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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Der Erste Staatsanwalt hatte nämlich bemerkt, ob man nicht nach der Art, wie Graf Pückler sich in der 9effentlichkeit und in der Sache selbst gebärdet hat, zweifeln müßte, o!> er die Tragweite seiner Handlungen zu erfassen in der Lage war. Er behielt sich vor, für den Fall, daß der Gerichtshof seinen Ausführungen sich nicht anschließen sollte, ein Gutachten des Geheimen Canitätsraths Neumann über den Geisteszustand des Angeklagten zu veranlassen. Das Folgende nach dem Bericht der Tagesblätter: Vorsitzender: Haben Sie noch etwas zu bemerken, Herr Graf? Gras Pückler: Ich bitte Rücksicht zu nehmen auf meine soziale Stellung und meine Thätigkeit als politischer Führer, als Führer der nationalen Parteien. — Nach halbstündiger Berathung des Gerichtshofes erklärt der Vorsitzende, daß das Gericht beschlossen habe, nochmals in die Beweisaufnahme einzutreten. Geheimer Sanitätsrath Dr. Nenmann s in 70 jähriger Herr, der die Feldzüge mitgemacht und das Eiserne l renz besitzt) leistet den Zeugeneid. Vorsitzender: Was ist Ihre Meinung? Sachverständiger Dr. Nenmann: Es ist eine etwas schwierige st rage, die an mich herantritt, weil ich noch niemals mit dem Grafen Pückler gesprochen habe, wir haben uns zuweilen wohl gesehen. Ich l abe eine ganze Reihe von Zeitungsberichten erhalten, Gespräche gebärt u. s. w., nach denen allerdings Graf Pückler sich in früherer Zeit c'was eigenthümlich . . . Graf Pückler (unterbrechend): Verzeihen Sie, st ll der Herr mich auf meine geistige Zurechnungsfähigkeit untersuchen? Pch fasse das als persönliche Beleidigung auf. ich weiß ganz genau, mas ich zu thun und zu lassen habe. Vorsitzender: Ich bitte, sich nchig zu fassen. Graf Pückler: Ich erkläre also, daß ich das als persönliche Beleidigung auffasse, ich bitte sich danach zu richten. Borgender: Ich ersuche Sie, sich zu mäßigen, Sie haben den Herrn Sachverständigen nicht zu unterbrechen. Graf Pückler: Als Persönliche Beleidigung! Ich erkläre das hiermit, wenn Jemand mich auf meinen (Geisteszustand untersuchen will, denn ich gehöre mit zu den Führern der politischen Parteien. Vorsitzender: Es ist der Antrag gestellt morden, den Gutachter zu vernehmen. Also bitte, nun unterbrechen Sie uns nicht weiter. Graf Pückler: Ich bitte die Herren, die Kon-! quenzen sich zu überlegen. Vorsitzender: Ich bitte den Herrn Gutachter, fortzufahren. Geheimer Sanitätsrath Reumann: Ich weiß nicht, ob Graf Pückler an Krankheiten früher gelitten hat, oder ob in Miner Familie irgendwelche geistigen Störungen vorgekommen sind. <Graf Pückler ruft: Niemals, niemals!) Ob er erblich belastet ist. Graf Pückler: Auch nicht. Der Vorsitzende fordert den Grafen Pückler wiederholt auf. den Gutachter nicht zu unterbrechen. Geheimer Sanitätsrath Dr. Neumann: Ich kann nur sagen, daß er mit einem Größenbewußtsein, ich Witt nicht sagen mit Größenwahn behaftet ist. Seine Rede am 6. Juni d. I. in Berlin mar derartig, daß man sich wundern muß, daß ein Herr, der Offizier gewesen, der Jura studirt hat. der den höchsten Kreisen ansehört, sich in einer solchen maßlosen Weise ausdrücken kann. Graf Pückler (unterbrechend): Das war eben nothwendig. Vorsitzender: 5eien Sie doch still. Sachverständiger: .... sich solche Schimpfereien rlaubt. Wenn er auf die Juden schimpft, wie kommen dieGlogauer luden dazu, daß Diese ganz besonders beschimpft werden. Graf Oückler (unterbrechend): Gehört gar nicht hierher. Vorsitzender weist >iese Unterbrechungen scharf zurück. Graf Pückler: Aber das ist doch ' u mich beschimpfend, daß der Mann über meine geistigen Eigenlasten schimpft. Das ist doch ein Skandal, man wird immer wie On Schuft behandelt. Sachverständiger: Verfolgungsideen kommen zum Vorschein in jener Rede, wo er behauptete, daß man ihn in der Schweiz habe vergiften wollen. Graf Pückler (schreiend): So ist es auch gewesen. Wenn ich sage, so ist es gewesen, dann ist es so. Ich Mächte mal sehen, wenn Sie Gift schlucken müssen. Vorsitzender -'acht den Angeklagter!, der in immer größerer Erregung schreit, auf Ge Folgen aufmerksam und droht ihm sofortige Abführung in dreitägigen Arrest an. Sachverständiger: Er sagt dann weiter in der Versammlung, daß er die Bahn kurz und klein geschlagen habe, und daß er von den Gerichten unanständig behandelt werde. Gras Pückler: Unwürdig habe ich gesagt. Ich bitte das zu konstatiren. Der Sachverständige kommt nun nochmals auf die Vergiftungsgeschichte zurück "nd erklärt, da kann man den Mann nicht mehr für normal halten. Graf Pückler: Dann sind Sie es auch nicht, verehrter Herr, ich werde ähnen meinen Kartellträger schicken. Vorsitzender: