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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-20 · Heft 25 (20.6.1902) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 25 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
Seite 293 (sequence 7)
Language
German
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Wiewohl der Verewigte in den letzten Jahren an einem Herzleiden itt, erwartete man doch nicht so schnell ein jähes Ende, r selbst dachte daran, ins Ausland zu gehen. Der Anfall, der seinem Leben um ein Uhr nach Mitternacht ein dnde machte, traf ihn unerwartet. Der Heimgegangene war zuerst Ordinarius im städtischen Krankenhaus, in dem >r ungefähr zwanzig Jahre arbeitete. Als Spezialist sür Hautkrankheiten nahm er eine hervorragende Stellung in Odessa ei». Der Arzt und der Gemeindevertreter verbanden ich in dem Verstorbenen, der sich durch ein seltenes Gefühl nid Humanität auszeichnete. Er bestrebte sich stets, Gutes zu -hu». Er nahm thätigen Antheil an den besten jüdischen wohlthätigen Anstalten und leistete gern Jedem Gutes, wo :nd wann er konnte. Eine ganze Reihe von Jahren war er Zekretär der Odessaer Gesellschaft der Aerzte. Ungefähr siebehn Jahre war er Verwaltungsrath der Gesellschaft „Trud". rr war der Begründer und thätige Mitarbeiter in der zweiten Privatheilanstalt, war Arzt bei der Gesellschaft der kranken Kinder, Kurator des jüdischen Ereisenashls, Vorsteher der ,Talmud Thora", Mitglied des Komitees der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden. In dieser Gesellschaft arbeitete er ungemein viel. Dr. Gold starb im 65. Lebensjahre, einen guten Namen als Arzt,Gemeindevertreter und Ks Mensch zurücklassend. Ferner starb hier nach langwieriger, schwerer Krankheit im siebzigsten Lebensjahre einer der tüchtigsten Aerzte Dr. Jsaac lndrejewitsch Tschazkin. Im Jahre 1869 siedelte er nach Odessa über, wo er mehr als dreißig Jahre praktizirte, nit kleinen Unterbrechungen, durch seine Krankheit und durch eine Beschäftigungen auf den ausländischen Universitäten ververursacht. Im Jahre 1870 wurde Tschazkin zum Mitglied der Odessaer medizinischen Gesellschaft und zum korrespondirenden Mitglieds der Chersoner Gesellschaft der Aerzte gewählt. Seit dem Jahre 1850 war der Verewigte durch seine litterarischgelehrten Arbeiten und als Mitarbeiter der russischen Zeitschriften bekannt. JmJahre1858 erschienen im „Russischen Boten" „liuskzv ^Vestnik") seine physiologischen Briefe; in den Jahren 1862 und 1863 gab er die große Anleitung der praktischen Medizin des Professors Lebert in einer musterhaften Uebersetzung und die „Zellular-Pathologie" Virchows heraus. Nach Einführung des neuen Gerichtsverfahrens und öffentlichen Gerichts gab er die Uebersetzung des Lehrbuches der gerichtlichen Medizin Schaunsteins, für russische Juristen bearbeitet, mit Erklärungen nach der russischen Gesetzgebung, wie auch die Werke Krafft-Ebings über Psychiatrie und andere gelehrte Arbeiten heraus. Bei der Uebersetzung dieser gelehrten Schriften bewies er eine grobe gelehrte Selbständigkeit und Originalität, da die russische medizinische Litteratur jener Zeit noch sehr wenig ausgearbeitet war, und erst viele medizinische Termine geschaffen werden mußten. Diese Schwierigkeiten zeigten sich besonders bei der Uebersetzung von Virchows „Zellular-Pathologie", die in der medizinischen Wissenschaft eine Umwälzung hervorbrachte. Die Spezialisten erkennen an, daß die Uebersetzungen des Verewigten, ungeachtet