Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 299 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Offiziere besuchten seine Gesellschaft!- In einiger Entfernung vom Hause standen auf dem Trottoir zwei Frauen und erörterten eifrig die Familenverhältnisse des Kommerzienraths. „Nun wird die Tochter vohl 'nen Offizier heirathen, sagte die Eine. Eine Frauengestalt in einem fadenscheinigen Umhaug stand daneben. „Gott behüte," murmelte sie. „Ein Offizier! — Es wäre ein großes Unglück. . . . Aber ich weiß es ja besser . . . Moritz Lilienthal wird nicht so thöricht sein, sein einzig Kind einem Manne zu geben, der es nur auf ihr Geld abgesehen haben könnte, . . . der das Erworbene, anstatt es zu bewahren und zu vermehren, in alle Winde verstreut . . ." Sie sah zu den erleuchteten Fenstern empor. Droben bewegten sich die Gäste schattenhaft hinter den Hellen, verhüllten Fenstern. Die Hausthür war bereits wieder geschlossen, und die Gaffermenge begann sich zu zerstreuen. ... „Du hast es weit gebracht, Moritz Lilienthal!" murmelte die Frau. „Wer hätte das gedacht, als dir die Tante Blümchen damals ihren kleinen Spargroschen vorstreckte? Er hat dir Glück gebracht, — du bist ein reicher Mann. Was den Grund zu deinem Reichthum legen half, hast du vergessen. Und auch die arme Tante Blümchen selbst hast du vergessen... Nun, das Geld ist längst mit Zinsen bezahlt, was verlange ich mehr? ... Zu deinen vornehmen Gästen mit ihren schönen Gewändern möchte die arme Tante in ihrem einfachen Kleide nicht passen. . . Und ich wünsche dir alles Glück, Moritz Lilienthal. . . . Und vor allem, daß du nicht aus Ehrgeiz und Kurzsichtigkeit dein eigen Kind unglücklich werden lässest." Und Tante Blümchen faßte das Packetchen, das sie in der Hand trug, fester, — sie hatte kleine Einkäufe gemacht — zog das schwarze Kopftuch fester unter dem Kinn zusammen und schritt in tiefem Sinnen ihrer Wohnung zu. (Forts, folgt.) Der Salsn 1902. Bon M. Friedberg. )HjH»/an kann, da auch die Ausstellung der Sezession in ^n Rahmen dieser Besprechung gehört, beide diesjährigen Ausstellungen ganz gut unter diesem einen Namen znsammenfaffen. Beide repräsentiren keine Einheit, nur eine Eesammtheit von Künstlern. Vom echt jüdischen religiösen oder auch nur wahrhaft heroischen Geiste enthalten beide Salons gleich viel oder gleich wenig; der eifernde Prophet könnte in sittlicher Hinsicht von beiden Lagern sagen: „Wie lange wollt ihr noch nach links und rechts hinken?" Einen heldenhaften sittlichen Optimismus, wie er aus der Bibel zu uns spricht, findet man auch in der diesjährigen akademischen Kunstausstellung nirgends künstlerisch vollendet, lind die „Realisten" der so kampfesfroh erscheinenden Sezession wählen ihre Stoffe, als ob es Aufgabe der Kunst wäre, uns ins Spital, in die Kellerwohnungen, zu den Nachtseiten der Natur und an die bitteren Quellen der Sinnlichkeit und des Schmutzes zu führen. Man hat einen als Künstler und vielgenannten Vertreter dieser Modernen so hervorragenden Mann wie Professer Max Liebermann auch bereits unter die feierlich verkündete Künstler-Plejade der neuen jüdischen Kunst ausgenommen, aber es muß doch offen gesragt werden, was ist denn noch jüdisch oder gar biblisch an dieser perversen, die Sezession repräsentirenden Dekadencestudie „Simsou und Delila"? Corinths „Saul und Samuel" ist viel eher von jüdischem Geiste erfüllt. Wenn die Hervorhebung biblischer Stoffe nur dazu dienen soll, greisenhaft entartete Sinnlichkeit zu decken, so können wir das nicht als „Jüdische Kunst", sondern nur als Baalsdienst bezeichnen, oder wenn man will als eine Art Kniebeuge vor der Astarte. Die Kunst ist der ideale Jungbrunnen, au dem sich ebenso wie an den religiösen Heiligthümern die müde Menschheit erlaben soll, aber die Bibel ist nicht dazu da, unter heiliger Flagge perverse Situationen und verkommene Modelle vorzuführen. Wenn Max Liebermann mit genialer Meisterschaft alte Frauen beim Gänserupfen, müde Arbeiter im Altmänner-Hospital und andere vorzügliche Genredarstellungen, wie jetzt sein „Lawn-Tennis", malt, so ist er in seinem allerseits hervorragend anerkannten Element. Dieser Realismus ist seine Domäne, und er hat vier für ihn geleistet. Aber wie sollen wir uns religiöse Bilder ohne Ideale denken? Der Versuch, das Ideale auch hier auszutreiben, hat für den durch seine technische Virtuosität wirklich ausgezeichneten Künstler ja schon einmal mit einem Fiasko geendet. — Einst Phidius und Albrecht Dürer, Raphael und ihre Zeitgenossen wählten gern religiöse oder heroische Stoffe, »veil die Kunst die höchsten Ziele berühren und verkörpern soll. Rembraudt verstand ebenso das Häßliche und Lächerliche künstlerisch zu gestalten, aber da verschwand doch alles als Beiwerk vor dem tiefen Ernst, der bei diesen Meistern den eigentlichen Inhalt des Kunstwerks ausmachte. Selbst der „Jüdische Bettler" Rembrandts hat noch etwas Heroisches, ebenso wie es Jozef Israels in seinem bekannten „Len ummi" verstanden hat, einen Trödelladen mit der Poesie des wehmüthigen jüdischen Martyriums zu verklären. Die Herolde der neuen „jüdischen Kunst" sind aber gerade von einem Israels, dessen Hauptwerke doch der Natur und Geschichte Hollands angehören, das von Jugend an sein malerisches Schauen und Erkennen umgab, von dem 80 jährigen Meister gefragt worden, was denn diese neue „Jüdische Kunst" sei, die mit solchem Aplomb verkündet wird, daß von Männern, welche mit heiligem Ernst ihr ganzes Leben dem Judenthum opferten, in feierlicher Stunde gesagt wurde, sie hätten sich „eine andere Nationalität als Maske" vorgebunden, und bis zum Jahre des Heils 1902 sei hier zu Lande die Wissenschaft und Kunst seitens der Juden „fremddienerisch" gewesen. Das geht doch zu weit. Wenn neuerdings aus der Schaar dieser „Allerneuesten" ein jüdischer Künstler, statt wie bisher nach Holland zu Studienreisen zu pilgern, nach dem heiligen Lande geht und auf dein Boden unserer Väter, Ivo es ja leider an Stoffen und Modellen für die „Arme Leut"-Malerei wahrlich nicht fehlt, ernsten Studien obliegen will, so ist das nur höchlichst zu loben; mit den übrigen Posaunenstößen aber wäre es doch besser zu warten, bis die klassischen Werke da sind, die der sittlichen Größe und Erhabenheit und der schlichten Einfachheit des Juden-