Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 295 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bibel erfüllt nun einmal das Kind mit heiliger Scheu, und damit müssen wir rechnen. Und schließlich ergeht es uns Erwachsenen ebenso. Der Grund, weshalb beim Bibellesen eine Chrestomathie statt der ganzen Bibel gebraucht werden sollte, ist aus den Ausführungen des Herrn Dr. David nicht klar zu ersehen. Zwar heißt es in seinem Aussatz: „Daß Schüler und Schülerinnen die ganze hebräische Bibel in Händen haben, geht schon aus äußeren Gründen nicht," aber diese äußeren Gründe sind nicht angegeben. Und welches mögen wohl diese äußeren Gründe sein? Die Größe und die Schwere des Buches dürsten ja kaum in Betracht kommen. Denn die Schüler der Oberklassen müssen zuweilen lateinische, französische und englische Lexika in die Schule schleppen, die größer und schwerer sind als die gewöhnlichen hebräischen Bibelausgaben. Es sei ferner darauf hingewiesen, daß die Knaben und die Mädchen anderer Konfessionen zur Konfirmationsstunde in der Regel ihre Bibel mitzubringen haben, die, weil sie das alte und das neue Testament enthält, an Gewicht schwerer ist als unsere kleine Bibel. Aber auch die Bedenken, die aus Zimperlichkeit und übertriebener Sittlichkeitsduselei von mancher Seite gegen den Gebrauch der ganzen deutschen Bibel als Schulbuch geltend gemacht wurden, fallen bei der hebräischen Bibel weg, da doch kein Schüler im Hebräischen es so weit bringen dürfte, um jedes Stück der heiligen Schrift aä uperluram libri ohne Präparativ« lesen zu können. Triftige Gründe gegen die Verwendung der ganzen hebräischen Bibel beim hebräischen Unterricht sind somit keine vorhanden, wohl aber sprechen viele dafür. Außer dem früher erwähnten Umstande, daß die ganze Bibel ans das kindliche Gemüth mehr Eindruck zu machen geeignet ist als ein Auszug, sei noch bemerkt, daß der Gebrauch der hebräischen Bibel beim hebräischen Unterricht dazu beitragen könnte, die heilige Schrift in den jüdischen Häusern wieder heimisch zu machen, was wir so sehnlichst erstreben. Versteht es der Lehrer, den Kindern das Bibellesen recht interessant und fesselnd zu machen, so werden sie in den reiferen Jahren mit Freuden an diese Bibelstunden zurückdenken und in Liebe und Anhänglichkeit dem Buche zugethan sein, das ihnen in der Schulzeit manche köstliche Stunde bereitet hat. In dankbarer Erinnerung würden sie dann diesem Buche in ihrer „guten Stube" und in ihrem eleganten Bücherspind den ihm gebührenden Platz gern einräumen. Aber auch vom pädagogischen Standpunkte ließen sich für den Gebrauch der ganzen Bibel beim Unterrichte noch andere Gründe angeben, doch es würde zu weit führen, sie alle hier auseinanderzusetzen; ich muß vorläufig auf das Dargelegte mich beschränken, da ich noch einiges gegen die geplante Chrestomathie selbst vorzubriugen habe. Die Auswahl der Bibelstücke für dieses neue Schulbuch ist eine solche, daß man das Leitprinzip zu finden sich vergebens abmüht. Aus dem Fünfbuche müßte nach meinem Dafürhalten mindestens je ein Stück aus einem Buche in der Chrestomathie Platz finden; dasselbe ließe sich auch von den größeren Büchern der ersten und zweiten Propheten sagen. Mit dem Sabbath-, Jobel-') und Erlaßjahre, obgleich sie jetzt nicht mehr zu unserer religiösen Praxis gehören, scheint es Herr Dr. David sehr gut zu meinen, und warum — etwa weil Professoren der Nationalökonomie in letzter Zeit die „Jüdische Volkswirthschaftsgeschichte" zum Gegenstände ihrer Forschungen gemacht Habens) oder weil die „Jüdische Agrargesetzgebung" ein Lieblingsthema unserer Litteraturvereine geworden ist?^) Dagegen sucht Herr Dr. David den „Opfern" mit übertriebener Aengstlichkeit aus dem Wege zu gehen. So z. B. werden selbst im 3.Mose Kapitells, das für die Chrestomathie bestimmt ist, die Verse 5—8, die uns darüber belehren, daß bei der Ausübung von Geboten, also auch bei der Darbringung von Opfern (vgl. die Kommentare z. St.) es lediglich auf die reine und lautere Gesinnung ankommt, mit nervöser Peinlichkeit weggelassen. Und doch gehörten die Opfergesetze — wenn ich mich so ausdrücken darf - zu dem Inventar der israelitischen Glaubensgemeinschaft, die aber wahrlich den ethischen Gehalt unserer heiligen Lehre in keiner Weise beeinträchtigen, da auch sie die sittliche Reinheit und Heiligkeit Israels bezweckten.^) Aus dem Grunde bin ich der Ansicht, daß der Lehrer dem jüdischen Schüler in der Religionsschule den im alten Israel gebräuchlich gewesenen Opferdienst nicht verschweigen soll, ja nicht verschweigen darf; unsere Kinder könnten sonst etwas über dieses Thema von einer anderen Seite in einer entstellten Darstellung erfahren, die in ihnen falsche Begriffe und Anschauungen voni Judenthume erzeugen würde. Das eben Vorgebrachte gilt nicht nur für die in Rede stehende Chrestomathie, sondern auch für alle Religionsbücher, die mit Stillschweigen über die Opfergesetze hinweghuschen. Daher wäre aber auch in dem geplanten neuen Schulbuche das Stück 3. Mose 5, 20—26, aus dein deutlich zu ersehen ist, daß die Opfer im alten Israel nicht etwa als „Ablaßzettel" für begangene Sünden und Vergehen gegen die Nebenmenschen betrachtet wurden, gar sehr am Platze. Nur dann, so lehrt die Thora an dieser Stelle, hat das Opfer Sühnekraft und kann mit Gott versöhnen, wenn der Nächste nicht blos das ihm geraubte oder veruntreute Gut im vollen Werthe zurückerstattet erhält, sondern auch noch überdies mit einem Fünftel des ') Das hebräische Wort ^>21' oder ^21',1 klllV 'st mit Jobel- oder Halljahr zu übersetzen, und hat mit dem deutschen Worte Jubel nichts gemein. -) Vgl. „Die Zukunft". Jhrg. VII, Nr. 11 und 12. 2) Möglich ist es, daß Herr Dr. David die Abschnitte über Jobel- und Erlaßjahr gewählt hat, um den Schülern zeigen zu können, wie im alten Israel der Armuth durch Gesetze vorgebeugt wurde. Von diesem Gesichtspunkte aus hätten aber die Ueberschristen von 4 und 5 etwa lauten müssen: „Zur Verhütung der Verarmung" oder dergleichen. I Das besagt auch die Bezeichnung vom Worte 2*1^- nahen sich, nähern, in Heiligkeit und Weihe sich Gott näher» (vgl. Zeph. 3, 2). Die Propheten, wie Samuel (l. Sam. 15, 22), Jesaja (Kap. 1, II), Jeremias (Kap. 7, 21, 22) und Amos (Kap. 5, 22) haben nicht etwa gegen die Opfer geeifert, sondern nur gegen die Werkheiligkeit des Opferdienstes, gegen die falsche Auffassung der Opfer, die dem Volke vielleicht von nicht ganz ejuwandsfreien Priestern, wie die Sötme Elis und Andere es Ware» (Jerein. 7, 4) beigebracht wurde,