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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 308 (sequence 10)
Language
German
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308 Es ist nicht ersichtlich, ob der Graf von Warwick, der junge Plantagenet, oder der Jude Perkin Warbeck den Königstitel erhalten sollte. Aber weder dein Einen noch dein Anderen wurden königliche Ehren dargebracht. Beide endeten 1499 auf dem Schaffst und mit ihnen viele ihrer Anhänger. Es ist bekannt, daß Schiller Warbecks tragische Geschichte in einem Drama darstellen wollte. Aber nur einzelne Szenen dieser Tragödie des Prätendententhums kamen zu Stande. Schiller wollte durch die Wendung, daß Warbeck ein natürlicher Sproß des Hauses Plantagenet sei, die tragische Katastrophe herbeisühren. Der Ausgang würde dann ähnlich gewirkt haben wie der von Lessings „Nathan". Auch andere Dichter haben das Schicksal Warbecks besungen. L. Johann Jakob Engel und die Juden. Boa Dr. Adolph Kohut. or einem Jahrhundert — am 28. Juni d. I. — starb in seinem Geburtsort Parchim in Mecklenburg einer der geistreichsten deutschen Dichter und Schriftsteller, welcher sich durch den klassischen, an Gotthold Ephraim Lessing erinnernden Stil seiner Lust- und Schauspiele, seine grundlegenden Werke ästhetischer und kritischer Art, namentlich aber durch seine „Ideen zu einer Mimik" sowie den einst viel gelesenen Familienroman „Herr Lorenz Stark" in der deutschen Nationallitteratur einen unvergänglichen Namen gesichert hat. Was ihn den Lesern dieses Blattes besonders interessant erscheinen läßt, ist der Umstand, daß er zu der Gruppe jener deutschen Geisteshelden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehört hat, die, wie Lessing, Herder, Dohm, Reimarus, Nicolai und Andere, eS sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, die vielen noch im Schwange sich befindlichen Borurtheile des Volkes gegen Juden und Judenthum mit ihrer scharfen Feder zu bekämpfen und in Wort und Schrift auf geistigem Gebiete eine Gasse zu bahnen. Der Säkulartag bietet uns nun die gewünschte Veranlassung, die Beziehungen deS verdienstvollen und merkwürdigen Mannes zu Juden und Judenthum näher zu beleuchten. Schon frühzeitig, d. h. schon als blutjunger Mann, lenkte Johann Jakob Engel durch seine ästhetischen und kritischen Aufsätze, welche von gründlichster wissenschaftlicher Vorbildung und geläutertem Geschmack Zeugniß ablegen, die Aufmerksamkeit Moses Mendelssohns auf sich, und in den Briefen desselben an Friedrich Nicolai finden sich manche Stellen, welche in anerkennender Weise sich über die Arbeiten des Jünglings äußern. Als dieser im Jahre 1776 als Professor des Joachimthal'schen Gymnasiums zu Berlin nach Spreeathen übersiedelte, besuchte er fleißig den großen Denker, und zwischen ihnen entwickelte sich von Jahr zu Jahr immer mehr eine intime Freundschaft, welche auf gegenseitiger Verehrung beruhte. Engel pflegte seine Abhandlungen, besonders diejenigen, welche philosophischer Art waren, seinem Freunde und Gönner handschriftlich vorzulesen, und Moses Mendelssohn beurtheilte dieselben stets mit dem ihm eigenen Wohlwollen, aber auch mit jener unerbittlichen sachlichen Strenge und Gerechtigkeit, die ihn auszeichneten. Als Beweis dafür führe ich hier nur einen kritischen Brief Mendelssohns an Engel aus dem Jahre 1782 an. Der Verfasser hatte Mendelssohn sein Manuskript: „Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten aus