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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 304 (sequence 6)
Language
German
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304 Jude". Ich denke mir, daß Südafrika das Gebiet ist, welches derzeit die meisten Vortheile für eine jüdische Einwanderung bietet. Politisch die Sphäre der englischen Freiheit, sprachlich das Gebiet dem Jargon verwandter Sprachen, Burensprache und englisch, setzt es keine äußeren Schwierigkeiten entgegen und besitzt die wichtigste Voraussetzung für eine gröbere Immigration, nämlich die vorläufig unbeschränkte wirthschaftliche Ausnahmssähigkeit. Findet man keinen Erwerb bei den Menschen, so kann man sich ihn unmittelbar bei der Natur suchen als Ackerbauer, Viehzüchter, Mineralgräber." An diese Bemerkungen reiht sich der praktische Vorschlag, einen Auswandererverein nach Muster z. B. des „Vereins zum heiligen Vincenz und St. Paul" für die polnische Auswanderung nach Brasilien — jedoch in größerem Maßstabe — zu gründet: und das Prinzip der Arbeits- und Erwerbsvermittelung, wie es im Wiener Arbeitsnachweisbüreau der „Bnei Brith" verwirklicht ist, anzuweuden. Der Aufsatz schließt mit der zutreffenden Bemerkung, daß der Verfasser nicht die Immigration nach Südafrika den Juden überhaupt, sondern nur die Ablenkung der bestehenden Emigration von Amerika und England anempfehle — derjenigen Emigration, mit der man als einer gegebenen Thatsache rechnen müsse. ö Ueber die an: erika Nische Rabbinerkonferenz, die, wie wir bereits mitgetheilt, vom 5. bis 10. v. M. in New-Orleans getagt, schreibt unser geschätzter Mitarbeiter Professor Dr. G Deutsch aus Cincinnati: „Auf der Versammlung in New-Orleans wurden vier Vorträge gehalten: über die Aufgaben der modernen Religionsschule, über den Sabbath, über Bibel und moderne Wissenschaft und über die Heranziehung indifferenter Elemente zum aktiven Gemeindeleben. Typisch für unser Judenthum ist der Umstand, daß gerade die Sabbathfrage am meisten Aufsehen erregte, und daß die Zeitungsreporter mit ihrer feinen Witterung für das Sensationelle sich gerade diesen Punkt auSersahen. um die Neuigkeit zu verbreiten, die amerikanischen Rabbiner wollten den Sabbath auf den Sonntag verlegen. Zur Aufklärung sei sofort bemerkt, daß weder ein solcher Beschluß gefaßt, noch auch ein derartiger Antrag gestellt wurde. Die Diskussion über diesen Punkt war ganz akademisch. Rabbiner Voorsanger aus San Francisco hielt einen Vortrag über die Sabbathfrage, in der er, ohne ein Heilmittel vorzuschlagen, die ökonomischen Schwierigkeiten, die sich einer richtigen Sabbathseier in unseren Tagen in den Weg stellen, darlegte. Er schloß daran die Bemerkung, daß die Sabbathseier sich auf die Synagoge beschränke, und daß der Besuch des Gottesdienstes in steter Abnahme sei. Als praktisches Resultat seiner Ausführungen verlangte er die Einsetzung eines Komitees zum Studium der Frage, was von Seiten der Rabbiner geschehen könne, um eine Besserung der gegenwärtigen Verhältnisse herbeizuführen. In der Diskussion über diese Frage zeigten sich zwei Hauptrichtungen. Die eine verlangte ein Wirken des Rabbiners zur Wiederbelebung des traditionellen Sabbaths — und diese Richtung hatte die ausgesprochene Majorität — während die andere, unter der Behauptung, daß eine Wiederbelebung des traditionellen Sabbaths unmöglich sei, die Pflege, respektive Einführung eines Sonntagsgottesdienstes verlangte. Von keiner Seite — und das sei hier besonders Hervorgeboben — wurde die offizielle Aushebung des traditionellen Sabbaths angeregt. Ueber solche Synodatthorheiten ist das amerikanische Neformjudenthnm schon lange hinaus; Diese haben sich jetzt zu den Orthodoxen geflüchtet, wie erst neulich ein Rabbiner in Kairo einen Aufruf zu einem Weltkongreß der orthodoxen Rabbiner erließ. Die Frage über die Stellung des modernen Menschen zur Bibel wurde von Rabbiner Dr. Sale in ausführlicher, formellvollendeter und gründlich durchdachter Rede behandelt. Moderne Anschauung hat unsere Stellung zur