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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 310 (sequence 12)
Language
German
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310 National-Theater" leitete und sich um die Hebung der Schauspielkunst große Verdienste erwarb. In dieser seiner Eigeilschaft war er eifrig bestrebt, Lessings „Nathan der Weise" oft und in möglichst vollendeter Form auszuführen, um auch dadurch seinerseits ein Scherflein zur Verbreitung der Humanität beizutragen. Er hat sich lange gesträubt, Shakespeares „Kaufmann von Venedig" wegen dessen Tendenz zur Aufführung zu bringen, und sein großer Regisseur Ferdinand Fleck sprach ihm ganz aus dein Herzen, als er die erste Vorstellung am Berliner Nationaltheater mit einem von Namler gedichteten und im Publikum umsonst vertheilten Prolog einleitete. Dieser von Fleck im Kostüm des Shylock gesprochene Prolog lautete: «Nun das große Berlin die Glaubensgenossen des weise» Mendelssohn höher zu schätzen anfängt und wir bei diesem Volke (dessen Propheten und ersten Gesetze wir ehren) Männer sehen, gleich groß ick Wissenschaft und Künsten. Wollen wir nun das Volk durch Spott betrüben? Dem alten ungerechten Haß mehr Nahrung geben? Und Röthe Denen ins Antlitz jagen, die menschenfreundlich gesinnt, gegen arme Christen und Inden gleich gütig sich zeigen? — Nein, dies wollen wir nicht! Wir schildern auch bübische Christen, schildern (mit Abscheu) verfolgende Christen, wir tadeln der Klöster Zwang und Grausamkeit an de» eigenen Glanbensverwandten. Unser Schauspiel zeigt das Lächerliche, das Laster an dem entarteten Adel und an den Tyrannen der Erde, höhnt den schlechten Arzt, beschimpft den bestochene» Richter, straft den geizige» Diener des Altars. — In Nathan den Weisen spielen die Christen die schlechtere Rolle, im Kansniaun Venedigs thnn es die Inden. — Nur wen es juckt, der kratze sich. So sagt unser Hamlet. Wir sagen: Wer heile Haut hat, der lacht!" — Bezeichnend für die tolerante Gesinnung, ja die Liebe Johann Jakob Engels zn den Juden ist der Umstand, daß er zum Kapellmeister des Nativnaltheaters — für jene Zeit etwas Unerhörtes! — einen Juden berief, Namens Berit hard Wessely, eine frische und tüchtige musikalische Kraft, der sich bereits als Komponist der Trauerkantate bei der Todtenfeier Moses Mendelssohns einen rühmlichen Namen gemacht hatte. Engel hat in dieser Berufung geradezu epochemachend gewirkt, da Wessely der erste Künstler jüdischen Glaubens überhaupt war, der am Berliner Theater wirkte, und so die Reihe der großen dramatischen Tondichter des jüdischen Stammes eröffnete, dessen genialster Träger Giacomo Meyerbeer war. Engel hatte den Muth, gegen den Widersinn anzukämpfen, daß es auf den, Gebiete der Kunst trennende Unterschiede gäbe. Sein Grundsatz war vielmehr, wer einmal Talent habe, müsse es geltend machen, im Leben sowohl wie auf der Bühne; für ihn war die Kunst weder jüdisch noch christlich, sondern göttlich, d. h. eine Gottesgabe und ein Himmelstrost für alle Menschen. Vielfach wurde Engel wegen dieser Wahl angegriffen, aber er kümmerte sich nicht darum, und der Erfolg lehrte, daß der neue Kapellmeister ganz an seinem Platze war. Durch seine Energie und Betriebsamkeit und ebenso auch durch seine Opernkompositionen brachte Wessely neues Leben in das bis dahin stagnirende Orchester des Nationaltheaters. Erst durch seine Bemühungen wurde es möglich, selbst die größten heroischen Opern auf jener