Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- Seite 306 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Zum Schlüsse will ich noch bemerken, daß auch in Gothenburg die Reformbestrebungen ihren Höhepunkt überschritten haben. Seit etwa zwei Jahren wirkt dort Herr Rabbiner Dr. Koch, ein Mann von herzgewinnender Liebenswürdigkeit, der von warmer Begeisterung für die Ideale des Judenthums erfüllt ist. Die Devise seiner Wirksamkeit lautet: „Wohlan, wir wollen zurückkehrerr!" Dieses Wort will auch ich jetzt beherzigen, indem ich meine Berichterstattung schließe und zu meiner Berufsthätigkeit zurückkehre. Me jüdische Armuth. (<Ä8^er weitverbreitete Glaube, daß die Juden ein sehr kapitalkräftiges Lolk sind, kann, wenn wir den Thatsachen etwas näher treten, keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit erheben. Die höchsten Spitzen der Pyramide schimmern vielleicht im Goldglanze — nur darauf wollen unsere Feinde ihre volle Aufmerksamkeit lenken. Der Mittelbau und die unteren Schichten aber stellen ein Bild des Elends und der Armuth sondergleichen dar — darüber verlieren unsere Gönner merkwürdigerweise kein einziges Wort. Wollten wir die Einkommensvertheilung und die sie begleitende soziale Schichtung der Juden näher ins Auge fassen, so hätten uns die betreffenden Ausführungen die im Großeil und Ganzen erschreckende jüdische Armuth gezeigt und erläutert. Die im Allgemeinen günstigen Bedingungen, unter welchen die westlichen Juden ihr Dasein fristen, sollen uns nicht verblenden. Wir wollen uns nach Osten wenden — dort, wo in der engen Ansiedlungszone des heiligen Rußland mehrere Millionen unserer Mitbrüder schmachten. Von Zeit zu Zeit kommen zu uns aus dem großen russischen Ghetto traurige Mähren: welch ein Bild des Elends und unaussprechlicher Erniedrigung! Man braucht sich nur die Ziffern anzusehen, man braucht nur einen flüchtigen Blick in die statistischen Tabellen zu werfen. Dann wird uns die immense Judennoth klar, dann tritt das russische System der Freizügigkeitsbegrenzung im entsprechendem Lichte hervor Und es wird keine Uebertreibung sein, wenn wir behaupten daß die Schuld daran die russische Regierung trägt: wenn man Millionen von Juden zu einem Haufen in engbegrenztem Gebiete zusainmenwirft, schafft man einen dankbaren Boden, auf welchem der Pauperismus gedeihen kann und im Endresultat zu voller Blüthe kommen muß. Wir erinnern den verehrten Leser an die Monographien von Bloch, Subbotin und Soloweitschik, die sich die Mühe gegeben haben, das Bild des jüdischen Elends und der Armuth zu vergegenwärtigen und wissenschaftlich zu bearbeiten. Wir beabsichtigen in Folgendem eine neue, dasselbe Thema berücksichtigende Monographie dem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Es wäre wirkich schade, wenn die kleine, in russischer Sprache verfaßte Broschüre von Herrn Brodowski über die jüdische Armuth in Odessa') dem deutschen Leser vorenthalten bliebe. Die interessanten Erhebungen des Verfassers bieten ein gewisses Interesse schon deshalb, weil die Odessaer Verhältnisse gewissermaßen als typisch und für andere russische Städte der Ansiedelungszone als vorbildlich betrachtet werden können. Es kommt noch dazu, daß die statistischen Erhebungen der privaten jüdischen Initiative zu verdanken sind und vielleicht zu ähnlichen statistischen Enquöten in anderen größerer» Städten ') I. Brodowski, Die jüdische Armuth in Odessa. 