deutschen Mustern entwickelt", welches ein Jahr darauf im Buchhandel erschien, zur Begutachtung vorgelegt, und dieser schrieb ihm nun darüber einen Brief, der folgendermaßen beginnt: Theuerster Freund! Mein Sohn Veit hat Ihnen schon gesagt, was mich bisher abgehalten, Ihr Manuskript durchzulesen; im Grunde habe ich geglaubt, mehr Gelegenheit zu Anmerkungen zu finden, als ich wirklich gefunden und ich wollte keine Veranlassung, mich mit Ihnen zu zanken, übergehen. Ich sehe aber, daß ich Ihnen nichts auhaben kann. Sie haben mir völlig Genüge gethan, bis auf einige Kleinigkeiten, die ich Ihnen auch nicht verschweigen kann. Als vertrauter Freund von Moses Mendelssohn genoß Engel in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung zu Berlin großes Vertrauen. Viele unserer Glaubensgenossen pilgerten zuweilen zu ihm, um sich in kritischen Lagen, in denen sie sich selbst nicht zu helfen wußten, bei ihm Rath zu holen. Eines Tages kamen zu ihm auch zwei bekannte wohlhabende Juden. Man hatte ihnen aus Polen einen jungen Verwandten geschickt, für dessen Fortkommen und Karriere sie sorgen sollten. Die Herren konnten sich aber über diesen Punkt nicht verständigen. Der Eine wollte, daß er Kaufmann und der Andere, daß er Mechaniker werden sollte. Sie stritten lebhaft, und Engel sollte nun entscheiden. Er hörte ihnen lange geduldig zu und fragte endlich, wozu der junge Mensch selbst am meisten Neigung hätte? „Zu keinem der beiden Berufsarten/' mar die Antwort. „Ich will Ihnen nun," erwiderte der philosophische und witzige Schöngeist lächelnd, „etwas aus meiner eigenen Knabenzeit erzählen." „Ich war ein wilder Junge, mein Bruder war es auch. Einmal fänden wir am Ufer eines Sees meines Geburtsortes Parchim einen schönen geraden Weidenzweig. Ich beschloß, eine Fahne daraus zu machen, mein Bruder aber wollte, daß er eine Lanze werde. Jeder blieb bei seiner Meinung. Endlich stieß ich den Stab in den feuchten Sand und wir packten uns beim Kragen. Wie wir in der besten Arbeit waren, rief die Magd zu Tische, und wir durften unseren, in dieser Beziehung sehr strengen Vater nicht warten lassen. Der Stab wurde vergessen. Erst im folgenden Frühling fanden wir ihn wieder. Er war nun weder Lanze noch Fahne, aber ein sehr schön blühendes Bäumchen seiner Natur nach geworden." Die Männer hatten sehr wohl dieses Gleichniß verstanden. Sie wußten nun, was sie zu thun hatten und gingen lächelnd mit bestem Dank von dannen. Es empörte Engel in der Tiefe seiner Seele, daß Proselytenmacher wie z. B. Johann Caspar Lavater und viele Andere mit Eifer bemührt waren, das „Seelenheil" Moses Mendelssohns zu „retten" und ihn seinem Glauben abspenstig zu machen. Mit seinem gewohnten Sarkasmus leuchtete erden Seelenfängern heim, wenn Diese sich auch an ihn wandten, um seinen freundschaftlichen Einfluß bei dem berühmten Philosophen zu mißbrauchen, um Diesen zum Christenthum zu bekehren. In dieser Beziehung existirt eine charakteristische Anekdote, welche den Vorzug hat, buchstäblich wahr zu sein. Einst besuchte ihn sein Freund Ramler in Gesellschaft eines vornehmen Herrn aus Nürnberg, der als pietistischer Eiferer wohl bekannt war. Beide kamen eben von Moses Mendelssohn und erzählten mit großen Lobeserhebungen von dem merkwürdigen Mann, wobei sie besonders die Wärme hervorhoben, mit welcher er sich über Engel geäußert hätte. Plötzlich brachte der Herr aus Nürnberg die Bitte vor

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