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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-07-04 · Heft 27 (4.7.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 27 (4.7.1902)
Date
1902-07-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 27. Allgemeine Berlin, 4. Inli 1g02 eitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements'Preis. Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteirrr Gustav Karpeles. Begründet von Natibiner D*. Ludwig PHMppson-Vonn Verlags-Expedition: Gerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin I 8^v., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mofse, Berlin.! Leitartikel: Alte und neue Ethik. — Die Woche. — Hermann l ohen. Zum 4. Juli 1902. — David Kaufmann und Seligmann Heller. (Mit l ngedruckten Briefen Hellers.) — Abraham Geigers erste Predigt in Frankfurt a. M. Von Prof. Dr. B. Kuttn er-Frankfurt a. M. — Feuilleton: Die Riesensumme. Aus dem Amsterdamer Skizzenbuch von Hermann -veijermanns. — Irrthümer. Von B. Ginsderg. HI. — Sprechsaal. Der Gemein-ebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Memel, Pliritz, Rawitsch, Dortmund, Ans dem Fürstenthum Birkenfeld, Wien, ( hristiania — Don Nah und Fern. — Sprechsaal. Alte und neue Ethik. Berlin, 1. Juli. Interesse an der Wissenschaft der Ethik hat in den letzten Jahrzehnten in auffallender Weise zugenommen. ES ist das sehr begreiflich, wenn man daran denkt, von welcher Wichtigkeit das Objekt gerade dieser Wissenschaft ist, die ja nach einem schönen Worte von Steinthal weihevoll, beruhigend und erhebend, tröstend und stärkend wirken soll. Leider aber steht die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft nicht auf der gleichen Höhe mit dem Pathos, aus welchem heraus der Ethiker an seine Leser herantreten soll, und so bewährt sich senn auch hier der Satz, daß unsittliche Zeiten der Ethik vorzugsweise günstig sein können. Es giebt viele Bücher der Ethik, » denen am Schluffe geradezu der Haß gepredigt wird, es ziebt ethische Systeme, die im Inhalt wie in der Form allen Forderungen der Wissenschaft wie des Menschengeistes entsprechen,und in denen nichts fehlt als der eine Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und speziell dessen Anwendung auf ein bestimmtes Volk, auf irgend eine Rasse oder eine Religionsgemeinschaft. Ein künftiger Historiker der Ethik wird das kaum '«greifen, aber wir brauchen nur auf hervorragende Zeitwscheinungen hinzuweisen, um Zustimmung und Verständniß Är das zu finden, ivas wir hier aussprechen. Jeder kennt die Ethik von Friedrich Panlse», Jeder weiß aber auch, wie dieser gelehrte und geistvolle Mann Vorurtheile und Bedenken gegen Juden und Judenthnm nicht nur mit sich herumtrügt, sondern auch überall, wo es ihm angemessen erscheint, zum Ausdruck bringt. Auch die Festrede, die Professor Paulsen in Ser 17. Generatversammlnng der Goethegesellschaft zu Weimar rm 24. v. M. über „Goethes ethische Anschauungen" gehalten, ist uns ein neuer Beweis für diese Thatsache. Es ist allerdings nur ein kleiner Satz in dieser Rede, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, aber gerade dieser eine Satz ist so wichtig, daß wir ihn als eine markante Zeiterscheinung an dieser Stelle hervorheben und besprechen müssen. Paulsen spricht von Goethes Verhältniß zum Griechenthum. Man kennt ja die Auffassung des griechischen Lebens in der modernen Wissenschaft, deren Formel lautet: Vollendung der Natur in vollendeter Kultur. Es läßt sich allerdings darüber streiten, ob diese Formel überall zutrifft, aber das ist nicht unsere Sache. Wir haben es hier nur mit dein Gegensatz zu thun, den Paulsen natürlich so scharf wie möglich hervorhebt, indem er sagt: „In Griechenland war der Mensch nicht gebrochen durch das Gefühl der Schuld, der Sündhaftigkeit, das aus dem Judenthum lastete, das vom Judenthum aus sich mit dem kirchlichen Christenthmn aus die Jahrhunderte des Mittelalters legte, das durch das Lutherthum zur Lehre von dem absoluten Verderben der Meuschennatur verschärft wurde." In der That, man muß staunen, mit welcher Sicherheit hier ein Satz ausgesprochen wird, der absolut unrichtig ist. Ans dem Judenthum hat das Gefühl der Schuld und der Sündhaftigkeit niemals gelastet. Die Religion des Judenthums stellt von ihren: Beginn an ein Bild völliger Konsequenz dar, dessen Basis die Lehre von einer» einzigen Gott ist, der die Welt geschaffen hat, und der ein vollkommenes Wesen ist. Sie lehrt die Einheit des ganzen Weltalls, wie aller Wesen und Existenzen in ihm Gott erscheint in der Schöpfung alliveise und allgütig, darum ist die Welt vollkommen und kein Uebel in ihr vorhanden — alles Uebel ist mir ein Verhältniß zum Menschen - ein Prinzip des Bösen existirt nicht. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes zu erfassen, mit Selbstbewußisein, mit freiem Willen und der daraus folgenden Sittlichkeit. Folgerichtig erkennt daher die Religion des Judenthums Gott in einem unmittelbaren Verhältniß zürn Menschen als Vorsehung und Vergeltung; jene führt die Menschheit zur fortschreitenden Vervollkommnung, diese löscht die Schuldhaftigkeit des reuigen Menschen in Barmherzigkeit aus, vergebend und versöhnend. Sie bestimmt daher das Selbstbewußtsein des Menschen zur Erkenntniß, das Gefühl zur Liebe und der: freien Willen zur Tugend, zur Selbstbestimmung für Recht und Pflicht. Das ist die Glaubenslehre des Jndenthums. Das christliche Glaubensbekenntniß steht dieser Anschauung aber direkt gegenüber. Die Urheber der christlichen Glaubenssätze legten den Lehren Christi, um ihnen einen allgemeinen Werth zu verleihen, noch eine tiefere Bedeutung bei, die ihn als Propheten, als gottbegeisterten und gottgesandten Seher zur Anerkennung bringen sollten, indem sie seinem Tode und den vorausgegangenen Leiden eine besondere Bedeutung gaben. Dies konnte nicht erreicht werden, indem man jenes Leiden und diesen Tod etwa blos als ein Vorbild hinsteüte, wie man für seine Ueberzengung leiden und sterben müsse, sondern indem man ihnen eine ganz außerordentliche Wirkung zuschrieb: die

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