Jetzt sind Sie endlich einmal still; setzen Sie mich nicht in die Lage, Sie abführen zu lassen. Sachverständiger: Es würde sich empfehlen, den Angeklagten auf sechs Wochen in e i n e La n d es i rre n a n st al t zu bringen. Ich beantrage dieses. Erster Staatsanwalt Koblick: Ich glaube, über diesen Antrag wird das Gericht hinwegkommen können. Was hier zur Sprache gebracht ist. ist ja wohl nicht derartig, daß man daraus den Beweis schöpfen kann, daß Graf Pückler sich in einem solchen Geisteszustand befand, bei dem eine freie Willensmeinung ausgeschlossen war. Wenn sich der Gerichtshof meinen Ausführungen von vorhin anschließt, erübrigt es sich, dem Antrag des Gutachters stattzugeben. Ich beantrage Freisprechung. Vorsitzender: Haben Sie noch etwas zu sagen? Graf Pückler: Nein, ich finde es unerhört. Vorsitzender: Werden Sie still sein, Angeklagter! — Während der hierauf folgenden Berathung des Gerichtshofes führt Graf Pückler laute Selbstgespräche: Das ist unerhört! Ich, der ich seit drei Jahren für Deutschland fechte; das ist eine Beleidigung. Das Urtheil lautet: Das Gericht steht ans dem Standpunkt, daß Graf Pückler im Besitz seiner Geisteskräfte ist. Graf Pückler wird zu sechs Wochen Gefängniß vernrtheilt. Der Graf hat inzwischen den Geheimrath Reumann tatsächlich gefordert, und da derselbe die Forderung ablehnte, ihn öffentlich beschimpft. Ferner hat er .auch dem Vorsitzenden des Gerichtshofes eine Forderung auf Pistolen zugesandt. Seitens des Glogauer Landrathsamtes ist die Unterbringung des Grafen Pückler zur Beobachtung in eine Irrenanstalt bei der Landesregierung am Sonnabend beantragt worden. n. Dresden, 23. Juni. Aus Anlaß des Ablebens des Königs Albert wurde am 20. d. M. je eine Beileidsadresse an den König Georg und an die Königin-Wittwe Carola abgesandt, welche Adressen vom Rabbiner und den drei Gemeindevorstehern unterzeichnet waren. Aus gleichem Anlaß ist in der hiesigen Synagoge bei dem Freitag Abend-Gottesdienst von Herrn Rabbiner Dr. Winter in Gegenwart des Gemeinderaths der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde eine feierliche Ansprache gehalten worden, in welcher der Trauer um den dahingeschiedenen Landesvater inniger Ausdruck verliehen wurde. Es wird jedoch noch ein besonderer Trauergottesdienst abgehalten werden, und zwar zu gleicher Zeit wie bei den anderen Konfessionen. Bei den heute Abend stattfindenden Beisetzungsfeierlichkeiten werden als Vertreter der hiesigen israelitischen Neligionsgemeinde Rabbiner Dr. Winter und Gemeindevorsteher Jnstizrath Gustav Mäher, als Vertreter der Neligionsgemeinde Leipzig Rabbiner Dr. Porges und Vorsteher Magnus zugegen sein. o. Kisfirrgeit, 18. Juni. Endlich ist nach langen Vorbereitungen und Verhandlungen unsere neue Synagoge eingeweiht worden. Am 14. d. M. begann in der üblichen Weise die Weihe des neuen Gotteshauses mit dem Gesang des Liedes „Gott du Allmächtiger". Der Zug mit den Thorarolleu wurde von drei Ehrenjungfranen nach der Terasse geführt, wo der Bezirksamtmann Regierungsrath Baron Bechtolsheim, sowie Offiziere und sämmtliche Staatsbehörden, Vertreter der Geistlichkeit beider christlicher Konfessionen und zahlreiche Mitglieder beider städtischer Kollegien Aufstellung genommen hatten. Nachdem der Chor verklungen, sprach Frau Irma Rosenau einen hübschen Prolog, den Lehrer Ansänger-Memelsdorf verfaßt hatte. Dann überreichte die junge Dame den aus seideneu Kissen getragenen, kunstvoll gearbeiteten Schlüssel dem Bezirksamtmann, welcher denselben in Empfang nahm und eine wahrhaft herzliche Ansprache an die Fest- Versammlung hielt. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Eckstein- Bamberg; dieselbe machte auf die gesammte Festversammlung einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Au die Feier der Synagogeneinweihung schloß sich ein Bankett im Hotel Herzfeld und gestern ein Festessen im Hotel Ehrenreich, bei dem es an ernsten und heiteren Trinksprüchen nicht fehlte. Im Namen der fremden Kurgäste sprach Herr Willibald Löw en th a l-Berlin. Möchte mit der neuen Synagoge auch endlich der Friede in unserer Gemeinde einkehren, dessen sie so sehr bedarf. Für Kissingen ist die neue Synagoge ein großes Bedürsniß, schon um der vielen jüdischen Kurgäste willen, die alljährlich zu den heilkräftigen Quellen hierherpilgern. x. Frankfurt a. M., 18. Juni. Der seit sechs Jahren hier bestehende Verein Mont es io re zur Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute giebt seit einiger Zeit auch Mittheilungen über seine Thätigkeit mit belehrenden und orientirendeu Aussätzen heraus Für eine Handelsstadt wie Frankfurt a. M., wo sehr viele junge

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