Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 316 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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316 des Judenthnms. Indessen liegt doch gerade in diesem „Streben" anch die Schwäche der Position. Das Streben nach einem Ausgleich setzt den Bestand des auszugleichenden Objektes als einen dauernden voraus, wenn auch kleine Modifikationen mit in den Kanf genommen werden sollen. Daß aber bei einem derartigen Verfahren die Unabhängigkeit und Freiheit der Forschung nicht zur Geltung kommt, bedarf keiner weiteren Begründung. Aus diesem Grunde bleibt auch die Originalität der jüdischen Neligionsphilosophen fraglich, sofern es sich um einen Fortschritt der reinen Erkenntniß handelt; günstigsten Falles erreichten sie einem harmonistischen Eklektizismus. Um so freudiger aber muß die Lebensarbeit eines modernen Philosophen begrüßt werden, der bei völliger Voraussetzungslosigkeit und kritischer Reinheit ein System entwirft, dessen Krönung in einen Hymnus auf die Sittenlehre und den Gottesbegriff des prophetischen Judenthums auSklingt. „Logik der reinen Erkenntniß", so betitelt sich das neueste Werk des Marburger Philosophieprofessors Geheimen Regierungsraths Hermann Cohen, das vor einigen Monaten bei Bruno Cassirer (Berlin 1902) erschienen ist. Aus der Kant'schen Schule hervorgegangen, hat es Cohen verstanden, durch ein kongeniales Nachempfinden der Meisterworte eine solche Vertiefung und Systematisirung der Kant'schen Gedanken herbeizuführen, daß er mit Fug und Recht als das Haupt der Neukantischen Schule bezeichnet wird. Es kann hier nicht der Ort sein, dies des Näheren zu begründen. Nur so viel sei hier augedeutet, daß jetzt erst der Kant'sche Idealismus eine solch gediegene Grundlage erhält, die ein Abschwenken in materialistische Bahnen als absurd erscheinen läßt. „Die Naiven, welche das Seiende fassen möchten, sind noch immer nicht ausgestorben. Helfend und zureichend helfen kann hier nur das Selbstbewußtsein des Denkens: daß es allein zuständig sei, das Seiende zu bestimmen und als Seiendes zu beglaubigen. Denn so gewiß es ist, das; nur in den Grundlagen und Grundmethoden der mathematischen Naturwissenschaft das reine Denken sich enthüllt, so gewiß ist auch das reine Denken Ursprung alles Seienden überhaupt. Und in der ewigen Aufgabe der Zurückführung des Seienden auf seinen Ursprung im reinen Denken bewährt sich der Realitätswerth der Ursprungsidee, als des Grundbegriffes aller Wissenschaft und alles Seienden." Ist es nun Cohen gelungen, durch diese Methode das Sinnliche, also den Materialismus in der Wissenschaft radikal zu entsetzen, so gelingt es ihm nicht minder, das Sittengesetz im Anschluß an Kant auf ein Prinzip zurückzuführen, das jedwede materialistische Zwecksetzung ansschließt. Auch hier darf nur das reine Denken die Grundlage der ethischen Forderung erzeugen. Und wie in der Wissenschaftsidee des Ursprungs die Forderung nach unausgesetzter methodischer Grundlegung unendlichen Charakters ist, so bedeutet auch der Begriff der sittlichen Autonomie die ewig neu zu entdeckende und neu zu formulirende sittliche Aufgabe des reinen Denkens. Weder hier noch dort darf es zu einem endgiltigen, absoluten Abschluß kommen, denn jeder Abschluß bildet eine Begrenzung und Materialisirung der Idee. Wie steht es nun um das Verhältniß zwischen dem so begründeten Sittengesetz und der Religion? Auf diese Frage giebt Cohen Aufschluß in der jüngst erschienenen zweiten Auflage seiner Einleitung zur siebenten Auflage von Friedrich Albert Lange's: „Geschichte des'Materialismus". Was den Ursprung