Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 blcibt die Aufgabe der Genosseuschast, die auf diese Weise zur Lösung der sozialen Frage ihr Scheustem beizutrageu sucht. Nach dem Kassen, bericht beträgt das Vereinsvermögeu 1687.83 Mark, wovon 1571.20 Mark bei der Bank Mayer u. Cie. hinterlegt sind. Für Kleider. Schuhe, Schulgeld u. s. w. wurden im verflossenen Jahre 892.07 Mark ausgegeben. Der Verein hat 142 Mitglieder. Alls Antrag des Vorsitzenden wurde beschlossen, daß der Vorstand des Vereins bei dem Herrn Bezirkspräsidenten vorstellig werden sollte, um dahin zu wirkeil, daß die Lehrer am Schlüsse des Schuljahres ihre zu entlassenden Schüler mit den Bestrebungen der Genossenschaft bekannt macheil möchten. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 16. Juni. In unserer Gemeinde wurde jetzt eine Institution geschaffen, die manches Gute bewirken kann und auch in anderen Großgemeinden Nachahmung verdient, nämlich die sogenannten Bezirkskommissionen, die die Angelegenheiten ihres Bezirkes berathen und Anträge an den Knltusvorstand stellen sowie die ihnen vom Kultusvorstande über Angelegenheiten ihres Bezirkes abgeforderteu Aeußerungen zu erstatten haben. Insbesondere solleil die Vezirkskommissionen, sei es aus eigener Initiative, sei es über Aufforderung des Kultusvorstandes, folgende Angelegenheiten zum Gegenstände der j Berathung und Antragstellung machen: a) Knltusangelegenheiten desbetreffenden Bezirkes; b) Angelegenheiten betreffend die im Bezirke be* stehenden gottesdienstlichen und rituelleil Anstalten und Einrichtungen der Knltnsgemeinde; a) Angelegenheiten betreffend die im Bezirke befindlichen konfessionellen Stiftungen. Anstalten und Vereine; ck) Angelegenheiten betreffend die im Bezirke bestehenden oder zu errichtender Vereins- und Privatbethäuser, sowie die Zusammenkünfte zu gottesdienstlichen oder rituelleil Hebungen; o) Angelegenheiten betreffend die Ertheilung des Religionsunterrichtes im Bezirke. Eine solche Deeentralisation der Verwaltung erscheint in einer grosten Gemeinde als unabweisbare Nothwendigkeit. — Die beiden Gruppen der alldeutschen Partei machen das Parlament zum Schauplatz so wüster Spektakelszenen unter einander, das; man von einem moralisch^ Bankerott dieser im Vorjahr gleich einein Meteor aufgestiegeneu juiiM deutschen Partei sprechen kann. Wolf und Iro boten einander OhA seigen all. Schönerer rnst: Zuckerkartell-Wolf, Wortführer der bestochenen Presse. Wolf erwidert Schönerer mit Rücksicht auf dessen akri gebliche Abstammung großväterlicherseits voll Schmul Leeb Kohu: Es ist mir leid, mich mit solchem Gesindel einlassen zu müssen. Schönerer schreit: Bestochener Vertreter der Korruptionspresse! Wölf: Er ist wieder einmal besoffen! Berger schreit: Wenn man sich mit Lumpereien befaßt, muß man sich auch mit Wolf befassen, Schönerer: „Zuckerkartell-Wols, mit grauen Haaren einen solchen Schurkenstreich zu begehen". Iro ruft zu Wolf: Hochzeitsredner von Tetschen (Anspielung auf die Angelegenheit Seidl). Wols entgegliet: „Ehrenivort-Jro" n. s. Aon Nah und Fern. — Dr. Kayserling, Assistent an der Pathologischen Anstatt hier, hat sür seine Leistungen ans der Ausstellung ärztlicher Lehrmittel eine goldene Medaille erhalten. — Herr Hermanst N. Israel. Mitinhaber der bekannten Firma N. Israel, ist zurü königlich preußischen Kommerzienrath ernannt worden. — Die kürzlich hier verstorbene Frau Elise Kuczynski hat völlig im Sinne des ihr im Tode voransgegangcnen Gatten Paul Kuczyns^i testamentarisch für Musiker und Dichter eine Stiftung von dreimalhunderttausend Mark begründet, deren Zinsen zunächst derart verwendet werden sollen, daß jährlich an Zwei bestimmten Terminen Unterstützungen im Betrage bis zu höchstens 2000 Mark vergebmr werden sollen. — Am 12. d. M. ist hier der Apotheker Dr. Osccrr Lövinso n im 32. Lebensjahre gestorben. Die Gesellschaft für ethische Kultur widmet ihm einen warmen Nachruf.— In Br es la n sind sechs Penalverbindungen entdeckt worden, die alle statutenmäßig keine jüdischen Schüler aufnehmen. Der größere Theil der Mitglieder wurde relegirt, viele andere mit Karzer bestraft. — Der Generalsekretär der antisemitischen Partei I. Hennigsen wurde wegen Beleidigung des freisinnigen Abgeordneten Demmig sür Schaumburg-Lippe von dem Schöffengericht in Stadt Hagen zu 200 Mark Geldstrafe und Publikationsbefuguiß für den Kläger verurtheilt. — In Essen a.d. N. wurde eine Straße nach den; sel. Prediger Blumenfeld „Blnmenseld- Straße" genannt. In der ThaL, eine seltene Ehrung für einen Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. jüdischen Lehrer. — Der Inhaber des Kurhauses Traut he im nn Osterwald protestirt