Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 298 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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298 „Ja, die Juden haben Glück!" sagte er, „wenn unsereins das hält'!" „Sagen S' lieber, die Juden haben a weites Gewissen, und wenn unsereins das hätll", meinte der Schuster Hornig, der in Hemdsärmeln aus seiner Werkstatt gerade gegenüber gekommen war und nun fröstelnd die Hände unter die schmierige Lederschürze steckte und von einem Bein auf das andere hüpfte. Endlich schien er das richtige Mittel, sich zu erwärmen, gefunden zu haben. Er zog eine hölzerne Schnupftabakdose aus der Hosentasche, nahm den Deckel ab, schüttelte darauf ein wenig von dem braunen Pulver und führte die nicht um beträchtliche Ladung Schnupftabak sammt dem Deckel an die Nase. Nachdem er mit vollem Behagen das braune Labsal eingezogen hatte, bot er es auch den Umstehenden au; sie schnupften, und nach einer Weile begann Einer nach dem Anderen kräftig zu niesen. „Ja, die Juden!" sagte der Meister Hornig, „die nehmen's halt nicht genau. Na zum Beispiel" — dies war sein Lieblingsausdruck, der in seiner Rede häufig wiederkehrte — „Einer fängt klein an, wie der Kommerzienrath da, und wird doch schnell ein reicher Mann. Denn warum? — Er macht sich nichts draus, die Leute zu beschwindeln." „Na, Ihr könnt Euch doch nicht beklagen, Meister Hornig!" sagte der Klempner; „Ihr habt an ihm einen guten Kunden, der gut bezahlt." ... „Na zum Beispiel," sagte der Schuster, „die Reparaturen" — er sagte „Reparituren" — „läßt man ja bei mir machen und bezahlt ordentlich, ebenso wie die Dienerschaft, wo ja zum Beispiel was zu verdienen ist; aber mir liegt zum Beispiel nicht viel an seiner ganzen Kundschaft, denn warum? Die neuen Sachen läßt er bei mir nicht machen, wo nian sich doch auszeichnen könnte und zum Beispiel auch mehr zu verdienen wäre, als bei die Reparituren." „Eindringlinge sind sie, Eindringlinge!" sagte der Schneider Pohlmann, der viel las und von dem Weltlauf wohl unterrichtet war, denselben aber freilich von seinem eigenen beschränkten Standpunkt aus beurtheilte. Er las auch antisemitische Zeitungen und Flugblätter und zahlte Beiträge an antisemitische Bereine, obwohl seine Frau und seine sechs Kinder das Geld besser hätten brauchen können. „Eindringlinge sind sie!" rief er. ,.Wir, die germanische Rasse, waren zuerst da, — ja wir, die Germanen!" Es war lächerlich, wie das kleine, vertrocknete, gelbe Männchen, das eher einem Mongolen ähnlich sah, sein Germanenthum betonte. „Wir Germanen," rief er, sich in die Brust werfend, „wir waren in Deutschland schon vor Christi Zeiten . . ." „Und lagen auf der Bärenhaut und tranken immer noch eins —, während die Juden schon ein fleißiges, gebildetes Volk waren," sagte hinter ihm eine kecke Knabenstimme. Der Schneider wandte sich unwillig um, aber der Missethäter war nicht festzustellen. . . . Etwas aus dem Text gebracht, fuhr der Schneider fort: »Ja, sie sind Eindringlinge, — sie verdrängen unS überall und machen sich breit, — diese verdammten Juden!