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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 312 (sequence 14)
Language
German
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S12 ja meine Tanzkarte so vollgeschrieben, daß kein Namen mehr darauf Platz hat" . . . „Wünschte, Tanzkarte wäre doppelt so groß!" sagte Baron Wesel. „Würde mit tausend Freuden doppelte Anzahl Tänze belegen." „Wenn ich es erlaubte!" lächelte sie und schwebte am Arm ihres Herrn davon. — — — — — „Wer war der Mensch?" fragte einer der Offiziere. „Ach — sv'n Jude! Rechtsverdreher, glaub' ich... Rechtsanwalt Sally Silbermann . . . hab'n mal konsultirt . . ." sagte Baron Wesel. „Sally? — Warum nicht Salomonche?" jüdelt ein Anderer. Alle lachten, nur Graf Winterfeld blieb ernst — gleichgültig ... „Begreife nicht, warum so'n Kerl Vorzug erhält, Tochter des Hauses zu Tisch zu führen, wo wir doch da sind!" sagte Leutnant von Hanschild. „Vergessen Sie nicht —Art zu Art!" sagte Gras Winterfeld hochmüthig. „Sie ist ja auch Jüdin!" . . . „Ja, sie! — Ganz was Anderes!" meint Hauschild. „Entzückendes Mädchen!" — — „Und Goldfisch ersten Ranges!" warf der Gras spöttisch ein. „Goldfisch! Und was für einer! Man spricht von ganzer Million!" „Nee, - blos halbe!" „Na, war auch genug! Halbe Million, — Donnerwetter!" . . . „Aber Judenmädel!" — — „Aber bildschönes!" (Forts, folgt., Sprechsaat. Geehrter Herr Redakteur! (vX^ie ihn Ihrem geschätzten Blatte gebrachten Artikel mit der Ueberschrift „Die Zustände der Juden in Hessen" enthalten manches Wahre und Beachtungswerthe und zeigen, daß der Artikelschreiber, wenn derselbe auch die von ihm angezogenen Zeiten nicht selbst miterlebt zu haben scheint, doch mit den hiesigen Verhältnissen ziemlich vertraut sein must. ES mag richtig sein, das; man bei dem Gegenübersteheu von Liberal und Orthodox der letzteren Richtung zu viel nachgegeben hat, statt derselben richtig entgegen zu treten. Es hatte dies aber seinen Grund in der Zusammensetzung der Vorstände, bei welchen stets Männer sich befanden, die mit der Orthodoxie immer noch liebäugelteil und sich mit dem Gedanken trugen, eine Vereinigung der heterogenen Elemente herbeizusühren, ein Gedanke, welcher bei dem wirklich liberalen Theil des Vorstandes mit Recht als völlig aussichtslos angesehen wurde. Trotzdem erhielten die Mitglieder der orthodoxen Gemeinde, welche sich verpflichteten, gleichzeitig Mitgliederder Hauptgemeinde zu bleiben, von letzterer einen Steuererlaß von 50 Prozellt gewährt, während den betreffenden Mitgliedern alle sonstigen Rechte in der Gemeinde ungeteilt verblieben. Nachdem 'der Vorstand durch die Wähler ein einheitlicheres Bild erhielt und wirklich als Repräsentanz eitler Neformgemeinde betrachtet werden konnte, suchte derselbe auch dem Programm gerecht zu werden, das in dem drittelt Artikel von Ihrem Korrespondenten näher geschildert wurde. Mit den Vorständen der Gemeinden des Landes fanden öfters Zusammenkünfte statt, und es fehlte nicht an Versuchen, um der Ausgaben zu entsprechen, günstig aus die Glaubensgenossen auf dem Lande einzuwirken. In diese Zeit fiel nun eilte Bewegung, an deren Spitze der jetzige Vorsitzende der hiesigen Gemeinde sich stellte, welche sich indessen nicht um größere Knlturaufgaben bemühte, sondern den Hauptwerth aus eine strenge Kontrole des Kultus legte und die unglaublichsten Anklagen gegen die Knltusbeamten vorbrachte. Der Vorstand wurde mit solchen Beschwerden derart überhäuft, daß ein Beschluß gefaßt wurde, ferneren derartigen Anschuldigungen keine weitere Folge zu geben. Durch eilte maßlose Agitation bei der nächsten Vorstandswahl gelang es dem jetzigen Vorsitzenden, gewählt zu werden, und von dieser Zeit ab war es nicht mehr die