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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
Seite 314 (sequence 4)
Language
German
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314 Erlösung der immerdrir sündigen Menschen und die Läuterung derselben zum ewigen Leben. Dieses Dogma von der Erlösung führte folgerichtig zu der Annahme, daß alle Menschen etwas in sich trügen, wovon sie erlöst werden müßten, daß alle Menschen von Geburt an eine Sünde in sich trügen, welche durch keine Reue und Buße gesühnt werden könne, also eine Erbsünde. Man kann mit aller Entschiedenheit behaupten, daß hier der Punkt ist, wo Judenthum und Christenthum in diametralem Gegensatz stehen. Wenn der Mensch als das Ebenbild Gottes anerkannt ist, so darf er nicht mit einer ewigen Erbsünde behaftet in die Welt treten, wenn Gott allbarmherzig ist, so begreift mau nicht, wie diese Sünde sich nicht durch sich selbst versöhnen könne, wenn Gott die Welt vollkommen erschaffen hat, wie kann der Mensch mit einer durch das Individuum unverschuldeten Sünde geboren werden! Es mußte deshalb die Existenz eines bösen Prinzips angenommen und der „Satan", der im Alten Testament nur eine poetische Figur spielt, auch in den Kreis des Glaubens eingesührt werden. Daß durch diese Verschiedenheit des innersten Wesens der Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthnm ein vollendeter wurde, ist leicht ersichtlich,-und man wird schon aus diesen wenigen Andeutungen erkennen, daß es sich bei der Differenzirung der beiden Weltanschauungen durchaus nicht allein um die einzelnen Glaubenssätze handelt, sondern um alle Konsequenzen derselben in der Idee wie im Leben. Jeder, der sich mit vergleichenden religionsgeschichtlichen Studien abgegeben, kennt diese Unterschiede sehr genau. Sie sind auch in jedem Lehrbuch der jüdischen Religion zu finden. Aber für Herrn Professor Paulseil eristiren sie eben nicht; er dekretirt dein Judenthum ein Gefühl der Schuld und der Sündhaftigkeit zu, von dem dasselbe absolut nichts weiß. Nach dem Begriff der Sünde in der Auffassung des Judenthums ist diese eine Verschuldung gegen Gott, dessen Werk sie verunstaltet, ein Abfall von seiner Lehre und dem Sittengesetz überhaupt, endlich ein Frevel gegen die Gesellschaft. Diese Auffassung der Sünde ist eine Idee, die die ganze Bibel durchzieht. „Wahrlich, wenn du Gutes thust, wirst du dich erheben, wo nicht — vor der Thür lagert die Sünde; aber du kannst über sie herrschen," ist der Ausspruch, den die Bibel Gott dem Urgeschlecht zurusen läßt, und der klar und deutlich die Möglichkeit, sich über die Sünde zu erheben, dem Menschen zuerkennt. Noch deutlicher wiederholt sich diese Anschauung in der steten Mahnung an Israel: „Siehe, ich lege dir heute vor das Leben und das Gute, den Tod und das Böse — wähle das Leben." Hier wird das Vermögen des Menschen, mit der Sünde zu brechen und sich von ihr zu reinige», ausdrücklich zugestanden. Diese Lehre von der Sünde findet sich selbst in den Apokryphen, soweit sie nicht vom christlichen Geiste beeinflußt sind. Auch der Talmud knüpft an sie an und sucht sie in seinem Sinne weiter zu entwickeln. Obenan steht der Ausspruch eines der ältesten Talmudlehrer: „Der Mensch sündigt nicht eher, bis der Geist des Irrsinns in ihn gedrungen ist," und der eines anderen: „Wem vier Dinge stets gewärtig sind, der sündigt nie: woher er komme, wohin er ziehe, wer sein Richter sei und was er sein werde." Völlig unbegreiflich aber erscheint es, wie man vom Judenthnm behaupten kann, daß auf ihm das