Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 26. Allgemeine ° KerUn, 27. Juni 1902. eitung des Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Phittppson-Vonn. Verlags-Erpedition: Lerlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. I! Inhalt. Leitartikel: Praktisches Iudenthum. II. — Die Woche. — Brief aus Schweden. Von Dr. Josef Wohlstein-Malmö. — Die jüdische Armuth. — Ein jüdischer Kronprätendent in England. — Johann Jakob l ngel und die Juden. Von Dr. Ad olph Ko hut. — Feuilleton: Jrrthümer. Bon B. Ginsberg. II. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Kattowitz, Glogau, Dresden, Kissingen, Frankfurt a. Ai., Vien. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Praktisches Iudenthum. , II. Berlin, 24. Juni. id^T^icht weniger wichtig als das in der vorigen Nummer besprochene ist das Werk sozialer Fürsorge, dem wir heute unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen, nämlich oie neuerrichtete jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee. Das von dem sel. Eugen Rosenstiel ersonnene, durch die Munificenz des verstorbenen Oberamtmanns Ludwig Meyer und das Entgegenkommen der ^visli Lolomsativii ^88veiation ermöglichte Werk ist seit dem 19. Februar d. I. seiner segensreichen Bestimmung übergeben worden. Herr Maurermeister Adler hat mit Sachkunde und unermüdlicher Pflichttreue die Herstellung des Baues überwacht. Jetzt ist er auch der rüstige Leiter deS ins Vereinsregister eingetragenen „Vereins jüdische Arbeiterkolonie" und bewährt seine glückliche Hand als Organisator. Ein Besuch des Instituts dürfte für jeden ans dem Gebiete des Armenwesens Thätigen wie überhaupt jeden Menschenfreund lohnend sein. Stattlich erheben sich an der Wörthstraße zu Weißensee die von allen Seiten freien Bauten der Kolonie, das Asyl, nebst dem Werkstattgebäude und Lagerschuppen. Die hohe, freie Lage hat es ermöglicht, allen Räumen eine belle Beleuchtung zu verleihen, und wohin immer der Blick aus den zahlreichen stattlichen Fenstern fällt, überall begegnet ihm ein erfrischender Anblick. Im Vordergründe liegen die parkartig angelegten Friedhöfe der jüdischen und der katholischen Gemeinde, in der Ferne winken die Thürme der Weltstadt. Wohl den Kolonisten, daß sie für Monate der tobenden Welt da draußen entrückt sind, umbesser für einen siegreichenDaseinskamps ausgerüstet, wieder in sie eintreten zu können! Nach der anderen Seite breitet sich die Feldmark aus; das zunächst liegende Gelände, 3Hz Morgen, gehört der Anstalt und wird von ihr mit Gemüse für den Hausbedarf bebaut. Der Inspektor der Anstalt, Herr Wehrend, ist gern bereit, die Interessenten mit den Einrichtungen des Instituts bekannt zu machen. Seine Thätigkeit ist eine vielseitige; er hat die Arbeit der Kolonisten zu überwachen, sie im moralischen Sinne > günstig zu beeinflussen und dem Vereinsvorstand, von denen neben dem Vorsitzenden namentlich die Herren Rosenow und Ber sich an der Leitung betheiligen, im Geschäfts- und Rechnungswesen hilfreich zu sein. Die Fran des Inspektors steht dem Küchenwesen vor. Die Besucher sind erfreut über die Kunst, für einen überaus geringen Preis den Leuten eine streng rituelle, nahrhafte und schmackhafte Kost, wie sie ein Handarbeiter haben muß, zu liefern. Und sie sind wirklich fleißig, die Kolonisten, denen sich unser Interesse in erster Reihe zuwendet. Wie oft haben die Begründer der Kolonie es hören müssen: Euer Vorhaben ist vergeblich; auS Schnorrern können nimmermehr brauchbare Arbeiter geschaffen werden. Dieser, ivie zuzugeben ist, verständliche Pessimismus wird erfreulicherweise durch die Wirklichkeit widerlegt. Die aus der weiten Welt durch den rauhen Besen der Noth zusammengefegten Leute, es sind ihrer zur Zeit 23, von denen 4 aus Galizien, 7 aus Ungarn, je einer ans Rußland, Böhmen und Serbien und 9 aus Deutschland stammen, wissen die lang entbehrte Ordnung und Sauberkeit zu schätzen und fügen sich, obgleich gesetzlich Bestrafte unter ihnen nicht fehlen, gehorsam in die Hausordnung, benehmen sich ruhig und arbeitswillig und sind dankbar für die Versuche, sie moralisch aufzurichten. Die Beschäftigung der Kolonisten besteht in Grundir-, Steinpapp-, Holz- und Lederarbeiten, Herstellung von Teppichklopfern aus Rohr, sowie von Bestandtheileu der Stoffschuhfabrikatiou. Gerade in der Beschaffung Passender Beschäftigung liegt die Hauptschwierigkeit des Unternehmens. Denn da es vor allem darauf ankommt, die Leute anzulernen und sie fürs Leben geschickt und tüchtig zu machen, so darf wenigstens zu Anfang der finanzielle Ertrag nicht in den Vordergrund gestellt werden, so wichtig auch die Kassenfrage ist. Aber vor allem gilt es, das Vorurtheil der Unternehmer zu beseitigen, und aus diesem Grunde begnügte sich die Kolonie vorläufig mit einer verhältnißmäßig kleinen Vergütung. Infolge dessen bedarf die Verwaltung zur Deckung der Unterbilanz der Zuschüsse, die je nach der wachsenden Zahl der Insassen durchschnittlich für den Mann immer kleiner werden. Bei 25 Kolonisten ist ein Zuschuß von 8009 Mark, bei 40 von 9000 Mark, bei 60 von 10 000 Mark jährlich nothwendig. Mit Rücksicht auf die unzureichenden Mittel mußte bei der Anschaffung des Inventars die größte Sparsamkeit und Einschränkung gewahrt werden. Es ist aber zu hoffen, das; der auf dem letzten Verbandstage fast einstimmig gefaßte Beschluß, die Arbeiterkolonie > seitens der Gemeindeverbände thatkräftig zu unterstützen, von