Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-27 · Heft 26 (27.6.1902) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 26 (27.6.1902)
Date
1902-06-27
Page
Seite 302 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228500--58774-3295245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

802 s Erfolg sein wird, und auch wir bitten unsere Leser, nach Kräften dem Verein neue beitragende Mitglieder zu gewinnen. An geeigneten Schützlingen fehlt es der Anstalt nicht, und wenn erst das Vorurtheil bei den Unternehmern geschwunden sein wird, und sobald erst die erforderlichen Mittel, die, für 60 Kolonisten kaum wesentlich höher sind als für 25, beschafft sein werden, darf man auf das Gelingen des Vorhabens hoffen. Was hier erstrebt wird, ist ein doppeltes Ziel, einmal die Schutzbefohlenen praktisch zu üben, sodann aber sie intellektuell und moralisch aufzurichten. Ist das Bewußtsein, ein Obdach zu besitzen, die peinlichste Sauberkeit, der erzieherische Einfluß der Disziplin und vor allem die geregelte Arbeit selbst der sicherste Boden für die moralische Regeneration, so kann man sich doch auf die erwähnten Hilfeleistungen allein nicht beschränken. Das alles könnten die Kolonisten auch in einer nichtjüdischen Anstalt haben. Nicht aber könnten sie dort einem gemeinsamen jüdischen Morgen- und Abendgottesdienst beiwohnen. Wir brauchen nicht hervorzuheben, welcher Segen die echt jüdische Feier der Sabbath- und Festtage für die meist fromm erzogenen Kolonisten ist. Und bereits hat sich ein Komitee gebildet, dessen Mitglieder es sich angelegen sein lassen, die Kolonisten durch Vorträge über die biblische und nachbiblische Geschichte, aber auch über allgemein belehrende Gegen- > stände und durch Gesangsunterricht zu erbauen und aufzurichten. Möge es gelingen, aus den vom Schicksal Gebeugten wieder aufgerichtete Menschen zu schaffen, möge es, durch Erschließung weiterer Arbeitsgelegenheit und durch Gewinnung von Gönnern, gelingen, die größte Wvhlthat: aus wirthschaftlich und moralisch tiefstehenden Leuten wieder würdige Glaubensgenossen zu machen, recht vieler: unserer ärmsten Brüder zu Theil werden zu lassen. Mögen aber auch Viele das Werk materiell fördern. Denn ohne solche Hilfe geht es nun einmal nicht. Was wir bisher von der Arbeiterkolouie in Weiszensee gesagt, gilt auch in vollem Umfange von der Arbeitsstätte in Köln. Ueber diese hat der Delegirte der Kölner Gemeinde auf dem Verbandstage, Herr M. D. Feilchenfeld, folgende interessante Mittheilungen gemacht: „Wir haben zunächst einen Kampf zu bestehen gehabt mit unseren einheimischen Glaubensgenossen, die die Arbeitsstätte nicht wollten aus dem einfachen Vornrtheil, die Schnorrer würden doch nicht arbeiten Die Praxis hat ganz natürlich daS Gegentheil bewiesen. Ich kann Ihnen ferner auch sogleich sagen, daß die Arbeitsstätte uns in ihrer heutigen Gestaltung kein Geld mehr kostet, daß wir ungefähr pari sind. Natürlich haben wir im ersten Jahre wie bei jedem Geschäft etwas Defizit gehabt, aber für die Folge läßt neben der idealen Rentabilität auch eine materielle sich heransrechnen. Wir haben im Jahre 1901 170 Leute arbeiten lassen, die durchschnittlich 2.50 bis 3 Mk. Tagelohn in höchstens achtstündiger Arbeitszeit verdient haben. — Wir haben 2000 Centner Kleinholz (Brennholz) herangearbeitet, welches zum ortsüblichen Preise verkauft worden ist. — Unser Apparat ist höchst einfach: wir haben einen Aufseher, der im Nebenamt 50 Mark monatlich verdient, und die Ueberwachung der Leute besorgt. — Arbeit geschieht in Akkord. 