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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 311 (sequence 13)
Language
German
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Sie liebte ihn nicht, — aber sie würde ihn nehmen, wie ihre Freundinnen die Männer nahmen, die ihre Papas ihnen ausgesucht hatten . . . Freilich, — ein Zwang war nicht dabei. Aber warum nicht den Einen heirathen, wenn man « inen Anderen nicht liebte? Ja, wenn sie einen Anderen liebte, wenn sie einen Anderen begehrte, — ihr Vater würde ihn ihr ,ewiß nicht verweigern. Sie war ja sein einziges, vergöttertes Kind!" „Sind Sie denn noch nicht fertig?" „Es geht so schwer!" entschuldigte sich das Mädchen. „Ja das merk' ich . . . Sie pressen mich ja wie ein Schraub- Nock! . . . Lassen Sie mich mal 'n bischen ausruhen! — Sehen Sie doch mal, was für ein Wagen da soeben vvrgeahren ist!" Die Jungfer trat ans Fenster. „Ein Offizier steigt aus!" meldete sie. „Gut . . . Machen Sie mich fertig!" Es klang kurz und hochmüthig, als wollte sie der Untergebenen zu verstehen geben, daß sie eine weitere Unterhaltung nicht wünsche, obwohl sie sonst manches halbe Stündchen mit hr verplauderte. Ein Offizier! — Und noch mehr als der Tine. . . Alle werden gekommen sei», — Alle . . . Keiner blieb aus, wie Papa gefürchtet hatte . . . Und man hätte ihr ruhig einen Offizier zum Tischnachbar bestimmen können . . . Wär' er ausgeblieben, so hätte man ihr immer noch Sally Silberstein als Ersatz geben können . . . Aber nein! — Die Offiziere hatte »ran für die christlichen Damen bestimmt, für die Damen „ihrer" Gesellschaft . . . Aus übergroßer Vorsicht Aengstlichkeit, Devotion! dachte sie verächtlich. War sie, Lea Lilienthal, nicht ebensogut wie die spindeldürre, arme, häßliche Gerichtsrathtochter, — oder das dumme Bürgermeister- Lieschen „mit der Stupsnase und der plumpen Taille?" — Jene .vornehme" Gesellschaft! Und dazu sollte sie nicht gehören, rotz ihrem Reichthum, ihrer Schönheit, ihrem Witz? Nun, sie wollte mal sehen . . . Sie begriff Papa nicht! . . . Warum hielt er sich für geringer als Jene? Und warum hatte man ihr Sally Silberstein zum Tischnachbar gegeben und nicht — einen Offizier? „Mein Gott, sind Sie denn immer noch nicht fertig? Sie ind ungeschickt!" fuhr sie das Mädchen an. „Noch ein Häckchen, gnädiges Fräulein!-So — fertig!" agte die Jungfer geschmeidig. „Hochmüthiges Judenpack!" dachte sie innerlich wüthend... »Aber sie zahlen besser-und sie behandeln einen auch wüst menschlicher als die christlichen Herrschaften, — — sonst bliebe ich nicht hier!" „Bitte, sehen gnädiges Fräulein nur in den Spiegel!" agte sie schmeichelnd. „Gnädiges Fräulein sehen aus wie 'ine Fee!" „Wie die Braut des Hohen Liedes!" dachte Lea. „Aber nicht für Dich, Sally Silberstein!" — Sie nahm die weiße Seideuschleppe mit der zartbehandschuhten Rechten auf. daß die Füßchen in den weißen Schuhen sichtbar wurden, und eilte nach den Festräumen. * * * „Herr Leutnant von Hauschild, — Premierleutnant Baron Wesel-Premierleutnant Graf Winterfeld." — — — Eine Reihe adeliger und hochadeliger Namen schwirrt an Leas Ohr vorbei... . Ein halbes Dutzend Uniformen umdrängte sie.. . Der Kommerzienrath sah noch schmunzelnd, wie die Herren seinem Töchterchen bewundernde Blicke zuwarsen, dann wandte er sich zu anderen Gruppen, um feine Pflichten als Hausherr zu erfüllen. ... „Sieh Dir mal Lea an!" raunte er im Vorübergehen seiner Gattin zu, die in ein viel zu enges Brokatkleid gepreßt und mit Diamanten und Perlen förmlich beladen war.. .. „Sie wird die Königin des Abends!" „Wie kanns auch anders sein?" sagte die Kommerzienräthin etwas kurzathmig — sie war etwas korpulent. „Wie die Offiziere sie umschwärmen! Lauter Grafen und Barone! Und Du hattest gefürchtet, sie werden nicht kommen! — Hättest Du ihr lieber einen von ihnen zuin Tischnachbar gegeben! Läßt sich das nicht noch ändern?" ....„Nein! Sie sollen nicht glauben, ich hielte eS für eine besondere Auszeichnung, daß sie gekommen sind. ... Sie sollen sich durch meine Einladung ebenso geehrt fühlen als ich durch ihr Kommen.... Ich bin der Kommerzieurath Lilienthal!" — „Aber Sally Silberstein...." „Ist ei» alter Freund unseres Hauses." — „Du willst ihm Lea zur Frau geben?" „Wenigstens wüßte ich Keinen, dem ich ihre Zukunft ruhiger anvertrauen könnte, — aber das ist »och weit im Felde." „Ja —sehr weit im Felde!" dachte die Kommerzienräthin, als ihr Mann gegangen war. „Da habe ich auch noch ein Wort mitzureden.. . Sally mit seiner polnischen Abstammung. Eltern hat er ja nicht mehr, aber da könnten doch mal ein paar Tanten oder Cousinen mit falschen Scheiteln austreten, oder Onkels mit „Paies"-Gott behüte! Was der Bürgermeister dazu sagen würde — oder Graf Winterfeld zum Beispiel?" Während sie ihre Pflichten als Wirthin erfüllte und liebenswürdig mit den Gästen plauderte, schossen ihre Blicke oft zu der Tochter hinüber.. .. Wie sie lachte und plauderte! — Wie ihre Augen leuchteten! Wie die Herren sich lebhaft mit ihr unterhielten! — Wie sie ihr huldigten! — Ja — ihre Lea war hübsch und nett — — und — — na, kommt Zeit, kommt Rath! — Den Besten sollte das Kind haben! — Das Antlitz der Mutter leuchtete wie eine große, gelbe Sonnenblume. „Darf ich bitten, Fräulein Lea, — ich habe den Vorzug Sie zu Tisch zu führen!" — — „Danke, Herr Rechtsanwalt!" Etwas verdrossen legte sie ihre Hand aus seinen Arm. „Oh — oh gnädiges Fräulein wollen uns schon verlassen?" tönte es bedauernd aus dem Halbkreise der Leutnants . . . Blitzschnell verwandelte sich ihre bitterböse i Miene wieder in eine heitere, süße. . . . „Auf baldiges! Wiedersehen, meine Herren, beim Tanz!-Sie haben mir

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