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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Leute in Geschäften sind, ist ein solcher Verein geradezu ein dringendes Bedürsniß. Auf Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz ist deshalb vor sechs Jahren das Werk unternommen worden, das seither gedeihlich fortschreitet. Der Verein erstrebt ein Dreifaches: eine Kräftigung der jüdischen jungen Leute in körperlicher, sittlicher und geistiger Beziehung. Uni die Mitglieder fern zu halten von Erholungen. die vielleicht mehr abspannen und schlaff machen als die Arbeit des Tages, sollen die Vereiusabende eine Erholung bieten, die für den folgenden Tag mit neuer Freudigkeit erfüllt, mit neuer Schaffenslust zum Berufe stärkt. Neben der körperlichen Kräftigung hat der Verein aber auch die sittliche Stärkung im Auge. „Jeder jüdische junge Mann, der rein dasteht, leistet dem ganzen Judenthum einen großen Dienst. Jeder Jude, der die heiligen Sittengesetze verletzt. bringt eine Gefahr für das ganze Judenthum." Darum ist es heilige Pflicht, sich gegenseitig in sittlicher Beziehung zu stärken. Die Jugend schließt sich an einander — ein sittlich lauterer und tüchtiger Freund kann einen ganzen Kreis halten. Die Zusammenkünfte sollen aber auch — und hauptsächlich — in religiöser Beziehung durch Vorträge und Belehrungen stärken und kräftigen. In den vom Verein herausgegebenen „Mitlheilungen" heißt es: „Eine Heimstätte soll unser Verein Allen bieten, die fern vom Elternhanse leben, nicht mehr bewacht vom liebenden Auge der Mutter, nicht mehr geführt vom gereiften Verstand des Vaters. Hier sollen unsere Mitglieder Brüder finden, die Alle ein Streben erfüllt: hoch zu halten das Banner unseres Glaubens und auch im Hasten und Jagen des Alltagslebens treu zu bleiben den hohen Idealen des Judenthums." Dieses schöne Beispiel verdient auch in anderen Großstädten Nachahmung. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 23. Juni. Halbverhungert und gänzlich herabgekommen sind vor einigen Tagen abermals massenhaft ru m ä nisch e Em »- grauten hier durchgekommen, insbesondere sind es die Frauen und Kinder, denen das Elend ausgeprägt ist, das sie erlitten, während die Männer noch ein verhältnißmäßig rüstiges Aussehen aufweisen, und nun soll gar diesen ganz Hilflosen auch der letzte Ausweg — die Flucht aus dem grausamen Vaterlande — genommen werden: Im ungarischen Abgeorduetenhause hat vor einigen Tagen der Deputirte Buzath eine dringliche Interpellation eingebracht, in der er auf die Gefahr hinweist, welche die durch die Verfolgungen in Rumänien und Rußland zur Auswanderung gezwungenen Inden nach Ungarn führt- Die Antwort des Ministers ist Ihnen gewiß bekannt! Aber hier in Wien hat man es nicht einmal zu einerJnterpellation gebracht. Der Abgeordnete Breiter wollte deshalb den Ministerpräsidenten interpetliren, aber er fand nicht die 20 Namen, die zur Einbringung einer Interpellation nothwendig sind! Vergebens klopfte er beiden Sozialdemokraten. vergebens bei den Liberalen an. Diese Herren haben nur insoweit für die Juden Interesse, als Diese für ihre Wahlen Geld und Zeit opfern. Rumänische Juden haben keinen Wahlzettel, folglich existiren sie nicht. Sie sind Proletarier, aber die Sozialdemokraten läßt ihr Schicksal kalt; sie sind Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, aber der Liberalismus der Liberalen versagt. Wenn die Polen in Deutschland verfolgt werden, so interpelliren ihre Freunde im österreichischen Parlamente; aber die Inden Oesterreichs sind noch nicht über das Niveau des Stimmviehs herausgekommen; sie dürfen für Abgeordnete verschiedenen CouleurS stimmen, aber sie dürfen nicht verlangen, daß ihre Abgeordneten für jüdische Interessen eintreten. — Am 6. d. M. ist Herr Ignaz Mandl, Seniorchef der Firma M. und I. Mandl, nach längerem Leiden im 79. Lebensjahre gestorben. Er hatte in Verbindung mit seinem älteren Bruder vor etwa 60 Jahrerl die Firma begründet. Die beiden Brüder sind die Begründer der Konfektionsindustrie irr Oesterreich. Nach zweijähriger Vakanz gelang bei der israelitischen Kultusgemeinde Djakovar das daselbst erledigte Nabbinat zur Besetzung. — Bei der am 19. d. M. stattgehabten Wahl wurde Dr. Lazar Roth aus Mezöbereny einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Die juridische Fakultät an der Budapest er Universität hat den Professor Dr. Gustav Schwarz zum Dekan gewählt. — Der Kaiser hat dem Rabbiner Dr. Armin Schnitzer in Komorn das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. — Hier ist der ehemalige grobbritannische Generalkonsul Sir Gustav us Nathan, eine in der Wiener Gesellschaft sowie der hiesigen englischen Kolonie angesehene Persönlichkeit, gestorben. Nsn Nah und Fern. ----- Der praktische Arzt Dr. Sally Sommerfeld ist nach längerem Leiden am 21. d. M. im eben vollendeten 50. Lebensjahre hier gestorben — Dr. med. et Phil. Adolf Magnus Levh hat sich an der hiesigen Universität mit einer Probevorlesung über den Energieumsoh bei Krankheiten habilitirt. Er war zuletzt Privatdozent in Strahlung. — Die Sonderausgabe der „Staatsbürgerzeitung" vom 7. Juni, welche die letzte Rede des Grafe n P ückler-Kl.