Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 300 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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300 thurns entsprechen. gemalte Psalmen, gemeißelte hoffnungsvolle Gebete, welche die Jahrhunderte lange Elegie der Geschichte unseres Stammes aller Welt so ergreifend verkünden. Das wäre dann so etwas wie jüdische Kunst und keine ideale Spielerei und Originalitätshascherei mehr. Tie Porträtisten und Zeichner - und unter ihnen auch den bereits hier genannten sehr begabten Nadirer Hermann Struck — aber möchten wir ernst auffordern, doch an den schönen durchgeistigten Köpfen unserer jüdischen Gelehrten nicht weiter vorüberzugehen, denn es wäre, wie bereits öfter hervorgehoben worden ist, auch „aus rein künstlerischen Interessen wünschenswerth. daß Männer, die jüdische Weltanschauung, jüdische Wissenschaft vertreten, in verständnißiuuiger Darstellung weiteren Kreisen zugänglich gemacht würden." Auch materiell scheint uns diese Sache für jüngere Kräfte durchaus lohnend. Die Berathnngszimmer der Synagogeuvorstünde, die Klassenzimmer jüdischer Schulen u. s. w. werden auf einen solchen künstlerischen Wandschmuck mit Freuden reflektiren. Hier sollten unsere Verleger, die sich ja allerdings nach der Kauflust des Publikums richten müssen, nicht länger „sremddienerisch" ängstlich sein, sondern den lohnenswerthen Versuch in vornehmer Ausführung machen, aber nicht mit Fabrikwaare, wie sie heute auch sonst üblich. An Künstlern fehlt es nicht. Hat doch auf unserer diesjährigen akademischen Kunstausstellung der „Verein für Origiualradirnng" Hermann Strucks Platte „Philosoph" angekauft und ein Eremplar dieser Nadirung ausgestellt; es ist ein Grübler, der die Hand an den Kopf stützt in angestrengtem Nachdenken. Sehr gute Porträts hat auch unser Glaubensgenosse I. Philipp- Hamburg im Saal 48 ausgestellt. Um wie viel mehr wird ein jüdischer Künstler aus dem Bildniß eines Zunz, SLeinthal, aus dem interessanten Kopf etwa voll David Cassel machen. Da ist natürlich auch für den Zinunerschmuck die Nadirung besser am Platze als die bisher übliche Photographie, welche den Massenstempel auch dem durchleuchteten Antlitz des gelehrten Forschers aufdrückt. In unserer überreizten Zeit würde man gern zu dem edlen Licht und der anspruchslosen Wahrheit flüchten, das uns ans den Köpfen unserer verdienten Männer — nicht nur der Rabbiner und Gelehrten, sondern auch unserer energischen und geistig hervorragenden Kauslente und Industriellen - entgegenstrahlt. In seiner im Saal 36 ausgestellten Originalradirung „Galizischer Jude" hat Hermann Struck gezeigt, wie man selbst eine ganz prouoneirt jüdische Nase, deren wir uns ebensowenig zu schämen haben wie die alten AdelSgesehlechter ihrer Adler- und Hakennasen, ästhetisch gestalten kann. Sollte auch das einmal nicht möglich sein, jo wird sich der Träger hoffentlich mit einem „Und wenn scholl" zu trösten wissen. Der Humor, der meist aus einem jüdischen Auge seetenvoll hervorstrahlt, ist mir wenigstens lieber als die schönste griechisch-römische Nase. Auch die Künstler reizt nicht immer die Symmetrie. Die gleichfalls von Struck hierher gesandte „Müde Alte" ist ein altes Marktweib mit Kiepe, das in der Markthalle ermattet eingeschlafen ist; es kam dem Künstler dabei hauptsächlich auf die Charakteristik der Hand an. Ter flechsige