ethik hat Cohen noch eine ehr wichtige Idee von den Propheten übernommen, ein Prinzip, welches allein erst die Verwirklichung des Sittenzesetzes in der Menschengeschichte verbürgen kann: die Eottesdee, d. i. „der Glaube an die einstige Wirklichkeit der moralischen Welt, der Glaube an die Macht des Guten." Und stammt dieser Glaube wirklich von den Propheten? Cohen erwidert: ,Wenn es nun unbestritten ist, daß die israelitischen Propheten >ie Idee des Monotheismus erdacht haben, so ist der wahre Hottesbegriff im Zusammenhang der messianischen Ideen entbanden. Denn das „Ende der Tage", die Zeit des Messias, bedeutet: die Vereinigung der Menschen in dem einen Gotte." So können wir wohl mit vollem Recht behaupten: Das Ziel der Cohen'schen Philosophie, der Primat seiner Vernunft st die prophetische Ethik in Verbindung mit der prophetischen Zottesidee: der wahre ethische Monotheismus in seiner höchsten begrifflichen Vollendung. Ziehen wir noch die vielen Tagesichriften und herrlichen Vorträge Cohens in Betracht, in welchen er zu allen Zeiten mit echt prophetischer Begeisterung für das Recht und die Wahrheit seiner angestammten Religion .intrat, berücksichtigen wir endlich seine praktische Bethätigung :ür das Wohl seiner Glaubensgenossen — ich erinnere nur an eine lebhafte Antheilnahme an allen Fragen des Judenthums, sie von ihm ausgehende Gründung einer Heimstätte für Lehringe, Schüler und Studenten — so können wir ihm im Hinblick aus die nunmehrige Vollendung seines 60. Lebensjahres mr wünschen, daß seine Wirksamkeit noch viele, viele Jahre m gleich fruchtbarer Weise sich entfalten möge: zum Heile der Menschheit, zum Heile der deutschen Wissenschaft und nicht in ehter Reihe zum Heile des Judenthums und seiner Wissenschaft. David Kaufmann und Seligmann Keller. (Mit »ngedruckten Briefen Hellers.) ieder jährt sich die Erinnerung an das jähe Hinscheiden des geliebten Freundes, wieder wird das Andenken an den edlen und reinen, an den hochinnigen und liebenswerthen Mann in uns wach. Aber je weiter wir uns von ihm entfernen, desto klarer tritt die Erkenntniß hervor, daß in dem David Kaufmann, der uns am i. Juli 1899 so Plötzlich entrissen wurde, ein Mann dahingegangen, dessen Verlust ein nnersetzter, ein unersetzlicher ist :nr die Wissenschaft, für die Glaubensgemeinde, für die Menschheit. Und für die Menschlichkeit, könnte man heute noch hinzufügen. Denn erst nach dem Tode Kaufmanns ist es allgemein bekannt geworden, was er als Mensch dem Menschen gewesen. Wie rührend sind die Briefe des Jüngers an den greisen Meister, an Leopold Znnz, zu lesen, irr welchen er den ob des Todes seiner Gattin in Trübsinn verfallenen Greis immer wieder zu wissenschaftlichem Leben zu erwecken sucht! Und genau wie zu dem Forscher, steht er auch zu dem Dichter. Ihm ist eben nichts fremd gewesen und nichts fern gedlieben, was zu Ehren des von ihm so heiß geliebten Judenlhums geschehen. Kaufmanns Beziehungen zu S. Heller, dem Dichter des „Ahasver", sind nicht nur historisch, sondern auch psychologisch von höchstem Interesse. Man kann sich ,licht leicht zwei größere Gegensätze denken als diese beiden Männer. Ein begeisterter Jüngling, ein glühender Jude, ein kühner Forscher der Eine, ein kalter Skeptiker, ein müder Mann, ein pessimistischer Zweifler der Andere! Aber nur scheinbar — denn Kaufmann hat mit seltenem Scharfblick in dem kalten Skeptiker den ringenden Poeten erkannt! Und nun beginnt sein Liebesiverben, seine Mühe und Sorg», gelegentlich auch sein Kampf mit dem Manne, um dessen Leier für die Melodien der großen Poeten des Judenthums zu stimmen, ein unermüdlicher Kampf, der endlich nach Jahren zu vollem Siege führt. Und rin« Frucht dieses Sieges sind „Die echten hebräischen Melodien", die Kaufmann 1893 im Triumphzuge durch die Welt führt. Aber Niemand ahnte damals, was Kaufmann in jener Zeit geleistet und gewirkt hat, wie er alle Hebel in Bewegung setzte, um den hochbegabten, aber auch sehr schwer zu behandelnden Dichter für das große Ziel zu gewinnen. Jahre dauerte der Kampf, um Hellers hartnäckigen Widerstand zu überwinden. Man kann sich kaum denken, was der Edle oft darunter zu leiden und zu dulden hatte! Nur einem so muthigen und begeisterten David konnte es gelingen, diesen Goliath an Geist und Kraft seinen Wünschen gefügig zu machen. Die nachfolgenden Briefe, die ich der Güte der trefflichen Wittwe meines Freundes, der Fran Professor Irma Kaufmann in Budapest, verdanke, sind aus einer reichen Korrespondenz von mehr als zehn Jahren ausgewählt, die sicher einmal ganz herausgegeben werden wird. Aber schon aus diesen Briefen wird man erkennen, welche Arbeit Kaufmann aufwenden mußte, um alle Hindernisse und jeden Widerspruch seines so hoch geehrten Freundes zu bekämpfen. Es wäre wohl auch keinem Anderen gelungen, dessen große poetische Kraft für dieses Ziel zu gewinnen. Um so rührender war das heiße Liebeswerben Kaufmanns um die echten hebräischen Melodien. Dieser Zug seines Wesens bildet sicher eine der interessantesten Seiten der Lebensgeschichte des theuren Mannes, dessen Verlust wir heute noch mehr als vor drei Jahren beklagen, und für den wir auch heute nichts als den Trost haben: „Denn er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen." Lieber Freund! Umstehend finden Sie das Opus „Moderner Katechismus oder die Juden des 19. Jahrhunderts, als Frag- und Antwortspiel in wunderschöne Reime gesetzt von S. Heller", das ich vorige Woche einer Dame, die mir vier lange Blätter ihres Albums aufdrang und Stein und Bein schwor, es dürfe keine Seite unbeschrieben bleiben, zur Strafe anfertigte. Es ist die Fr. v. S„ Tochter des Barons v. L., und ich wollte ihr den Spiegel Vorhalten, in welchem sie sich sammt Gemahl und Papa getreu abkonterfeit sehen kann. Ihren Aruch habe ich erhalten, verstehe ich so was? schätze ich so was? Ich komme zu eineni Tischler, will ein seines Möbel bei ihm sehen und er zeigt mir — Hobelspäne. Wien 1885, IV. 28. Ihr unermüdlicher Hobler S. Heller.

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