Bühne aufznführen, indem er, das Orchester ergänzend und erweiternd, dasselbe auf 14 Violinisten, 3 Bratschisten, 4 Contrebassisten, 4 Cellisten brachte. Unter seiner Leitung wurden manche hervorragende, ja berühmt gewordene Opern einstudirt und aufgeführt, welche nicht wenig zum Ruhm des Nationaltheaters beitrugen. Die bemerkenswerthesten unter den Novitäten jener Zeit waren Mozarts unsterbliche Opern „Hochzeit des Figaro" und „die Zauberflöte" sowie die Dittersdorfsche komische Oper „Doktor und Apotheker". Seinem fachmännischen Nathe war es znzuschreiben, daß zu jener Zeit das Nationaltheater einige der berühmtesten Sänger und Sängerinnen, wie z. B. das Ehepaar Unzelmann und Frau Baranius, zu ihren Mitglieder., zählte, die durch ihre glänzenden Kunstleistungen die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf sich lenkten. Er hat auch d e Kantata „Sulamith und Eusebia", die Rauster auf den Tod Mendelssohns gedichtet, in Musik gesetzt, und diese Komposition wurde am 3. Mai 1787 zu Königsberg von der Gesellschaft der hebräischen Litteraten (Neastim) bei der Todtenfeier für Mendelssohn gesungen. Unter den nahe an 500 Zuhörern war auch — Immanuel Kant. Wessely wurde später Kapellmeister des Prinzen Heinrich, aber er blieb am Nationaltheater unvergessen, welches er durcy seine Schneidigkeit wiederholt vor größeren Verlegenheiten rettete. So hatte er zum Beispiel einmal dadurch eine Vorstellung ermöglicht, daß er, nachdem Engel eine ganze Partitur verliehen hatte, und dadurch die Vorstellung unmöglich war, die Oper infolge seines erstaunliche»» Gedächtnisses am dem Kopfe dirigirte, so daß die Sänger und Sängerinnen nicht irre wurden. Als an» 28. Jnni 1802 Johann Jakob Engel seine müden Augen für immer schloß, hatten die Juden in ihm einen warmen Freund und Fürsprecher verloren; vergebens aber habe ich in aller» Zeitlingen und Zeitschriften sowie in den jüdischen Geineindearchiven u. s. w. jener Zeit Nachforschungen darüber angestellt, ob die Israeliten auch sein Andenken in ge bührender, pietätvoller Weise gefeiert hatten. Meine Untersuchungen haben ein negatives Resultat ergeben. Daher erscheint es uns als eine Pflicht der jüdischen Presse, wenigstem jetzt den ausgezeichneten und verdienstvollen Mann zu seien, und auf das Grab desselben einen Kranz der Anerkennung z» legen, um auf diese Weise das nachzuhvlen, »vas ihn» die Mitwelt zu geben verabsäumt hatte. vil.L.L'ro» Irrthümer. Eine Erzählung von B. GinSberg. II. /-A ea Lilienthal saß vor den» großen Spiegel in ihrem An kleidezimmer. Hinter ihr stand die „Jungfer" und knöpfte ihr die Seidentaille auf den» Rücken zu. Lea betrachtete ihr Spiegelbild. Zug für Zug ... Ja — sie war schön, . . . begehrenswerth, auch ohne den Neichthum, den ihr ein gütiges Geschick in die Wiege gelegt hatte. — Die dunklen schimmernden Augen unter den halbmondförmigen, feingezogeneu Brauen, das schmale, leichtgebogene Näschen, der kleine Kirschen »nund, über de»»» es »vie ein leichter Schatten auf der Ober lippe lag . . . Eigentlich ein Schönheitsfehler, so ein Bärtchen anflug, dachte sie . . . Aber mancher» Männern gilt das noch als besondere Schönheit. . . Und das blauschwarze, üppig» Haar, — die tadellose, jugendschlanke Gestalt. „Wie die Braut des Hohen Liedes sehen Sie aus!" halb der Rechtsanwalt Silberstein gesagt . . . Sally Silberstein! - Er wird heute »vieder ihr Tischnachbar sei», - ganz geiviß..

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