des Sittengesetzes betrifft, so wird jede Offenbarungsreligion den Begriff der Autonomie ablehnend denn Gott und nicht der sündige menschliche Geist ist ihr der Urheber der Gebote; aber „die Erzeugung ethischer Gedanken und die Begeisterung für den höchsten und einzigen Werth derselben verdankt die Ethik der Religion. Nicht die Philosophen waren die Ersten, welche die Gedanken der Sittlichkeit ergrübelten, sondern bevor Sokrates seinen Zweckbegriff des Menschen demonstrirte und Plato die Idee des Guten ersann, hat der Prophet gepredigt: „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut sei." Als Erkenntniß, als Wissenschaft ist die Ethik das Werk der Philosophie; als Inhalt von Gedanken und Geboten ist sie der Hauptsache nach das Erzeugniß der Religion." Die Verbindung zwischen Ethik und Religion ist also nicht begrifflich, sondern „nur historisch aufrecht z» erhalten". Aufgabe der historischen Pietät aber ist es, diesen Verbindungscharakter zwischen Ethik und Religion zu erforschen und zu würdige». Freilich darf diese historische Pietät nicht zu konfessioneller Enge und zum Religionsfanatismus führen. Was Cohen nun hier ausführt, ist gerade heute so zeitgemäß und treffend, daß wir den Autor am besten selbst zu Wort kommen lassen: „Der Offenbarungsglaube, den jetzt nicht allein die historische Bildung sondern fast ebenso einmüthig die wissenschaftliche Theologie aufgegeben, hat in den dafür beliebten Umdeutungen des göttlichen Wortes die alte Enge und Unwahrhaftigkeit theologischer Auffassung nicht wirklich überwunden. Jede Absonderung eines litterarischen Dokuments und einer geschichtlichen Persönlichkeit von dem allgemeinen Interesse der Weltlitteratur und dem allgemeinen Gesetz der Weltgeschichte ist Mythologie und führt fast unvermeidlich zu befangener Auffassung fremder Religionsquellen, damit aber zu Haß und Scheelsucht, die nicht des Glaubens legitime Kinder sind. . . Während in allen Fragen der Wissenschaft und der Kunst das vergleichende Interesse begünstigt wird, wird es bei der Religion vernachlässigt, und die größten Philologen machen Schulknabenschnitzer, wo es gilt, der eigenen Konfession den Besitztitel eines Satzes zu retten und der fremden ihn wegzudeuten," wie dies besonders in der tendenziösen Interpretation des Satzes: „Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst" zum Ausdruck kommt: Nur auf den Volksgenossen habe dieser Satz Bezug. Besonders scharf wendet sich Cohen gegen die völlige Jgnorirung der religiösen Fortentwickelung, wie dies bei Harnack geschieht, der gleichsam als Hegel reckivivns erscheint. Treffend ist besonders der methodische Vorwurf, der hier gegen Harnack erhoben wird, insofern er ganz im materialistischen Sinne geschichtliche Erscheinungen als sogenannte absolute Größen faßt. „Dieses Wort (sc. Absolutes), welches die Wirkung auf die Massen in sich trägt, läßt eine auf Klärung abzielende Auseinandersetzung als nicht angebracht erscheinen, sowohl aus dem Gesichtspunkt der Wissenschaft wie von dem der Philosophie. Ohnehin haben von Seiten der Theologie Jülicher und von der der Philosophie Baumann schlagend darauf geantwortet. Aber die öffentliche Moral und die Humanität muß dagegen ihre Stimme erheben." Sehr glücklich ist Cohen in der Wahl eines Citats aus Berners Dortrag: Judenthnm und Christenthum, und ihre Zukunft, das er gegen Harnack ausspielt: „Eine Bekehrung der Inden zu einem noch polytheistisch gefärbten und durch scholastische Dogmatik verunstalteten Christenthnin ist nicht nur nicht zu wünschen, sondern womöglich Z» verhindern, weil sic die Entwickelung zu höherer Wahrheit und