-T sch irne in Berlin enthielt und von diesem selbst verantwortlich gezeichnet war. ist aus Grund des § 130 des Strafgesetzbuchs (Anreizung zu Gewaltthätigkeiten) durch Gerichtsbeschluß polizeilich beschlagnahmt worden. — Das Ermittelungsversahren gegen den Schlächtermeister Adolf Lewy aus Könitz, jetzt in Berlin, wegen Mordes oder Beihilfe zu dem Morde an dem Gymnasiasten Ernst Winter, ist nach Beschluß des Strafsenats beim Oberlandesgericht Marieuwerder entgiltig eingestellt worden. — Regierungsbaumeister Herrmann Gale»vski aus Gnesen ist als Chef der Centralwerkstätten der Auatolischen Eisenbahn nach Eskischehir berufen »vorder». — In Schierke (Harz) reflektiren, wie wir der „Tägliche»» Rundschau" entnehmen, das Hotel Hoppe und Haus Tannenheim nur auf christlichen Besuch. — Die „Kölnische Zeitung" — also kein Judenblatt — schrieb kürzlich „daß der jetzt von der agrarischen Presse trotz oder vielleicht wegen seiner Beziehungen zum Kaiser so vielfach und so persönlich angefeindete Generaldirektor Ball in in den letzten Jahrzehnten mehr für das Deutsche Reich und den deutschen Wohlstand gethan hat als Graf Kanitz sammt seinen ostelbischen Freunden." — Bei der Beerdigung des Herrn Georg von Bleich r öder in Leche »»ich sprachen Rabbiner Dr. Maybaum- Berlin im Schlosse und Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln am Grabe. Die religiösen Gesänge wurden durch den Kölner Shuagogenchor ausgesührt. Der älteste Bruder, Dr. Hans von Bleichröder, hat sich eine Grabstätte neben der des verstorbenen Bruders gekauft. Die jüdischen und christlichen Armen Lechenichs sowie das nahegelegene Kloster wurden mit bedeutenden Legaten bedacht. — Im Amtsblatt giebt der Wiesbadener Regierungspräsident bekannt, daß durch königlichen Erlaß vom 5. Juni „der vorn Centralkomitee für die Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem, Inhalts der Stiftungsurkunde vorn 13. Februar 1902, unter dem Namen „Allgemeines jü.. disches Krankenhaus Schaarü Zedek zu Jerusalem" begründeten Stiftung, welche ihren Sitz in Frankfurt arn Main hat, auf Grund des mit der Stistungsurkunde verbundenen Statuts die Genehmigung ertheilt wurde." — Gegen Ende vorige»» Monats ist auch ein Jrad< des Sultans ergangen, das die staatliche Anerkennung sämmtlicher deutschen in der Türkei belegenen geistlichen und weltlichen Wohlthätigkeits- und Unterrichtsanstalten ausspricht. Unter diesen Anstalten befinden sich das jüdische Waisenhaus in Jerusalem, das Deutsch- Israelitische Hospital (Bikur Chvlim) und das Nene Israelitische Krankenhaus (Schaarö Zedek) daselbst. Die staatliche Anerkennung schließt im Prinzip die Befreiung der anerkannten Anstalten von Zoll- und Grundsteuerabgaben ein. — Zu der Hoftafel, welche anläßlich des Jubiläums des Germanischen Museums in Nürnberg in Anwesenheit des Kaisers, des Prinzregenten und zahlreicher anderer erlauchter Gäste stattfand, sind auch Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, Kommerzienrath Gerngros und Herr S. Wertheim er mit einer Einladung beehrt worden. — Der Oberst Valabrogue ist zum Direktor der ArtilLerieschule inVersailles ernannt worden. — Bei dem Diner arn 18. d. M. im Trocadero-Nestaurant zu London zu Gunsten der jüdischen Volksküche wurden 10 050215 000 Mark gesammelt. — Dir Insel Kreta zählt nach den jüngsten statistischen Aufnahmen vom Jahre 1900 301273 Einwohner, darunter blos 627 Juden, gleich 0,42 Prozent. — In Samarkand wohnen 250 jüdische Familien, von denen 150 alteingesessene aus Buchara stammen, der Rest, welcher aus Kaufleute»» erster Gilde, Handwerkern und sonstigen Privilegirten besteht, seit der russischen Herrschaft eingewandert ist. — Nach der letzten Volkszählung wohnen im gesummten In die»: 15845 Juden, davon über 11000 in der Präsidentschaft Bombay. In Aden ist die Zahl unserer Glaubensgenosse»» während der letzten 20 Jahre von 2121 auf 3059 gestiegen. I»» der ganzen Provinz Assam wohnt nur eine jüdische Frau. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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