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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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In seiner Predigt legte alsdann Dr. Maybaum in eindringlichen und mahnenden Sorten seinen Zöglingen Glaubenstrene und Glaubensbewußtsein uns Herz. In sinniger Weise verglich er die Entlassung der Zöglinge mit dem Scheiden des treuen Führers Mose von seinem Volke an den Ufern des Jordan. Wohl wäre einer Jeden zu wünschen, daß sich ihr in dem neuen Lebensabschnitt ein gelobtes Land erschließen möge, itber dieser Wunsch wäre eitel; wissen wir doch, daß den Menschen u,ar viele Kämpfe bevorstehen, vielleicht schwere und schmerzliche Heimsuchungen, und der Antheil an dem gelobten Lande Keinem ohne -Eampf zu Theil werde. Das Geschick lasse sich nicht wenden, und das Loos des Menschen auf Erden sei. in den Stürmen des Lebens sollte r sein Göttvertrauen und seine sittliche Kraft bewahren und im Sonnenschein des Glückes die edlen Blüthen seiner Gottes- und Menschenliebe zu entfalten suchen. Die Religion fordere nichts liebermenschliches, sie mulhe nicht zu, die Erde mit allen ihren Freuden zu verachten und sich ausschließlich dem Himmel zuzuwenden. Die Religion sei der innersten Natur des Menschen angemessen und darum solle sie wohnen in seinem Munde und in seinem Herzen: in ihrer menschlichen Angemessenheit liege der Triumph der jüdischen Religion. ..Seid Menschen, Kinder Gottes, dann seid ihr auch Israeliten. Uebet Liebe und Gerechtigkeit, wandelt in Demuth vor Gott und in Bescheidenheit vor den Menschen, dann erreicht ihr das wahrhaft Gute, und ihr findet Wohlgefallen in den Augen Gottes und der Menschen, ihr werdet siegen, ihr werdet überwinden. Lasset sie nur herankommen die Versuchungen der Welt, die itlen Freuden und die trügerischen Ehren, lasset sie nur nahen die Menschen ohne Glauben und ohne Hoffnung, die jeder frommen Empfindung Hohn sprechen: Ihr stehet fest und wanket nicht, denn ihr höret das Wort des Ewigen, um euch zu warnen und zu beschirmen -md euch hinwegzutragen über den Abgrund des Verderbens und der Finsterniß. Gott ist uns näher als Vater und Mutter, die nur seine Stellvertreter sind. Sein Geist lebt in uns, seine Kraft wirkt in uns und trägt uns auf Adlers Flügeln. Fühlet ihr darum Gott im -erzen, dann seid ihr gefeit vor dem Fallstrick der Lüge, und es quillt - r euch selbst der Born, dem alle wahre Lebensfreude entspringt. Ob ihr auch wallet durch das Thal der Thränen, es wandelt sich euch in ine Quelle des Heils, und Segnungen nberströmen euch. So schreitet ihr fort von Sieg zu Sieg, bis daß ihr dereinst vor Gott erscheinet. Das ist Anfang und Ende des Lebens in Gott." Nachdem im Namen Mer Konfirmandinnen Eine derselben dem Danke an die Eltern und Lehrer Ausdruck gegeben, eine zweite für Alle das Gelöbnis; der Treue gesprochen, trugen Alle die von ihnen selbst gewählten Bibelsprüche mit Innigkeit und Verständniß vor. Mit der Segensertheilnng und > em Chorgesang (Psalm 115) endete die würdige und eindrucksvolle Deier. — Der zahlreiche Besuch des Gotteshauses scheint uns darauf hinzudeuten, daß mehr und mehr die weihevolle Feier, in welcher die Mädchen als selbständige Glieder unserer Glaubensgemeinde eingesührt werden. Anklang findet. Es ist nur lebhaft zu wünschen, daß die Lahl der Eltern und Erzieher, welche ihre Töchter konfirmiren lassen, größer und größer werde. Der feierliche Akt ist nicht nur eine bleibende Erinnerung, sondern zweifellos auch eine stete und ernste Mahnung, dem Glauben aller Wegen in Treue zu folgen. Die Konfirmation und deren weihevoller Abschluß geben den Mädchen Men Halt und auf Grund der ihnen ertheilten Lehren der Religion werden sich diese sicher nicht so leichtfertig zu einem Glaubenswechsel entschließen als Diejenigen, denen die Segnungen unserer Religion nicht zu Theil geworden sind. Berlin, 23. Juni. Unter dem Titel „Das Handwerk unter den Juden" ist ein sehr interessanter und inhallreicher Vortrag soeben