Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1902)
- Date
- 1902-06-20
- Page
- Seite 294 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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894 — in Bolgrad, Ismail, Kily, Kapnl, Leoivo, Baimakly — ließ ein unauslöschliches Gedächtniß zurück. Dieser Mann arbeitete unaufhörlich, ohne einen Moment zu ruhen. Er besuchte die elenden Hütten der Armen und half Jedem mit Rath und That. Er ließ eine Frau zurück (eine Künstlerin, jetzt Gesangs- ' lehrerin an der Astrachaner Schule). Die Nachricht von dem Tode des treuen Helfers versetzte alle Diejenigen, die ihn kannten, in Trauer. In der Person des so früh Dahingerafften verloren sie einen der besten und edelsten Menschen, der eine seltene, erhabene Seele und ein fühlendes, zartes Herz besaß. Wie man aus Moskau berichtet, zeichnete sich sein Leichenbegängniß durch große Feierlichkeit aus, wiewohl dabei merkwürdige Umstände sich ereigneten. Der Zug, der die Leiche aus Tschernow brachte, verspätete sich sechs Stunden, da auf dem Wege ein Einsturz sich ereignete, die Pferde des Leichenwagens, die gewöhnt sind, ruhig die Hülle dahin zu bringen, von wo es keine Rückkehr mehr giebt, bäumten auf, und nur mit schwerer Mühe gelang es, sie zur Ruhe zu bringen. Das Grab auf dem Friedhof war zu schmal ausgegrabeu, und der Sarg fand keinen Raum. ... In Bolgrad wurde für den Verewigten eine Trauerfeier veranstaltet. Aehnliche Trauerandachten werden auch in anderen Ortschaften von Südbeßarabien veranstaltet werden. Friede seiner Asche und Segen seinem Andenken! Die letzte Nummer der „Bnduschtnostj" bringt folgende Mittheilung: In Melitopol starb vor Kurzem der dortige christliche Kaufmann S. W. Warwarow. Der Verewigte ließ ein Testament zurück, welches einiger Originalität, wenigstens für unsere Zeit, nicht entbehrt. Fast sein ganzes Vermögen (ungefähr 75 000 Rubel), mit Ausnahme von 30 000 Rubeln, die er seinen Brüdern zurückließ, vermachte der Dahingeschiedene an verschiedene wohlthätige Anstalten, sowohl christliche als nichtchristliche. Im Testament vermachte er größere oder kleinere Beträge der christlichen wohlthätigen Gesellschaft, ebenso den jüdischen, armenischen, karaitischen, den Molokanern (einer christlichen Sekte) und anderen Gesellschaften. Für eine Kirche läßt er 2000 Rubel zurück, für die jüdische Synagoge 200 Rubel, eine gleiche Summe für das jüdische Hospital, die karaitische Synagoge u. s. w. Er dachte selbst an ihm ganz fremde Privatpersonen. Zu diesen Letzteren gehören auch einige Juden, wie z. B. seinem Nachbar im Geschäft, dem Mützenmacher Schelestow, ließ er 200 Rubel zurück, einem anderen Nachbar, dem Uhrmacher Zank, eine gleiche Summe, außer diesen einem armen, halbverrückten Juden 25 Rubel, und noch vielen Anderen. Der Wittw enund Waisen vergaß er ebenfalls nicht: ein Kapital von 1000 Rubel soll an 40 der ärmsten Wittwen, ohne Unterschied des Glaubens, und zwar je 25 Rubel, vertheilt werden. Aas neue Schulbuch. Von Rabbiner Dr. E. Finkel in Pasewalk. Mein Sohn, iah dich warnen! Des vielen Büchermachens ist kein Ende. (Kohelet 12. 