Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Während der Schifffahrt, noch bevor sie im schwedischen Hafen gelandet, haben sie schon den größten Theil des Schnlchan Aruch über Bord geworfen. Doch was sie abgeschüttelt, war nur die Form, der Geist desselben ist aber, ohne daß sie es ahnen, eingedrungen durch alle Poren, >:r belebt und erhält das jüdische Gefühl. Wenn Diese sich oaher zu einer Ehe entschließen, ist sie eine jüdische, wenn sie ein Haus gründen, so ist dieses ein jüdisches Heim. So entstehen trotz der Hochfluth der Assimilation jüdische Häuser in oen nordischen Ländern, die allen Stürmen und Wettern siegreichen Widerstand leisten. Bezüglich der Mischehen im Norden will ich nebenbei bemerken, daß dieselben sich von denen des Südens in einem sehr wesentlichen Punkte unterscheide», welche die immer weiter um sich greifende Verbreitung und Ausdehnung erklärt. Die Mischehen, die dort in den allerselteufteu Fällen als glückliche bezeichnet werden können, weil sie keine volle Seelenharmonie bilde», tragen hier soweit man sich in solchen Fragen rin Urtheil gestatten darf, einen ganz normalen Charakter. > Die Verschiedenheit des Glaubens scheint den Akkord der Herzen nicht zu stören. Diese auffallende Erscheinung ist Psychologisch begründet. Von einer religiösen Verschiedenheit kann hier! nicht die Rede sein, weil das religiöse Gefühl, oder sagen wir das konfessionelle in den Herzen Beider völlig erloschen, somit kein störendes Moment im ehelichen Leben bilden kann. Hätte! die Rassentheorie irgend eine Berechtigung, oder würde der Antisemitismus in den drei nördlichen Reichen herrschen, dann würden sich die Naffeninstinkte geltend machen, oder sie würden durch das wüste Toben des letzteren an die nicht mehr geahnten Unterschiede erinnert werden. Diesem fehlt es aber an dem erforderlichen Kampsboden, der Raffentheorie vor Allem an Wahrheit, darum erscheint es als ganz überflüssig, bei der Eheschließung zu prüfen, ob sich der Glaube zum Glauben findet. Vom Antisemitismus, der heute leider in derartigen Berichten und Schilderungen den wichtigsten Punkt bildet, ist hier wie gesagt nichts zu merken. Aber das Wort „Jud" tont auch hier den armen Hausirern entgegen, und die grinsende Gebärde, welche diesen Ausruf begleitet, sagt ihm deutlich, daß dieselbe nicht im schmeichelhaften Sinne gemeint ist. Aus diesen und ähnlichen Erscheinungen läßt sich' mit Sicherheit schließen, daß die Gesinnung der Kanaille, wie Mommsen diese schmachvolle Bewegung nennt, auch hier zur Geltung gelangen könnte, wenn ein anderer Faktor, die unerläßliche Voraussetzung und Vorbedingung dieser Strömung vorhanden wäre: die wirkliche oder vermeintliche Macht des Judenthums. Dies ist hier ganz und gar nicht der Fall. Das Judenthum ist eine guautito iwAliKsakte, welches zu bekämpfen sich nicht der Mühe lohnt. Es giebt wohl Männer, die einen klangvollen Namen haben, eine geachtete soziale Stellung sich errungen, Gelehrte, Großindustrielle u. s. w. So bilden z. B. die zwei Professoren Levertin und Marburg eine Zierde der Wissenschaft. Der vor Kurzem verstorbene Pontus Fürstenberg, einer der reichsten Männer Schwedens, hat sich einen wohlverdienten Namen als Mäcen der Kunst erworben. Aber von dem Glorienschein, der ihre Häupter umschwebt, fällt kein Strahl auf das Judenthum, welches diesen Herren so gleichgiltig ist wie der Mann im Monde. Muß nicht der kalte JndifferentiSmus solcher Männer gegen ihren Glauben, ihren Stamm in den Augen unserer Mitbürger als der klarste Beweis für die Inferiorität derselben erscheinen? Einzigartig ist das Verhältniß des Stockholmer Rabbiners zu dem hochgebildeten König Schwedens. Der edle, hochgesinnte .König überhäuft ihn geradezu mit allen möglichen Auszeichnungen; Professortitel, Wasaorden, Nordstjärnaordeu sind glänzende Beweise der königlichen Gunst, die ihn bestrahlt. Besonders bezeichnend für dieses Verhältniß ist folgende Episode, welche mir Professor Klein erzählte. Dieser befand sich zum Kurgebranch in einem inländischen Seebade zu einer Zeit, als auch der König dort weilte. Während eines Spazierganges, den Letzterer unternahm, erblickte er den Rabbiner, der in respektvoller Entfernung stand, ging auf ihn zu und erkundigte sich, wie lange er hier zu weilen gedenke. Als nun Professor Klein bemerkte, daß er schon am nächsten Tage abreisen müsse, weil ihm seine Berufsgeschäfte ein längeres Verweilen nicht gestatten, forderte ihn der König auf, die Abreise zu verschieben und hier zu bleiben mit der Motivirung: Din borsnmling ns sö small! (Deine Gemeinde ist ja so nett). Das klingt ja schön und ist hocherfreulich. Dieser Zug, dem sich noch eine ganze Reihe ähnliche Züge hinzufügen ließen, zeigen uns den König in seiner erhabenen Seelengröße. Doch dürfen wir diesen einzelnen Fall nicht überschätzen und uns über die Tragweite desselben keinerlei Selbsttäuschung hingeben. Denn diese Auszeichnungen, diese königliche Gunst gelten nicht dem Rabbiner als solchem, nicht dem Vertreter des Judenthums, sondern ausschließlich dem Gelehrten. Jenes aber erfreut sich weder in den hohen Kreisen noch in den unteren Schichten einer besonderen Werthschätzung. Es kann eben auf eine solche keinen Anspruch erheben, weil es in einem Zustande der Lethargie sich befindet; es regt und rührt sich nicht und giebt kein Lebenszeichen von sich. Wohl hat der gelehrte Oberrabbiner Simonien in Kopenhagen, eine leuchtende Jdealgestalt, der Vorzüge des Geistes und des Herzens in harmonischer Weise vereinigt, die Rabbiner in Skandinavien zu einer Besprechung eiugeladen, an der auch dessen unermüdlicher Mitarbeiter auf allen Gebieten der Seelsorge, Herr Rabbiner Dr. Goitein, theilgenommen, um darüber zu berathen, wie die verdorrten Gebeine zu neuem Leben geweckt werden könnten. Diese Berathung hatte aber das Schicksal aller ähnlichen Rettungsversuche; sie blieb resnltatlos. Von einer Aktion im großen Stile kann übrigens hier nicht die Rede sein, da die Seelenzahl aller in Schweden lebenden Juden nicht mehr als 3000 beträgt, die fast ausschließlich in den drei Gemeinden Stockholm,Gothenburg und Malmö wohnen. Trotz dieser geringen Zahl sind aber alle Richtungen des Judenthums vertreten, sowohl die radikalste Reform als auch die Orthodoxie strengster Observanz. Letztere hat ihre Hochburg, ihren Sammelpunkt in Malmö und den zu dieser Gemeinde gehörenden Städten. Alle Gemeindeinstitutionen, Gottesdienst Religionsschule, Schechita rc. entsprechen dem Geist, des streng konservativen Judenthums. Was ich während der Zeit meiner hiesigen Wirksamkeit zur Erhaltung und Erstarkung desselben beigetragen, darüber zu schreiben verbietet mir Proverb. XXVIP.