1902. Veranlassung geben werden. Denn die offizielle Statistik in Rußland ist — wie bekannt — ganz und gar unzuverlässig. Ein jüdischer Armenunterstützungsverein in Odessa wollte feststellen, wie die wirthschaftlichen Verhältnisse der in der Hafenstadt wohnenden Juden sich im Großen und Ganzen darstellen. Es war ein sehr guter Einfall, bei Vertheilung der Unterstützungen statistische Notizen über den Wohlstand der betreffenden Familien zu sammeln und nach einer im Voraus festgestellten Methode zu gruppiren. Es wurden ungefähr 9000 Familien von den ihres Amtes als Kontroleure waltenden jüdischen Studenten registrirt. Im Folgenden greifen wir aus dem uns vorliegenden Berichte das interessante That sachenmaterial heraus. Odessa wird von der jüdischen Bevölkerung als eine Art Paradies betrachtet, wo man leicht Arbeit und Beschäftigung finden kann. Der Andrang der Arbeitsuchenden ist enorm doch die Hoffnungen der hungernden Proletarier müssen natürlicherweise einen Schiffbruch erleiden. Die kleinsten Verdienste wären erwünscht — doch sie lassen sich nicht immer finden. Und ungeachtet des Elends kommen in ganzen Schaaren die neuen Einwanderer, um in demselben Maße wie früher Hungers zu sterben. Fünszigtausend Juden in Odessa — also ein Drittel der gesammten jüdischen Bevölkerung — leben in tiefster Noth und im Elend! Dreißigtausend sind vollständig arm und wissen nicht, was sie für den folgenden Tag zu essen haben werden! Also — mehr wie du Hälfte der Odessaer Juden sind Proletarier im vollen Sinuc des Wortes. Die statistischen Erhebungen über die soziale Schichtung und Differenzierung dieses Lumpenproletariats ergeben als Endresultat folgendes: Die ärmsten Klassen der jüdischen Bevölkerung in Odessa rekrutiren sich aus Tagelöhnern und Handwerkern. Die jüdischen Tagelöhner scheuen keine Arbeit sie sind echte „Gassenmenschen", d. h. Leute, die auf der Straße auf Beschäftigung lauern. Früher konnten sie Arbeit im Hafen finden, jetzt sind die guten Zeiten vorüber, da die Dampfelevatoren die menschliche Beihilfe überflüssig gemacht haben. Die Handwerker — hauptsächlich Schuster und Schneider — sind Sklaven des „svveatiiiK sz-Lterns", das in Odessa noch mehr Schaden, als in den „äens" in Whitechapel anrichtet. Die Löhne, oder besser zu sagen die Hungerlöhne, erreichen manchmal die Höhe von 4 Rubel pro Woche, was schon als viel und ausreichend betrachtet wird; 20 Kopeken pro Tag ist aber keine Seltenheit. Im Schneidergewerbe, wo die Juden für große Magazine arbeiten („schwitzen"), sind die Löhne manchmal noch niedriger: so bekommen z. B. Mädchen, die in Familien als Mithelferinnen thätig sind, 3—5 Rubel monatlich. Die tiefste Schicht dieser Hölle des Elends und der Noth stellen aber die Hausirer und Kleinhändler dar: eS wurden Fälle festgestellt, wo zehn Kopeken des täglichen Verdienstes als Ideal für die hungernde Masse vorschwebten! Irr derselben Lage befinden sich die Trödler und Karrenschieber, die noch unter der Ausbeutung der Wucherer zu leiden haben. Sie brauchen manchmal ein „umlaufendes Kapital" und müssen dafür den einheimischen Shylocks immense Zinsen zahlen. 150 Prozent pro Monat ist im Armenviertel von Odessa keine seltene Erscheinung. Günstiger ist die Lage der jüdischen Fabrikarbeiter. Doch sind die Löhne meistentheils elend: die Arbeiterinnen in den Tabak- und Propfenfabriken verdienen höchstens 10 Rubel monatlich, Jeden Augenblick aber droht den schlecht bezahlten