dagegen, daß sein Etablissement unter den antisemitischen Kurorten figurire. — Das Landgericht in München hat ein Urtheil des Schöffengerichts bestätigt, wodurch der Bürgermeister Mathes von Milbertshofen und der Hausbesitzer Bock wegen Beleidigung zu je fünf Tagen Haft verurtheilt worden war. Beide hatten auf der Eisenbahnfahrt von Starnberg nach München einen jüdischen Kaufmann beschimpft. — In der Nürnberger Bürgerschaft geht das Gerücht, an den Magistrat sei eine Entschließung des Ministeriums ergangen, worin angeordnet wurde, daß zur Aufrechlerhaltung des „christlichen Charakters" der Simultauschulen ein. Anstellung israelitischer Lehrkräfte an diesen Schulen nicht mehr erfolgen solle. Es wäre von Interesse, zu erfahren, was an diesen Gerücht Wahres ist und was eventuell die städtischen Behörden in Interesse der freien Entwickelung der Volksschule zu thun beabsicksichtigeu. — In Straß bürg hat die „Erwerbs- und Mittelstandspartei", die mit der antisemitischen Neformpartei ven : bündet ist, bei den Gemeinderathswahlen n. A. auch den Präsidenten des israelitischen Konsistoriums Dr. Gustav Levy als Kandidateu ausgestellt. Die Partei ist aber bei der Wahl dnrcb-! gefallen. — Siegln und Schlesinger, der bekannte Wiener Ltiststneldichter. feierte am 15. d. M. seilten siebzigsten Geburtstag. Schlesinger, der sich zuerst als witziger Fenilletonist einen Namen gemacht hat, gab später (in den sechziger und siebziger Jahren) der deutschen Bühne eine Menge kleiner und sehr beliebter dramatischer Werke. — Seit dem Bestände des österreichischen Landtages ist nunmehr das erste Mal ein jüdischer Abgeordneter in denselben entsendeworden, es ist dies Dr. G ra zi a d i o Luzz att o, Advokat in Gvrz.- In Winterthur wurde ein Verein sür jüdische Geschichte und Litu ratur gegründet. — Zn Kopenhagen ist der allgemein geachtete Chefredakteur der „Berlingske Tidende" M. A. Natansen gestorben. — Das Civilgericht in Paris sprach das Urtheil in dem Prozesse der Wittrve des Obersten Henry gegen Rein ach und da.- Journal „Le Siöele". Die Wittrve Henrys hat 200 000 Franc; Schadenersatz mit Zinsen verlangt. Das Gericht vernrtheilte Reinach irnd „Le Eibele" zur Zahlung von je 500 Franks all die Wittlu Henry ulld ihren Sohn. — Der Präsident der „Oni voräitu Isiuelilion" ü j No ul, Cav. Seriui, bittet uns, voll nachfolgendem Ausschreiben in unserem Blatt Kenntnis; zu gebeu: Mall sucht eine« Oberrabbiner rnil einem Gehalt voll 5000 Lire und 1000 Lire Nebeueinkommen. Bewerbemüssen folgende Zeugnisse beibringen: Geburtsattest, Auszug aus dem Standesregister, ärztliches Zeugnis;, Diplome der Schulen und Hoch schulen, die sie besuchten, Atteste über ihre jüdischen Studien. Bc Werber müssen der italienischen Sprache mächtig sein oder in Kürz, sich dieselbe anciguen. Bewerbungsschreiben sind zu richten au den Sekretär, Via Delfine 16. — Gegenüber der Behauptung, der früher italienische Minister Luigi Lnzzatti habe sich schon in seiner Jugend öffentlich zum Atheismus bekannt, ist es von Interesse zu erfahren, daß eine kürzlich von der Liga gegen den Atheismus sür ihre Anhänger veröffentlichte Broschüre, die aus dem Jtalienischeiübcrsetzt worden ist und „Wissenschaft lind Glaubell" betitelt ist. au-' der Feder Luzzattis, des gelehrten italienischen Nationalökonomem stammt, der der Nachfolger Gladstoues als korrespondirendes Mitglied der französischen Akademie ist, und in diesem Werke den Glauben an Gott mit beredtem Enthusiasmus feiert.— Die B'uei-Brith-Gesellscha'l in Jassy hat die Initiative ergriffen, sür die Juden des ganzen Landes eine Ackerbauschnle zu gründen. Die Anstalt weihte Rabbine Dr. Niemirover mit einem Vortrag über die Bedeutung der Agrikultu bei den Inden ein. Die Schule, welche mit 20 Schülern angefangen hat, lenkt vorläufig auf den praktischen Theil ihr Augenmerk. — Da neue Gebäude des Baron Hirsch-Instituts zu Montreal in Kanada ist am 25. v. M. durch den Earl os Pinto, Generalgouverneur von Kanada, eröffnet worden. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten des Instituts M. D. Ansetl, und dem üblichen Gebet für den Körne wurde dem Gouverneur im Namen der Zöglinge des Instituts eirn Adresse überreicht. Die Adresseudeputation bestand aus drei Mädchen, von denen das eine aus Rußland, das andere aus Rumänien, da dritte aus Galizien herstammte. Die ehemalige kleine Russin Sara Granin verlas das Schreiben mit vorzüglicher englischer Aussprache Der Gouverneur hielt eine kleine Ansprache, in der er erklärte, ein alter Freund des Barons und der Baronin Hirsch gewesen zu sein. Er beglückwünschte die kanadischen Juden zu diesem Institut. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.