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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 315 (sequence 5)
Language
German
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315 Milbige», die ehrlich sind, mit derselben Liebe »nd Achtnng umfaßt. Zch nenne die Israeliten aber nicht allein als Christ — ich nenne sie auch als Soldat, denn ich finde null einmal in den, christlichen und dem Soldatenkatcchismus keine Widersprüche. Von diesem Standpunkte und in diesem Sinne habe ich vor vierzehn Tagen in diesen Räumen zu meinen alten Husaren gesprochen. Protestanten. Katholiken and Israeliten — denn auch die Letzgenannten hatten sich >»> stolzen Bewußtsein ihrer Regimentsangehörigkeit zu meiner Freude hier zufammengcsnnden. Ja wahrhaftig! Zn meiner Freude! Denn unter ihnen befindet sich einer der tapfersten Husaren des Feldzuges, ein Bonner Kind. Auch er lebt unter dem Zeichen des Kreuzes, denn er ist für seine Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuze gechmückt, und ich drücke ihm bei jeder Begegnung die Hand veil ich ihn hochachte. Wie ich nachträglich vernommen, sollen meine damaligen Worte dei einigen Zeloten Aergerniß erregt haben, namentlich meine Berufung aus den heiligen Vater. Wenn dies wahr ist, so muß ich mich mit dem Gedanken trösten, daß die Eiferer wahrscheinlich zu jung iud, um den Krieg gesehen zu haben, und deshalb die Soldatensprache nicht verstehen. Wenn Se. Majestät der Kaiser sein Volk ivieder zu den Fahnen rufen sollte, so weiß ich, daß seine Soldaten ihm alle ohneUnterschied des religiösen Bekenntnisses mit derselben Freudigkeit folgen werden wie damals die Väter seinem Großvater." z Die Angelegenheit des Konitzer Mordes taucht wieder einmal auf; wie es scheint, zum letzten Male, falls nicht durch einen günstigen Zufall der wirkliche Mörder doch noch entdeckt wird. Wie bekannt, hat die Staatsanwaltschaft in Könitz die Strafanzeige des Rechtsanwalts Dr. Hahn- Eharlottenburg gegen den Fleischermeister Adolph Lewh in Könitz (jetzt Berlin) und dessen Sohn Moritz „wegen Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter, beziehungsweise wegen Beihilfe zu diesem Verbrechen", durch Verfügung des Ersten Staatsanwalts Schweigger in Könitz vom 25. September 1901 zurückgewiesen. Außer den ursprünglich eingeholten Gutachten lagen der abweisenden Verfügung die Gutachten des Provinzial- Medizinalkollegimns in Danzig, des Berliner Gerichtsphysikus Dr. Puppe und des Gerichtschemikers Dr. Bischosf-Berlin über die Art des Todes des Ermordeten, daß kein Schächtschnitt vorlag, sowie die näheren Begleitumstände zu Grunde. Dr. Hahn legte nun das Rechtsmittel der Beschwerde ein. Darauf be° faßte sich zufolge Gerichtsbeschluß die höchste Medizinalbehörde in Preußen, die Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen in Berlin" (Virchow, von Bergmann, Pistor, von Leyden, Gerhardt, Olshausen, Jolly, Rubener, Moeli, Schmidtmann, König, Landolt, Kirchener) am 4. Februar 1902 mit der Begutachtung. Das Berliner Gutachten stimmte im Wesentlichen init dem Danziger Gutachten überein und widerlegte die Muthmaßungen der Antisemiten und Nitualmordgläubigen. Durch Verfügung des Oberstaatsanwalts in Marienwerder vom 20. Februar 1902 wurde deshalb Dr. Hahn wiederum ablehnend beschieden. Der hiergegen gerichtete Antrag auf gerichtliche Entscheidung wurde in der Sitzung des Strafsenats des königlichen Oberlandesgerichts zu Marienwerder vom 4. Juni d. I. verworfen, und die