Aufgabe des Vorstandes, größeren Kullmaufgaben sich zu widmen, sondern nur mit kleinlichen Dingen sich zu beschäftigen. Ob der Rabbiner bei dem Wochengottesdienst uw Minuten zu spät gekommen ist oder gefehlt hat, ob der Kalltor nach Ansicht dieses Vorstandsmitgliedes seine Schuldigkeit gethau oder nicht gethan hatte — dies waren bedeutsame Ausgaben, welche der Entscheidung des Vorstandes anheimfielen. Als nun der Vorstand den Beschluß faßte, den sogenannten 50 prozentigen Mitgliedern anheim zu geben, entweder der Gemeinde mit gleichen Pflichten und gleichen Rechten wie die übrigen Mitglieder anzugehören oder ganz auszutreten, da warf sich das neue Vorstandsmitglied als Anwalt der Be drückten auf und suchte die Absichten seiner Kollegen zu durchkreuzen. Dies gelang ihm allerdings nicht, allein es gelang ihm. die Massen für sich zu gewinnen, hauptsächlich durch Versprechungen, daß den. 50prozentige Verhältuiß für die Mitglieder, welche gleichzeitig der orthodoxen Gemeinde angehörten, bleibell müsse, daß die Synagogen Plätze, welche Ende 1900 der Gemeinde als Eigellthum zufielen, vou da ab unentgeltlich den Gemeindemitgliedern überwiesen werden sollten und dergleichen mehr. Die nächsten Vorstandswahlen zeitigten den Ersolg dieser Agitation; es kamen Gesinnungsgenossen desZbetreffenden Vorstandsmitgliedes in den neu gewählten Vorstand, und die Anträge dieser Minorität, welche nach Ansicht der Majorität nicht im Interesse der Gemeinde zu liegen schienen, füllten lange'Sitzungeu aus. Es wäre vielleicht auf diese Weise noch eine Zeit lang weiter gegangen, wenn nicht ein Ton in den Sitzungen eingerisfen wäre, welcher der Majorität zu überlegen gab — nicht der Minorität zu weichen — sondern zu bedenken, daß es anständiger Männer nicht würdig sei, solche nutzlose Arbeit unter geradezu rohen Gefühlsausbrächen von Kollegen zu betreiben. Dir Majorität faßte deshalb nach eingehender und reiflicher Erwägung der einschlägigen Verhältnisse den Beschluß, das Mandat wieder nieder zu legen; die Folge war, daß man keinen! Gemeindemitgliede zumnthen konnte, ein Mandat anzunehmen, das die gleichen Verhältnisse in Aussicht stellte, und deshalb betheiligteu sich die Anhänger der Majorität des Vorstandes nicht an der Wahl. Von über 260 Wählern wurden nur im Ganzen 79 Stimmen abgegeben. welche indessen dem Höchstbestimmten nicht alle zufielen. Nun möge der neu gewühlte Vorstand seines Amtes walten und derart wirken, daß die Fehler, welche früher vielleicht durch widrige Verhältnisse hervorgerusen wurden, in Zukunft vermieden werden, damit das Wohl der Gemeinde dabei gefördert werde. Wenn dies der Fall sein wird, dann werden gewiß Alle zufrieden sein. Bis dahin heißt es eben — abwarten! Darmstadt, im Juni. Ein Freund der Wahrheit. 2 Sehr geehrter Herr Redakteur! /gegenüber der Behauptung, der Abgeordnete Luigi Luzzatti habe sich schon in seiner Jugend öffentlich vom Judenthum losgesagt, genügt die Thatsache. daß er vor wenigen Jahren die Vermählung seiner Tochter in der Synagoge zu Padua feiern ließ. Da er damals gerade Minister war, nahmen der Präsident und anderer Mitglieder des Kabinets sowie hohe Staatswürdenträger an dieser Feier in der Synagoge Theil. Daß Herr Luzzatti. der sich für alle möglichen Fragen des öffentlichen Lebens interessirt, sich nie mit jüdischen Dingen befaßt und, trotzdem er einer der gelehrtesten Männer unserer Zeit ist. von der Geschichte und Litteratnr des Judenthums keine Ahnung hat. sind Mängel, die er leider mit vielen anderen Glaubensgenossen in hervorragender Stellung gemein hat. Florenz, 20. Juni. Mit ergebenem Gruß Dr. I. Elbogen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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