40 Pfennig für einen Centner Kleinholz, welches in Säcken zu 50 Pfund, mit unserer Plombe versehen, abgeliefert wird. Es ist ganz selbstverständlich, das; die Leute, die bei uns an die Kasse kamen, zunächst darauf geprüft wurden, ob sie arbeitsfähig sind oder nicht. Ein alter Mann, der in seinem Leben vielleicht niemals eine Handarbeit verrichtet hatte, kann natürlich nicht arbeiten. Das ist ein Unding, selbst wenn wir es wollten, und selbst wenn der Mann es wollte, so könnte er es nicht. Anders verhält es sich mit jedem Arbeitsfähigen, namentlich mit jungen Menschelt, die darauf angewiesen werden, daß sie zunächst zu arbeiten haben, und daß wir anstatt der schändlichen Methode, durch Almosennehmen sich zu ernähren, die einzig richtige Art durch Arbeit, durch das benetieium laboris weiterzukommeu, ihm gewähren wollen. Viele, die zu uns kommen, machen davon Gebrauch, eilte ganze Anzahl geht auch um Köln herum. Daß die Arbeitsstätte von Köln manche Wanderbettler wegscheucht, solche, die absolut nicht arbeiten wollen, daß infolge dessen eine südlicher oder östlicher gelegene Gemeinde dadurch benachtheiligt wird, weil die Leute von uns ab sich dorthin wenden, will ich nicht leugnen. Warum richtet aber jene Gemeinde nicht auch eine Arbeitsstätte ein? Der Fehler liegt also nicht daran, daß Köln eine Arbeitsstätte hat, sondern daran, daß die anderen Gemeinden eine solche nicht besitzen. Wäre auf dem Etappenwege der Schnorrer: Ostgrenze —Berlin —Hannover—Bochum —Köln eine fortlaufende Kette von Arbeitsstätten, so wäre die Säuberung dieses Weges von Schnorrern mit Leichtigkeit ebenso zu bewirken, wie wir im Begriff sind. Köln zunächst von ihnen frei zu machen. — Wir müssen dahin streben, nicht nur aus einer Stelle derartige Stätten zu errichten, sondern möglichst an allen Orten des kleineren Bezirks, zunächst an den Einfallsorten der Preußischen Monarchie, in Kattowitz, Ratibor, Thorn u. s. w. Das läßt sich in der Praxis viel leichter machen, als man glaubt. Das Vorurtheil, es koste Geld, glaube ich zerstört zu haben. Dann besteht das Vorurtheil, wir Hütten kein Arbeitermaterial. Wenn die Arbeiter ausblieben, dann würde die Arbeitsstätte, wie ich sie empfohlen habe, allerdings »licht rentiren. Ich bin indessen der festen Meinung, aus unsere Erfahrungen gestützt, daß eine Anzahl voll Schnorrern durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit gern sich retten läßt, und daß man dem Wanderbettel nur dann energisch zu Leibe gehen kann wenn wir die Leute vor die Alternative stellen, zu arbeiten, oder wenn sie nicht arbeiten »vollen, aus unsere Sympathie und Unterstützung zu verzichten. Wenn erst mehrere Arbeitsstätten errichtet sind — ich hoffe, daß zunächst unsere Brüder in Westfalen eine solche im Ort ihrer Centralkasse, in Bochum, einrichten werden — so wird uns das übrige Deutschland Nachfolgen und des Segens, den wir erfahren haben, auch theilhaftig werden. Ich muß Ihnen mittheilen, daß wir in Köln die Erfahrung gemacht haben, daß eine ganze Anzahl von Leuten, die vorübergehende Beschäftigung bei uns gefunden hatten — auf die Dauer rentabel ist sie ja nicht, braucht sie ja auch nicht zu sein— nachher zu einer regulären und lohnenden- Arbeit am Orte selbst gekommen sind. Wir waren in der Lage, eine ganze Anzahl voll Leuten, die sich bewährt hatten, mit Hilfe eines Arbeitsnachweises in Stellungen hereinzubringen, die durchaus rentabel für die Leute waren, und haben ihnen so zu einer dauernden Existenz verholferi." Diese Ausführungell fanden auf den Verbandstage allgemeinen Beifall. Es unterliegt keinem Zweifel mehr: die Arbeitsstätten sind sehr heilsam und wichtig für die Bekämpfung des Wanderbettels; sie sind unter allen Umständen nach Kräften zu fördern und zu unterstützen! Me Much«. Berlin, 25. Juni. Tod des Königs Albert von Sachsen ruft in ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinaus Knnd- ^2^ gedungen der Trauer über den Verlust, den das deutsche Volk erlitten hat, und der Anerkennung für die bürgerlichen und militärischen Eigenschaften hervor, durch die sich der milde und anspruchslose Herrscher auszeichnete. König Albert war einer der Führer, die für die Begründung des deutschen Reiches mit aller Hingebung gekämpft haben. Er war ein edler und wohlmeinender Fürst. Seine Regierung war eine konstitutionelle; da aber der Liberalismus in Sachsen durch den Ansturm des Antisemitismus ans der einen und durch das Anwachsen der Sozialdemokratie auf der anderen Seite

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.