Gefühl der Schuld und der Sündhaftigkeit laste, wenn man an die Institution deS Versöhnungstages denkt, an dem ja ganz Israel l feierlich bekräftigt: „Ewiger, unser Gott, du hast den Mensche» ausgezeichnet von Anbeginn und ihn für würdig erkannt, vo: dich hinzutreten, und so hast du uns Ewiger, unser Gott, diesen Tag der Sühne in Liebe gegeben, und hast ihn eingesetzt als den Tag der Verzeihung all unserer Sünden, das: wir fortan das Böse meiden, von jeder Gewalt ablassen, z> dir zurückzukehren, deinen heiligen Willen üben mit ungetheilten Herzen." Wo bleibt da das Gefühl der Sündhaftigkeit, de Schuld, das angeblich auf dem Judenthum lastet? Aber Professor Paulsen begnügt sich nicht mit dieser eine, Bemerkung. Er weiß auch ganz genau, daß Goethes ganzer Wesen, „seine positiv gerichtete Natur sich gegen eine Gesetzesgegen eine Verbotmoral: Du sollst nicht lügen, nicht stehlen nicht tödten u. s. w. empört habe", und er führt dagegen verschiedene Aeußerungen Mittlers in den „Wahlverwandtschaften" an. Nun, darüber werden wir mit Paulsen nicht streiten; wir möchten ihn nur darauf Hinweisen, daß diese Aeußerungen im Gegensatz stehen zu dem Eingang seines Vortrags, wo er von dec Selbstbeherrschung spricht als Bedingung der Selbstbehauptung und der Herrschaft über Andere, die zunächst die Krast bedeutet, die sinnlichen Neigungen einzuschränken, und der Fähigkeit der Entsagung als einer nvthwendigen Sache in jedem Leben. Wir meinen, daß hier ein großer Widerspruch ist; denn der versteht die zehn Gebote schlecht, der in ihnen die Auffassung erblickt, als ob der Mensch von Natur nur den einen Trieb hätte, das zu thun, was er nicht soll. Wenn aber Professor Paulsen zum Schluß sagt, daß die Weltanschauung Goethes, worin seine ethische wurzelte, ein „teleologischer Energismus" sei, d. h. „die Wirklichkeit, die Offenbarung von Gottes Kraft. .. die ihr Wesen in der Fülle der Wesen entfaltet, so daß sie zwar überall durchscheine, selbst aber für menschliche Anschauungen unerreichbar bleibe", so hat er damit — und das ist für uns der versöhnende Humor in dieser ganzen ethischen Episode — unwissentlich zwar, aber sehr richtig und in festen Zügen d ie Weltanschauung gezeichnet, von welcher das Judenthum ausgegangen, und auf der esnoch heute trotz aller Paulsens fest und sicher steht. We Woche. Berlin, 1. Juli. wahrer Genugthuung bringen wir heute gegenüber sc» vielen betrübenden Erscheinungen der Gegenwart den folgenden Passus aus der Rede, die der Generaloberst v. Lo6 am 29. v. M. bei der Papstjubiläumsfeier in Bonn gehalten hat: „Ich habe neulich in einer Ansprache an meine alten Husaren an den denkwürdigen Ausspruch des unvergeßlichen Reichskanzlers, des Fürsten Bismarck, erinnert: „Wir Deutschen fürchten Niemanden außer Gott." Der Ausspruch ist heute wahr und wird es bleiben, aber nur unter der Voraussetzung, daß wir den deutschen Erbfehler, die elenden konfessionellen Zänkereien unterlassen, und daß wir Alle, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, treu Zusammenhalten — Protestanten, Katholiken und Israeliten. Meine Herren, ich nenne von dieser Stelle die Israeliten mit Vorbedacht, weil ich weiß, daß ich damit im Sinne des Stifters unserer heiligen Religion spreche, welcher das Vorbild der Duldsamkeit ist, im Geiste meines kaiserlichen Herrn, welcher sich in seiner prachtvollen Rede Gott sei Dank unter das Kreuz gestellt hat, im Sinne des heiligen Vaters, welcher in seiner hohen christlichen Auffassung alle Anders-

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