der Schwierigkeiten der damaligen Zeit, glänzend gearbeitet sind und einen werthvollen Schatz in der russischen medizinischen Litteratur bilden. Dr. Tschazkin, scheute weder Kräfte noch Mittel zu ihrer Herausgabe. Als eine Uebersetzung, die hestweise erschien, sich verspätete, und während dieser Zeit im Auslande eine neue, umgearbeitete Ausgabe dieses Werkes erschien, säumte der Verewigte keinen Moment, seine Arbeit zu vernichten, ungeachtet dessen, daß viele Bogen bereits abgedruckt waren. Seitens der Censur erfuhr er Schwierigkeiten bei Uebersetzung des Lehrbuches der gerichtlichen Medizin, Dr. Tschazkin scheute keine Mittel und ging speziell nach Petersburg und Moskau, um seine Arbeit zu vertheidigen und jene Abtheilungen zu schützen, die früher zum Abdruck als unmöglich erklärt wurden. Mit einem Worte, in der Arbeit bei der Uebersetzung gelehrter Werke ausländischer medizinischer Autoritäten legte er eine erstaunliche und seltene Gewissenhaftigkeit hinein. Nicht minderer Gewissenhaftigkeit zeichnete Dr. Tschazkin auch als Arzt aus. Allen Odessaern ist es bekannt, mit welcher Sorgfalt er jeden Kranken untersuchte. Man kann sagen, daß der Verewigte sein ganzes Leben den Kranken gewidmet hatte. Mit derselben Gewissenhaftigkeit verhielt er sich zu den bemittelten wie den armen Kranken. Auch gehörte er viele Jahre hindurch als Mitglied dem Odessaer Komitee der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Inden an, und als Dr. Tschazkin, ermüdet nnd erschöpft von den übermäßigen Beschäftigungen, seinen Posten im Komitee verließ, wählte ihn die Gesellschaft zu ihrem Ehrenmitglieds. In dieser Gesellschaft war er der Pionier der Idee der Verbreitung der Bildung unter der jüdischen Masse. Er bewies, daß das Komitee, das die Hauptaufmerksamkeit den mittleren und höheren Lehranstalterl schenke, auf einem falscher« Wege sich befinde, und überredete dasselbe, einen Strahl des Lichtes in die Volksmasse zu bringen. Die Krankheit des Dahingeschiederren begann noch Ende der achtziger Jahre. Viele Jahre hindurch litt er an einer Herzkrankheit, nnd die Krankheitsanfälle wiederholter« sich unzühligeinal, bald von Uebermüdung, bald von Widerwärtigkeiten des eigenen Lebens hervorgerusen. Seit August vorigen Jahres komplizirte sich die Herzkrankheit durch Asthma, und dem Kranker« drohte fast täglich der Tod. Das Andenken des trefflichen Mannes wird hier unvergessen fortleben. Aus Südbeßarabien erfahren «vir die traurige Nachricht von dem Ableben des Dr. Grigory Borisowitsch Ollensteirr. Im Hungerjahre (1900) ward er seitens des Konsultationsbüreans der Moskauer Rechtsanwaltsgehilfen nach dem Jsmailer Kreis delegirt, der nothleidenden jüdischen Bevölkerung Hilfe zu bringen. In der letzten Zeit diente er als Arzt in Tschernow bei der Papiersabrik. Dort erkrankten ungefähr 95 Menschen. Er heilte sie Alle, aber er selbst fiel als Opfer des Typhus. Drei Tage hinter einander besuchte er die Kranken, selbst eine erhöhte Temperatur fühlend; dann legte er sich zu Bette und stand nicht mehr auf. Die Beerdigung des Verewigten fand in Moskau statt. Er war ein Mensch von seltener Güte. Als Arzt sprach er den Wunsch aus, nach dem Süden zu gehen, um der hungernden Bevölkerung Hilfe zu bringen. Hier richtete er Küchen sür Kinder, ohne Unterschied des Glaubens, ein, hals der Bevölkerung «nit Geld, Kleidung, Beheizung, Lebensmittel nnd durch Arbeitgeben. Seine Thätigkeit im Süden

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