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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 307 (sequence 9)
Language
German
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Fünfjährige Kinder, die zur krastaufsaugenden Arbeit zugezogen werden, Mädchen die für Nähen höchstens zehn Pfennig täglich verdienen, ganze Familien, die in einer feuchten, kalten Kellerstube darbeu — das sind Bilder, die sich dem Beobachter ans Schritt und Tritt bieten. Und zu dieser Macht des Elends gesellt sich noch die Macht der Finsterniß. 89 Prozent Analphabeten in der Judengasse will schon was sagen! Und was noch merkwürdiger — die Enquete hat klipp und klarbewieseu, daß in einemjüdischen Viertel mit 1400 Einwohnern nur 114 Personen hebräisch lesen konnten. Ein Fingerzeig, wie weit Arinuth und Elend fortgeschritten sind: selbst die Traditionen der Religion müssen der Nvth das Feld räumen — es bleibt kein Platz für geistige Interessen. Kein erfreuliches Bild bieten auch die Wohnungsverhält- »isse. Mehr als 60 Prozent der Zimmer sind feucht und unbewohnbar. Die überwiegende Zahl der Wohnungen ist dunkel und des Tageslichtes beraubt. Die Oefen sind ziemlich selten. Es kommen Kellerrüume vor, in welchen zehn Personen in schwüler Luft ersticken. Und dabei ist die Miethe verhältnißmäßig sehr hoch, so daß die Einwohner den größten Theil ihrer kümmerlichen Verdienste darauf aufwendeu müssen: das Bermiethen der Schlafstellen wird als Hilfsmittel benutzt. Wenn man den Ausführungen des Verfassers folgt, muß man sich vergegenwärtigen, daß Odessa verhältnißmäßig eine gutsituirte Stadt ist, daß es den Juden dort besser wie anderswo ergeht. Wie muß es in den Ghettovierteln Lithauens nnd Polens aussehen? Eine nach dem Muster von Herrn Brodowski angelegte Monographie könnte haarsträubende Enthüllungen darbieten — und wir brauchen nicht ausführlich zu beweisen, daß solche Beiträge sehr erwünscht wären. Sie könnten den besten Beweis liefern, daß der Hauptantheil an der traurigen Lage der Juden von der russischen Regierung getragen werden muß. Freilich, hören wir von Zeit und Zeit, daß die Ansiedelungszone der Juden erweitert werden soll. Eine Politik der Halbmittel, die dazu noch lange auf Verwirklichung warten wird! Freizügigkeit — das allein ist die Losung. Gott weiß, wann den russischen Juden dieses Geschenk bescheert werden wird! II. Gin indischer Kronprätendent in England. n London werden seit Monaten umfangreiche Vor. bereitungen für die in dieser Woche stattfindende Krönung Eduard VII. getroffen, an denen, die englischen Juden sich in ganz hervorragender Weise betheiligen, wie die Rede vor allem beweisen konnte, welche der Chief Rabbi von England, Dr. Hermann Adler, in der vorigen Woche bei dem großen Meeting in Mansion House hielt, die von den ersten Kreisen der englischen Gesellschaft mit seltenem Beifall ausgenommen wurde. Die englischen Juden haben aber auch allen Grund, dem König wie der Dynastie in besonderer Treue ergeben zu bleiben. Sie sind Engländer durch und durch, und es ist geradezu rührend, mit welchem Eifer sie seit einigen Jahren die Geschichte der Juden in Albion betreiben, um nur ja recht viel Interessantes und Bemerkenswerlhes herauszuholen. Einer der interessantesten Momente dieser Geschichte verdient gerade in diesen Tagen hervorgehoben zu werden — die Geschichte des jüdischen Kronprätendenten von England! Ja! es existirte in der That zur Zeit Heinrich VII. (1492) ein jüdischer Kronprätendent in England! Er besaß zwar nur diesen Titel in den Augen seiner Anhänger, doch was thut das — für einen Juden war er hoch genug gestiegen. Eduard Plantagenet, Graf von Warwick, letzter Vertreter des Hauses V"rk, der jüngste Sohn Königs Eduard IV., war von Heinrich VII. gestürzt und in den Tower geworfen worden. Der wirkliche Erbe der englischen Krone war also beseitigt, und Heinrich VII. hatte durch seine Verbindung mit Elisabeth von Hork Anrecht auf den Thron erworben. Diese Heirath beruhigte zum Theil die Eifersucht, welche so lange zwischen England und Wales bestanden hatte. Doch fehlte es dem neuen Herrscher nicht an Unruhen, die von außen kamen. Der Sohn eines flandrischen Juden, Perkin Warbeck, besaß große Ähnlichkeit mit dem König Eduard IV. und war von der Schwester desselben, Margarethe von Burgund, überredet worden, die Rolle des jungen Herzogs von 4)ork zu spielen. Anerkannt von Vielen, trat er sowohl in Frankreich wie auch in Irland und Schottland 1496 als englischer Thronerbe auf. Das Gerücht behauptete zwar, daß Eduard Plantagenet seit längerer Zeit todt sei. doch was sind unbegründete Gerüchte einer begeisterten Menge gegenüber? Es erhoben sich bald Stimmen im Volke, welche behaupteten, daß Gerechtigkeit, vereint mit List, ivohl im Stande wäre, dem jungen Königssohn seine Rechte zu verschaffen. Man kann behaupten, daß nur Arroganz und Verbrechen sich gegen König Heinrich VII. verbündet hatten, denn Warbeck war ein Betrüger. Wie aber verhielt es sich mit den Anhängern Marbecks, wie mit Denen, die ihn zu ihren Ränken gebrauchten? Das Gewissen der damaligen Zeit war von eigener Art. Eine kleine Schwäche ist kein Verbrechen, und hatten die Herrscher damals die Schwäche, zu morden, so begnügten sich die Höflinge mit der Schwäche des Jntrignirens. Man muß nur nicht zu streng sein; die Handlungsweise jener Zeit ist ebenso wenig eine Sache der Aesthetik wie des Zartgefühls. Kurz und gut! Heinrich entledigte sich des Prätendenten Perkin Warbeck und schickte ihn in den Tower, nachdem er ihn im Oktober 1497 bei Taunton gefangen genommen und Marbecks Haufen sich vor den nahende»! königlichen Truppen aufgelöst hatten. Verschiedene Fluchtversuche, die der waghalsige Kronprätendent, den Jacob IV. von Schottland sogar mit einer Verwandten, der schönen Katharina Gvrdon, verheirathet hatte, mißlangen öden wurden verrathen. Schließlich wurde er unter dein Portal von Westminster öffentlich zum Spott mit einen» Blatt Papier in der Hand ausgestellt, von dem er laut sein Sündenbekenntniß ablesen mußte, in welchem er seine Herkunft eingestanden und seinen ganzen Lebenslauf erzählt hat, indem er seinen maßlosen Ehrgeiz verwünschte, der ihn zum Betrüger und Staatsverbrecher gemacht habe. Ein eigenes Spiel des Schicksals! Der echte Plantagenet befand sich mit dem falschen in gleicher Gefangenschaft. Der König Won Geburt war nur durch eine Mauer von den» falschen Thronprätendenten getrennt.

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