-Hat nicht hier aus dieser Villa, dem schönsten Hause der Stadt, der Baron Wettingen heransmüssen — aus dem Hause, das ihm schon von Vater und Großvater her gehörte — und hat es dem Juden lassen müssen?" . . . „Weil der Herr Baron sein Germanenthum nicht vergessen konnte und auch, wie seine Ahnen, auf der Bärenhaut lag und immer noch eins trank — und dazu spielte, was die alten I Germanen noch nicht konnten, — darum mußte er auS dein I schönen Hanse^hinaus. . . . Und weil der Jude fleißig und strebsam und klug war, darum durfte er in das Haus einziehen. . . Und wenn Sie, Herr Pohlman», lieber Röcke und Hosen nähen möchten, anstatt in antisemitische Versammlungen zu laufen, und das Geld, das Sie an antisemitische Vereine zahlen, lieber sparen möchten, so könnten Sie's vielleicht auch noch zu einer Villa bringen, - und sogar zum Kom merzienrath, wie der Herr Lilienthal . . . ." Ehe sich die Männer von ihrem Staunen über diese kecke Rede erholt hatten, war der Sprecher, ein jüdischer Realgymnasiast der obersten Klasse, in der Menge verschwunden Und ehe der tiefgekränkte Meister Pohlmann ihm eine gift- und gallegetränkte Antwort nachschleudern konnte, schloß ein „Ah!", das aus vielen Kehlen tönte, ihm den Mund. . . Die hohe, breite Flügelthür hatte sich geöffnet, ein Strom von Licht floß über die Freitreppe auf die Straße, den Rasenplatz und die gassende Menge. ... An der Thür erschien die den Bewohnern der Straße wohlbekannte, tadellose Livree Jeans, aus deren goldbetreßtem Kragen ein würdevolles, glätlrasirtes, dummes Bedientengesicht emporragte. Neben Jean tauchte - für einen Augenblick — die korpulente Figur des srischgebackenen Herrn Kommerzienraths auf, das runde Antlitz mit dem Zwicker auf der Nasenspitze und dem leichtergrauten Backenbart zu beiden Seiten des glattrasirten Kinnes wie überstrahlt von der neuen Würde. Hinter dem Diener — der Herr zog sich bald wieder, durch die Unfreundlichkeit des Wetters fortgetrieben, in das HanS zurück — sah man ein Stück rothen Teppich und das dunkle Grün von Oleander- und Orangenbäumen, die anscheinend verschwenderisch in Flur und Treppenhaus aufgestellt waren Ja, der Kommerzienrath, der hatte es eben dazu! Nun fuhr der erste Wagen vor. Die Menge drängte sich heran. . . . Pah, die verwittwete Gerichtsräthin von Hellmich mit ihrer spitzigen, verblühten Tochter . . in rosa Seide!- Die Alte in dem schwarzen Seidenfähnchen, das sie mindesten:- schon zehn Jahre hatte, wie Frau Bolle, die mit einem großen Einkaufskorb am Arme wohl schon eine Stunde dastand, versicherte. Sie mußte es wissen, sie war mal bei Hellmichs Auswärterin gewesen. ... Zu einem Dienstmädchen langte ed Denen nicht. Sie hatten ja selbst kaum zu essen. .. Das Rosaseidene hatte man sich gewiß vier Wochen vom Munde abgesperrt und von Kaffee und Butterbrot gelebt. ... Du lieber Gott! — ob sie sich damit einen Mann fangen würde? - Na — die sind auch was Rechtes! . . . Aber gehören doch zur Gesellschaft, — zur christlichen Gesellschaft. ... Ob der Bürgermeister auch kam? — „Nee!" protestirten die Einen die um Pohlmann, eifrig. . . „Aber warum nicht?" meinte ein Anderer. „Das wird der Bürgermeister sich und der Stadt nicht anthun, bei dem Juden das Fest mitzumachen . . . blos weil er Kommerzienrath geworden ist" . . . „Aber er steht ja sehr gut mit dem Herrn Kommerzienrath ist fast befreundet mit ihm; . . . und der Kommerzienrath thut so viel für die Stadt; — für die Armen. ... Er hat erst vor ein paar Tagen eine so große Summe gespendet!".. „Pah! Mit einer Hand giebt er, — mit der anderen nimmt er das Zehnfache!" schrie Pohlmann. Und der Streit zwischen den beiden Parteien, ob das Stadtoberhaupt kommen werde oder nicht, drohte in eine Prügelei auszuarten, als ein