Maler hat noch einen sehr natürlichen „alten Bauer" und einen Zeitung lesenden „Großvater" ausgestellt. Die meisten dieser Radirungen findet der Beschauer links von der großen Skulptnrenhalle, welche den Haupteingang zur Ausstellung am Lehrter Bahnhof flankirt. Unter den Bildwerken der akademischen Ausstellung ist an dieser Stelle außer verschiedenen „Adams", „Evas", einem „Kain", außer der „Porträtbüste der Baronin Köuigswarter" von F. Hausmann, dem „David" von P. L. Kowalczewski, den Elfenbeinstaluetten von Arthur Lewin, der Bildnißbüste des Herrn B. H. von Gotthard Sonuenfeld - Berlin eigentlich nichts an erster Stelle Hervorragendes zu erwähnen. „Nathan der Weise' von Adolf Jahn-Schöneberg in Marmor ansprechend ausgeführt, hat, der Bühne entstammend, auch etwas Theaterpose-, die eine Hand des Weisen berührt den langen Bart, die andere ist in die Hüfte gestützt. Da die Kunst ebenso wie alles aus Erden, nach Brod geht, ist es erfreulich, daß sich unter den bald nach Eröffnung der Ausstellung angekauften Bildwerken der bronzene „Omar" von Rudolf Marcuse- Charlottenburg befand. Sehr eindrucksvoll ist desselben Künstlers Bronzegruppe „Trost", ein alter Mann schmiegt sich zusammensinkend an sein Kind. Ob Charles Samuel- Brüssel, der meisterhafte Brouzebüsten ansstellt, zu uns gehört, wissen wir nicht. Der von Julius Steiner-Osten-Berliu herrührende weibliche Studieukopf ist vorzüglich; sehr ansprechend auch desselben Bildhauers männliche Bildnißbüste. — In der Abtheilung „Baukunst" erregt hohes Interesse der „Entwurf zu einer Synagoge für Düsseldorf" in halb romanischem, halb maurischem Stil von Otto Kühl man n-Charlotteuburg. S pr c ch ja u l. Geehrter Herr Redakteur! /gestatten Sie auch mir eine Bemerkung zu der vielbesprochenen Bezeichnung Sie hat hauptsächlich darin ihren Grund: j-QV 1711X LV ^1; Wege» jenes Wunders nannte man ihn den großen Sabbath. Nach der Ueberlieserung zog Israel an einem Donnerstag aus Aegypten. Der 10. Nissan war daher am Ein Jeder hatte nun ein Lamm zum Pessachopfer erworben, sie banden es au die Bettstellen bis zum 14. Nissan. Die Aegypter fragten, was das zu bedeuten hätte, und erhielten die Antwort, auf Gottes Befehl müßten sie das Lamm als Pessachopfer schlachten. Die Aegypter sahen hier das, was ihnen als Gott galt, zum Schlachten bestimmt und durften nichts dagegen unternehmen, durften es Israel nicht wehren; deshalb nannte man ihn den großen Sabbath. Glogau. 8. Juni. Ergebenst M. Schweitzer. 4 Hochgeehrter Herr Redakteur! Welche städtischen Kommunen haben den Rabbinern für die Steuerveranlagung dieselbe Vergünstigung gewährt wie den Geistlichen der anderen Konfessionen? Dr. M. Beermann, Rabbiner der Kreis-Synagogengemeinde Insterburg. Briefkasten der Redaktion. ch 1". in Warschau. Die jüdische» Dichter in Deutschland ander Auerbach und Heine finden Sie in dem Buche von Adolf Kohut: „Berühmte jüdische Männer und Frauen" (Leipzig 1902, Band I, Seite 351 ff. und Band II, Seite 1 ff.) aufgezählt. — Es giebt unreine Ausgabe von Berthold Auerbachs sämmtlichen Werken. Das ist die in 20 Bänden bei Cotta in Stuttgart 1857—1859 erschienene und von dem Dichter selbst besorgte. Von dieser sind dann später in demselben Verlage eine Ausgabe der erzählenden Schriften 1871 und eine neue Allflage 1892—1895 erschienen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.