abweisenden Verfügungen haben Rechtskraft erlangt. Der Fortführung des großen Strafprozesses gegen die „Staatsbürgerzeitung" (Bruhn und Genossen), der so lange ruhen mußte, steht also nichts mehr entgegen; eine große Anzahl Zeugen ist bereits kommissarisch vernommen worden. Die Verhandlung wird am 23. September vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II in Berlin beginnen. Die -lovisli tlolou isntion Association hat ihren Jahresbericht für 1901 heransgegeben. In der Generalversammlung, die nur 15. v. M. in Paris stattgefnnden hat, wurde derselbe ohne jede Debatte zur Kenntniß genommen. Dieser Bericht ist aber so umfangreich, daß nur ein Auszug ans demselben veröffentlicht werden kann. Wie gewöhnlich sind auch diesmal die englisch-jüdischen Journale in der Lage, den Bericht zu veröffentlichen, während die deutschen wohl noch wochenlang darauf zu warten haben. Wir haben gegen diesen Unfug wiederholt unsere Stimme erhoben - bisher leider vergeblich. Da aber die ,1. 6. I.. schon durch ihre Mittel die größte Institution ist, die die moderne Judenheit besitzt, so können wir selbstverständlich, wie es einem solchen Vorgehen gegenüber eigentlich am Platze wäre, den Bericht nicht mit Stillschweigen übergehen. In der Zusammensetzung der Gesellschaft hat sich nichts geändert, als daß an Stelle des Herrn Georges Kohn (Paris) Herr Paul Errera (Brüssel) gewühlt wurde. Das Thätigkeitsgebiet der F. L. ist ein sehr umfassendes. Der Haupttheil liegt natürlich in Argentinien, und dort sind die Erfolge, wie man weiß, nicht von der Thätigkeit der Kolonisten allein, sondern auch von den Naturgewalten abhängig. Die großen Kolonien haben im Berichtsjahre ansehnliche Erfolge erreicht, die kleinen dagegen litten ziemlich unter der Dürre, den Heuschrecken u. s. w. In Kanada und in Cypern gedeihen die Kolonien ziemlich gut, in Palästina ist das Reorganisationswerk ini Gange, in Rußland hat die Gesellschaft neue Agrikultur- und Handwerkerschulen errichtet. Von besonderer Bedeutung ist die Thätigkeit der ll. (!. H. in Rumänien, wo die Emigration arbeitskräftiger Elemente unter ihrer Leitung stetig fortschreitet. Auch in Galizien hat die Gesellschaft gedeihlich gewirkt. Wir behalten uns noch vor, den Bericht der -l. E. ^., der für das große Hilfswerk von ungewöhnlicher Bedeutung ist, schon in nächster Zeit ausführlich zu besprechen. 4 Die Interpellation Goldvogle im amerikanischen Kongreß hat nun doch einen gewissen Erfolg gehabt. Nachdem bereits allgemeine Versammlungen in Newyork und anderen Städten die Frage populär gemacht, hat nunmehr der Senat, wie ein Kabeltelegramm meldet, einen Beschluß gefaßt, der den Staatssekretär auffordert, mitzutheilen, ob den Israeliten mit einem amerikanischen Paß das Betreten Rußlands verboten sei. Die ausweichende Antwort, die der Staatssekretär Hay im Kongreß gegeben, hat also auch den Senat nicht befriedigt. Es wird sich jetzt Herausstellen, daß thatsächlich amerikanische Bürger, sofern sie Juden sind, nicht über die russische Grenze dürfen. Hermann Cohen. Znm 4. Juli 1902. s ist ein Verdienst der neueren Zeit, daß die von echter historischer Pietät erfüllte Wissenschaft des Judenthums den Werken der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters ihre Aufmerksamkeit besonders widmet. Denn selten wohl giebt es eine Religion, die so sehr den Ausgleich mit dem jeweiligen Kulturbewußtsein erstrebte als die Religion

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