erschienen, der von Herrn Dr. Julius Moses im hiesigen „Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens" gehalten wurde. Wir entnahmen demselben die folgenden allgemein interessirenden Mitteilungen: Anfang März d. I. hat der Verein einen Fragebogen über die Lage der jüdischen Handwerker in Berlin, heransgegeben der zur Behandlung des angegebenen Themas reiches Material geboten hat, obwohl nur eine geringe Zahl jüdischer Handwerker denselben ausgefüllt hat. Ueber den allgemeiueu Antheil der Juden am Berufsleben Berlins standen dem Vortragenden folgende Zahlen zur Verfügung: Handel und Verkehr 17 605, häuslicher Dienst, Tagelohn 209, öffentlicher Dienst, freier Beruf 2763, ohne Beruf 5590, Gesinde 798. In dem 4. Bande der vom Verein für Sozialpolitik herausgegebenen Untersuchungen über die Lage desHandwerks in Deutschland befindet sich eine umfangreiche Studie über das Tischlergewerbe in Berlin. Dort heißt es, daß der Antheil der Juden, sowohl an den Selbstständigen wie an den Angestellten, in der Holzindustrie größer ist, als Mancher vielleicht erwartet hätte. Das jüdische Element in der Holzindustrie ist in der Vermehrung begriffen, und zwar besonders das der Angestellten. Ueberhaupt ergebe die letzte Bernfsstatislik in Deutschland überall einen Rückgang des prozentualen Verhältnisses der Juden im Handel und einen Fortschritt in der Theilnahme der Juden in der Landwirtschaft und namentlich im Handwerk! Nach dem letzten Verzeichniß der wahlfähigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin waren 1068 jüdische Handwerker zu konstatiren, wobei natürlich die Zahl der letzteren keineswegs die der thatsächlich Vorhandenen erschöpft, da mindestens noch 500 jüdische Handwerker als nicht steuerpflichtig zur jüdischen Gemeinde zugehörig anznnehmen sind. Von diesen 1068 steuerpflichtigen Handwerkern sind 252, also beinahe ein Viertel, Schneider. Die nächste Gruppe ist die der Werkmeister und Werkführer mit 108, dann folgen Kürschner 89, Buchdrucker und Schriftsetzer 82, Fleischer 43, Baumeister 40, Schuhmacher 39, Cigarren- und Cigarettenmacher 36, Elektrotechniker 35, Tapezirer 24, Goldarbeiter 22, Maler, Glaser. Uhrmacher je 21, Schlosser 19, Schmiedemeister, Buchbinder. Zahntechniker, Klempner je 16, Tischler, Chemiker je 15, Architekten 13, Färber 12, Photographen. Töpfer je 10, Mechaniker 9, Maurermeister und Bildhauer 8, Bäcker, Gärtner je 6, Drechsler, Zimmermeister je 4, Bürstenmacher, Vergolder, Sattler je 3, Gürtler 1. Von 150 steuerpflichtigen selbständigen jüdischen Handwerkern nun beantworteten die Frage: „Waren Sie bei einem Juden oder einem Christen in der Lehre?" 87 damit, daß sie bei einem Juden, 55 damit, daß sie bei einem Christen gelernt hatten; als Geselle resp. Gehilfe haben 51 nur bei Christen, 24 nur bei Juden, 63 bei beiden gearbeitet. Diese 150 jüdischen Handwerker beschäftigen in ihrem Gewerbe nur 22 jüdische Lehrlinge, nur 29 jüdische Gesellen gegen — man höre — 83 christliche Lehrlinge und 625 christliche Gesellen resp. Gehilfen (auch weibliche). Also diese jüdischen selbständigen Handwerker beschäftigen viermal so viel christliche Lehrlinge als jüdische, und über 20 mal so viel christliche Gesellen als jüdische! Unter den vielen ungenauen, kaum zn verwerthenden Antworten befinden sich auch einige ganz eigenartig erscheinende: so z. B. die eines Drechslermeisters, daß es jüdische Drechslergesellen überhaupt nicht giebt. (??) Ob nun in der That an und für sich so wenig jüdische Handwerksgesellen vorhanden sind, ob solche in jo geringem Maße Stellung bei jüdischen Meistern suchen oder finden, vermag der Vortragende nicht zu entscheiden. Auffällig bleibt es immerhin, daß sich bei 150 selbständigen jüdischen Meistern insgesammt nur 29 jüdische Gesellen resp. Gehilfen befinden. Oder sollte sich etwa das Vornrtheil gegen das jüdische Handwerk unter gewissen Schichten unserer Glaubensgenossen auch schon auf einige jüdische

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