Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- Seite 309 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Er verehrt Sie so sehr, Ihre Worte gelten gewiß sehr viel bei ihm. Belehren Sie ihn doch, das ist Ihre Pflicht als Christ und als Freund; retten Sie seine Seele." „Daran habe ich selbst schon einmal gedacht, aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich vor ihm fürchte." „Dazu haben Sie wohl keine Ursache, Ihnen wird er gewiß eine solche Sorge für sein Seelenheil nicht übelnehinen." „Das wohl nicht; aber er ist ein sehr eigensinniger Mann, und ich fürchte, er wird sich nicht überzeugen lassen, ohne zu isputiren. Sie werden schon gemerkt haben, wie gut er spricht; kommt es dann zwischen uns zum Streit, so fürchte ich, daß er stärker sein wird als ich, und schließlich macht er »ich zum Juden, statt daß ich —" „Um des Himmels willen, nein," stammelte der Herr, blaß wr Schrecken, „ich beschwöre Sie, vergesse»» Sie, »vas ich Ihnen chen sagte; »nein Gott, wenn ich die Ursache davon wäre, daß statt einer Seele zwei verloren gingen, das wäre entsetzlich." Engel lächelte und führte seinen Gast ins Zimmer zurück. Moses Mendelssohn war ein eifriger Mitarbeiter an dein Zammelwerk, welches I. I. Engel unter dein Titel „Der Philosoph für die Welt" herausgab. Er lieferte für dasselbe — als 19. Stück des ersten Bandes — unter anderem einen interessanten Beitrag, betitelt: „Proben rabbinischer Weisheit", nach dem Talmud und Midrasch, welcher sich durch die sinnige und formvollendete Art der Bearbeitung auszeichnete, zu jener Zeit viel gelesen wurde und nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, in christlichen Kreisen die Schätze der rabbinischen Litteratur bekannter zu machen. Aus der Fülle jener prächtigen Verdeutschungen sei hier nur ein Pröbchen, betitelt: „Das erste Weib", mitgetheilt, weil wir darin den ernsten Philosophen als «herzhaften Verskünstler kennen lernen. Dasselbe lautet: Das erste Weib. Gott schuf der Weiber Erste Nicht aus des Mannes Scheitel, Daß sie nicht eitel würde; Nicht aus des Mannes Auge, Daß sie nicht lüstern würde; Nicht aus des Mannes Zunge. Daß sie nicht schwatzhaft würde; Nicht aus des Mannes Ohre», Sie horchte sonst nach allem; Nicht aus des Mannes Händen, Sie griffe sonst nach allem; Nicht aus des Mannes Füßen, Sie liefe sonst nach allem. Er fchuf^sie aus der Nibbe, Der unbescholtnen Nibbe; Doch haben ihre Töchter Von jedes Gliedes Fehler Ein kleines Theil bekommen. Im 32. Stück des zweiten Bandes befindet sich ein interessantes Gespräch zwischen Moses Mendelssohn und einem jungen Dichter, worin uns der Erstere als ein feinsinniger Aesthetiker und Kritiker entgegentritt. Wir lernen hier gleichsam in der Nußschale die ganze sittliche Weltanschauung des hervorragenden Philosophen kennen. Uns interessirt in diesem merkwürdigen Aufsatz besonders dasjenige, was Moses Mendelssohn über einen der originellsten jüdischen Mathematiker jener Zeit, über Abraham Wulff, sagt. Da der Aussatz fast gar nicht bekannt ist, will ich die betreffende Stelle jenes Dialoges hier wiedergeben : Mendelssohn: „Das Genie denkt immer lieber selbst, als daß es sich vordenken läßt; dies ist seine Art überall, auch wo nähere Belehrung in der Mathematik aus das Vollkommenste kann gegeben werden; der flüchtigste Leser geouretrischer Werke ist immer der große Geometer selbst; Lehrsatz und Figur sind alles, was er bedarf, den Beweis, wenn er ein Euler ist, weiß er ohne Anleitung zu finde«, viel* leicht auch, wenn er nur ein Abraham Wulfs ist." Der Dichter: „Wer ist dieser Abraham Wulfs?" Mendelssohn: „Einer meiner jüdischen Freunde, kein eigentlicher Gelehrter, aber ein Mann von ungemeinem Talent für Mathematik. Einst fragte er mich um den Beweis eines nicht leichten geometrischen Satzes; ich zeichnete die Figur, aber noch war ich mit den Hilfslinien, die ich zur Führung meines Beweises nöthig hatte, nicht völlig fertig, so schrie er vor Freuden auf, dankte mir wie für eine erwiesene Wohlthat und war verschwunden." Dichter: „Kann man ihn kennen lerne», den Mann?" Mendelssohn: „O ja, durch Lessing." Dichter: „Der ist ja nicht hier." Mendelssohn: „Aber sein „Nathan" ist hier. Lesen Sie die Rolle Al-Hasis, und Sie haben meinen guten Abraham Wulff, der ihm wirklich zu dieser Rolle gesessen hat, den ganzen Charakter, die ganze Seele; an dem äußeren Ansehen des Guten, Wilden. Edlen, wie Nathan seinen Al-Hafis nennt, kann Ihnen nicht liegen." Sowohl in seinen philosophischen wie seinen ästhetischkritischen Schriften beruft sich I. I. Engel wiederholt auf die Autorität Moses Mendelssohns, wenn es gilt, ein wichtiges Problem zu lösen; so geschieht dies zum Beispiel in seinem berühmten und bahnbrechenden Werk „Ideen zur Mimik". Dort führt er die Autorität Mendelssohns dafür an, daß Ohnmacht und Tod auf der Bühne nicht so schrecklich dargestellt werden sollten, als sie in der That seien. Engel hat auch die letzte Schrift Mendelssohns nach dessen Tode heransgegeben. Auch mit David Friedländer war I. I. Engel intim befreundet. Jener gehörte gleichfalls zu den eifrigen Mitarbeitern an der schon genannten Sammelschrift „Der Philosoph für die Welt". So finden wir zum Beispiel im 20. Stück des ersten Bandes eine Fortsetzung der „Proben rabbinischer Weisheit" von David Friedländer, welche sich gleichfalls durch treffliche Bearbeitung und geschmackvolle Auswahl auszeichnet. Man kann daraus erkennen, daß David Friedländer mit viel Glück in die Fußstapfen seines Meisters Mendelssohn getreten. Als glühender Verehrer Lessings und namentlich seines unsterblichen Dramas „Nathan der Weise" gehörte I. I. Engel zu den Ersten, welche jubelnd den großen Humanitätspropheten begrüßten und sein Werk sowohl nach Inhalt wie Form mit Begeisterung anerkannten. In seinen „Ideen zur Mimik" analysirt der Verfasser wiederholt die einzelnen Charaktere dieses unvergänglichen Schauspiels und hebt mit dem ihn auszeichnenden Verständniß die Schönheiten des Dramas im Ganzen wie im Einzelnen hervor. Wir wissen, daß Engel auf den besonderen Wunsch seines hohen Gönners, deS Königs Friedrich Wilhelm II., sieben Jahre hindurch, und zwar von 1787—1794, das „Berliner