12.) as neue Schulbuch, über das ich mir einige Bemerkungen hier gestatten möchte, habe ich nicht gelesen, da es noch nicht erschienen ist; ich kenne es nur aus einem Artikel, den Herr Kollege Dr. David-Bochum in dieser Zeitung Nr. 12 gleichsam als „Voranzeige" veröffentlicht hat. Herr Dr. David hat, wie er ausführte, bei seiner unter-1 g richtlichen Thätigkeit das Bedürfniß nach einem Lehrbuch, das > d bis jetzt noch nicht geschrieben ist, empfunden, und in der „Voraus- D s setzung, daß mancher Lehrer den gleichen Mangel empfunden I; hat", gedenkt er in absehbarer Zeit ein neues Schulbuch I t herauszugeben. Dieses neue Buch soll bei deu Schülern i» I k den Oberklassen höherer Lehranstalten sowie in denen der! > Neligionsschulen das Interesse für den hebräischen Unterricht» L wecken, da die ihnen bislang gebotene Lektüre inhaltlich siel j nicht zu fesseln vermag; es soll somit, wie die verbrauchte und > e abgenutzte Redewendung lautet, einem „tiefgefühlten Bedürfniß' > , abhelfen. Da Herr Dr. David die Herren Kollegen bittet, sich » zu seinem Vorhaben zu äußern, so will ich, bevor ich dies ihm > j den Ernst und den Eifer dieses werthen Kollegen lobend hervor » i heben, wie auch rühmend das Streben anerkennen, mit dem D er den hebräischen Unterricht in den genannten Anstalten zu I , heben beabsichtigt. Ob aber das von ihm in Aussicht gestellte I > Schulbuch zu diesem löblichen Ziele führen kann, muß ich sehr I bezweifeln. I : Die Kenntniß der hebräischen Sprache unter den Schülern I wird die biblische Chrestomathie des Herrn Dr. David schon I : ans dem Grunde nicht fördern können, weil sie zu schwierige » poetische Stücke aus der Bibel enthält. So z. B. soll dieses I l Büchlein mit dem Liede am Schilfmeere beginnen (Nr. 1) dessen » Verständlich und Uebersetzung auch dem reiferen, erwachsenen I des Hebräischen kundigen Leser nicht unerhebliche Schwierig I leiten bereitet. Das Kind würde bei solchen schwerverständ- I lichen Bibelstücken nach wie vor, ohne selbständiges Denken. I ohne in den Geist der heiligen Sprache einzudringen, die ihm I vom Lehrer vorgesprochene oder diktirte Uebersetzung nach I sprechen müssen. Wäre es nicht pädagogisch richtiger, für eine » biblische Chrestomathie leichte Stücke für den Anfang zu wählen I bei denen der Schüler der Oberklassen mit Hilfe eines Vokabu- > lariums die Uebersetzung einigermaßen selbst trifft? An Aus- I wähl fehlt es in der heiligen Schrift wahrlich nicht. Ist etwa, » um eilt Beispiel herauszugreifen, die biblische Erzählung von » der Prüfung AbrahamS, seinen Sohn Isaak zu opfern I (1 Mos. Kap. 22), die auch als Thoravorlesung am Neujahrs- I feste verwendet wird, eine nicht viel passendere und anziehendere I Lektüre für Schüler als das schwierige Lied am Schilfmeere? I Aber, so könnte man mir entgegenhalten, Herr Dr. David I bezweckt ja mit seinem Buche hauptsächlich die Förderung des I religiösen Sinnes unter den Schülern, nicht aber die Bereicherung I und Vertiefung ihres hebräischen Wissens, hat er ja doch die » Auswahl der biblischen Stücke für seine Chrestomathie „unter » besonderer Berücksichtigung unserer religiösen Praxis" getroffen. > Darauf ist zu erwidern: Alle Fachgenossen, deren heilige Auf- » gäbe es ist, für das Seelenheil der Jugend zu sorgen, sind in » erster Linie bestrebt, die Kinder zu religiös-sittlichen Mensche« I zu erziehen. Aber gerade, weil es auch mir beim Religions I unterrichte mehr auf die Erstarkung des religiösen Sinnes des I Schülers ankommt, auf dessen Ehrfurcht vor Gott und der I Thora, als auf dessen Wissen, „Rrossau kauckemes loolioob- I mossau", möchte ich von der Herausgabe einer solchen > Chrestomathie entschieden abrathen. » Eine Chrestomathie ist und bleibt ein Schulbuch, das das I Kind nach Beendigung des Schuljahres bei Seite wirst und > sich darüber freut, es nun endlich losgeworden zu sein, um » nicht weiter daraus „ochsen" zu müssen. Die biblische Chresto- » mathie würde daher dasselbe Loos theilen wie das lateinische, >