Bibel wesentlich beeinflußt. Der allgemeinen wissenschaftlichen Methode, Angaben zuerst ans ihre inneren und äußeren Gründe zu prüfen, kann sich die Bibel nicht entziehen. Es giebt nur zwei Auswege: Man muß entweder auf dem Wege künstlicher Harmouisirung die Widersprüche hinwegzuinterpretiren suchen, oder man muß eingestehen, daß hier verschiedene Quellen aus verschiedenen Zeiten vorliegen. Die Bedeutung der Bibel liegt nicht iu der Geschichtlichkeit der in ihr erzählten Thatsachen, sondern in ihren, ethischen Lehrgehalte. Von mehr praktischer Bedeutung war die neuerliche Behandlung der Frage über die Erweiterung der Aktivität im Gemeindeleben, eine typisch amerikanische Frage. Neulich lasen wir von einem bis zu. obersten Instanz hinaufgetriebenen Prozesse eines im Sommer in Karlsbad ansässigen Arztes gegen die dortige Gemeinde, die ihn zur Steuerzahlung heranziehen wollte. Der Prozeß wurde zu Gunsten der Gemeinde entschieden. In Amerika ist nun eine solche Jngeren; des Staates ausgeschlossen; jede Gemeinde ist blos auf dem Vereins rechte aufgebaut. So kommt es denn oft genug vor, daß Leute, dir wohl in der Lage wären, eine Gemeinde materiell zu unterstützen, fick, dieser Pflicht entziehen und dabei dock die Institute der Gemeinde im Falle eines Todes oder bei einer Trauung in Anspruch nehmen. Was soll man nun thun? Soll man gegen sie mit Boykott Vorgehen Das scheint irreligiös und könnte am Ende zu dem Gegentheil führen. Auch ist es bei dem Mangel einer Gesammtorganisation des Juden thums kaum durchführbar, denn es wird immer Gemeinden geben, dir sich einem solchen Gesetze nicht fügen. So kann denn auch diesr Frage nur von dem Gesichtspunkte des Meinungsaustausches be sprachen werden, ohne definitiv entschieden zu werden. Das führt uns zu einem prinzipiellen Punkte: Rabbinerversannnlnngen, wenn sie regelmäßig wiederkehren sollen, können nicht jedesmal weltbewegende Ereignisse zu Tage fördern. Der gesündeste Fortschritt ist der, welcher sich in regelmäßiger Entwickelung und nicht, welcher sich in sprunghafter Revolution vollzieht." Srief aus Schweden. Von Dr. Josef Wo hl stein-Malmö. ch komme spät, aber endlich doch, Ihrem Wunsche zu ent- AA sprechen, von dem Leben und Treiben unserer Glaubensbrüder in den nordischen Ländern eine kurze Schilderung zu geben. Der Norden hatte schon vor Jahrtausenden für uns Juden eine ominöse Bedeutung, indem der Prophet den Klagerus ertönen läßt: „Vom Norden kommt das Unheil!" Dieser Ruf hat auch heute eine gewisse Berechtigung, wenn man die religiösen Zustände, die hier zu Lande herrschen, mit offenem Blicke betrachtet. Man gewinnt den Eindruck, als ob das Judenthum sich in voller Auflösung befinden würde, und in wenigen Generationen die letzten Spuren desselben verschwunden sein werden. Was den Beobachter zu einer solch trüben Prognose veranlaßt, sind die Mischehen, die einen solchen Umfang angenommen, daß es geradezu als ein merkwürdiges Ereigniß angestaunt wird, wenn beide Theile des Brautpaares dem Jndenthum angehören. Als bezeichnend hierfür ist eine kleine Notiz, die ich vor Kurzem las. In einer kleinen Gemeinde in der Nähe Stockholms wird der Gottesdienst ausschließlich in schwedischer Sprache abgehalte». Ein junges Mitglied stellte bei der Generalversammlung den Antrag, auch der hebräischen Sprache ein bescheidenes Plätzchen zu gewähren. Dies lehnte der Vorsitzende mit der Motivirung ab, daß sämmtliche Mitglieder der Gemeinde theils selbst mit christlichen Frauen verheirathet sind, oder deren Kinder Mischehen eingegangen, und auch der christliche Theil der Familien an dem Gottesdienst theilnimmt Der gute Mann hatte nicht Unrecht. Daß sich das Judenthum bei solchen Zuständen nicht mehr lange behaupten kann, ist klar, und es bedarf wahrlich keines prophetischen Geistes, um den allmäligen, aber sicheren Verfall und schließlich die völlige Auflösung desselben vorauszusehen. In dieser trost- und hoffnungslosen Situation läßt das Judenthum seine Hilfstruppen

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