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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-20 · Heft 25 (20.6.1902) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 25 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
Seite 291 (sequence 5)
Language
German
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Sonnenbergsche „Antisemitische Korrespondenz" von dem gräflichen antisemitischen Bundesgenossen abrückt; sie schreib^ nämlich: „Unsere deutschsozialen Parteigenossen in Berlin und im Reiche werden cs begreifen, wenn wir uns verpflichtet fühlen, jetzt die öffentliche Bitte auszusprechen, daß man im Interesse des Antisemitismus sowohl als des schwerkranken Mannes jedes fernere öffentliche Auftreten desselben dis zu seiner vollen Genesung unmöglich zu machen sucht." Der andere Theil der Partei ist aber durchaus nicht dieser Meinung. Sogar die „Leipziger Neuesten Nachrichten" lassen sich „die derb charakteristische Erscheinung, die er in unserem nüchternen, verflachten öffentlichen Leben ausmacht, ganz gern gefallen"! 4. Die deutsche Fortschrittspartei in Oesterreich ist bekanntlich mit Bezug auf den Antisemitismus nicht ganz taktfest. Um so erfreulicher ist die Ausführung, die ihr Führer in Böhmen, Dr. Karl Eppinger, auf dem letzten Parteitag in Prag gemacht hat: „Wir findeu es als mit den Grundsätzen eines freien Mannes nicht vereinbar, in sein politisches Programm Unduldsamkeit und Haß legen eine ganze Klasse von Mitbürgern aufzunehmen und diese Mit» bürger mit Verleugnung der selbstgeschaffeneu Staatsgrundgesetze zu Bürgern zweiter Klasse herabzudrücken und unter Verleugnung der hochherzigen Ideen unseres großen Volkskaisers Joseph II. aus unserer Bolksgemeinschaft schlechtweg auszustoßen. Gerade die jüngsten Enthüllungen im alldeutschen Lager haben den Beweis geliefert, daß auch er christlichen Korruption gerade genug Anbot ist, so daß der Satz: Durch Reinheit zur Einheit" in dem Munde seiner eifrigsten Propheten ur grausamen Selbstverspottuug wird." Wir sind neugierig, ob die Partei diese Anschauungen auch im Parlament mit gleicher Entschiedenheit aussprechen wird. 4» Aus zuverlässiger Quelle erfahren Wiener Blätter, daß die nmänische Regierung den Beschluß gefaßt habe, sämmtliche m Rumänien lebende jüdische Journalisten und Redakteure, auch solche, welche in Rumänien geboren und erzogen worden und, auszuweisen. Diese drakonische Maßnahme soll eine Antwort der Bukarester Regierung auf die in der auswärtigen Tagespresse erschienenen Artikel und Berichte über die Drangsaürung der Juden in Rumänien sein. Die weise Regierung des Herrn Stourdza glaubt, dadurch die Lage der Juden in Rumänien der Kontrole der öffentlichen Meinung der civilinrten Staaten und Länder entziehen zu können. Von den einheimischen und nichtjüdischen Journalisten erwartet Herr Stourdza offenbar, daß sie sein Programm, die Judenvermchtung in Rumänien, nicht verrathen würden. Aber die Herren sind auf dem Holzwege, wenn sie hoffen, mit dieser Maßregel auch nur das Geringste zu erreichen. 4. Jahrzehnte lang hat man in England den Beschützeraller unterdrückten Nationen zu sehen geglaubt. Das ist nun anders geworden in dieser neuen Zeit. Gleichwohl rechnet man hier und da doch darauf, daß die englische Regierung etwas wie eine Intervention in Rumänien versuchen werde — und zwar aus Gründen, die in diesem Falle sehr nahe liegen. In der That erhalten wir nun darüber folgenden Bericht aus London: „Wie in Deutschland, so erregen auch in England die rumänischen Zustände das lebhafteste Interesse. Es erscheinen jetzt neuerdings nach englischer Art in fortlaufender Reihenfolge Flugblätter, die über die rumänischen Verhältnisse berichten, und die insbesondere die Gefahren schildern, die England aus einer Massenauswanderung mittelloser rumänischer jüdischer Handwerker infolge des Gewerbegesetzes erwachsen können. Die Presse hat sich des Themas bemächtigt und kritisirt rücksichtslos die rumänischen politischen und finanziellen Zustände, die nicht nur ein Unglück für das Land sind, sondern auch ganz Westeuropa in ihrer Rückwirkung bedrohen. Einige dieser Zeitnngsstimmen dürften Ihre Leser, interessiren. In einem Artikel der „Times" vom 4. Juni heißt es nach Aufzählung der langen Reihe von Gesetzen, die gegen die Juden bereits erlassen sind: „Diese lauge Reihe vexatorischer Maßregeln, die ihren Höhepunkt in dem Handwerkergesetz dieses Jahres erreicht haben, in einem Gesetz, das binnen kurzer Zeit 25 000 jüdische Handwerker jeder Möglichkeit, sich zu ernähren, berauben wird, muß, so ist zu fürchten, eine Masseuauswanderung verarmter rumänischer Juden herbeiführen, wenn nicht unmittelbar Schritte geschehen, die eine thatsächliche Besserung ihrer Lage verbürgen." Die „Morning Post" dringt auf eine Intervention der englischen Negierung, sie schreibt: „Der Appell an dieErnpfindung muß an die zweite Stelle rücken. Es ist recht und billig, den gesunden Egoismus der englischen Regierung vor allem darauf aufmerksam zu machen, daß wir uns der Gefahr einer starken Fremdeneinwanderuug gegenüber befinden, und daß diese Gefahr nicht durch neue Gesetze, die wir selbst erlassen, beschworen werden kann, sondern indem wir auf die Erfüllung der Bestimmungen, die im Berliner Vertrage niedergelegt sind, dringen. Wir wollen hoffen, daß die Negierung Schritte in dieser Richtung unternimmt, um eine Gefahr für uns daheim und einen Skandal auswärts zu beseitigen." Im selben Sinne schreibt der „Globe": „Die Folge" — nämlich des Handwerkergesetzes — „wird sein, wenn nicht Vorstellungen an Rumänien erhoben werden, daß unser Vaterland einen erneuten und größeren Einbruch verarmter jüdischer Ausländer in das Eastend von London zu erwarten haben wird." Schließlich sei noch die „Westminster Gazette" angeführt: „Läßt man auch alle moralischen Erwägungen bei Seite, so ist es doch klar, daß eine solche Einwanderung mit ökonomischen Nebeln sehr ernster Art verknüpft fein würde, und zwar für alle westlichen Länder Europas, und nicht zum welligsten für Großbritannien." Dieser Umschlag der Stimmung in England gegen Rumänien ist um so bemerkenswerther, als man bisher im Vereinigten Königreich aus politischen Rücksichten die Sympathien für das Königreich an der unteren Donau Pflegte. — Auch im englischen Unterhause ist vor Kurzem die rumänische In den frage zur Sprache gebracht worden. Die Anregung dazu gab der bekannte fremdenfeindliche Oberst Sir Howard Vineent. Selbstredend kümmerten den Judenhasser Vincent nicht die schweren Judenverfolgungen, welche unsere rumänischen Glaubensgenossen zwingen, dem ungastlichen Land zu entfliehen. Er fürchtete nur die Folgen dieser Massenauswanderung und war sehr besorgt darüber, daß die jetzt in Rumänien hochgehenden Emigrationsfluthen einige Dutzend rumänische Juden auch auf die englische Küste werfen könnten. Der Handelsminister Gerald Balfour beruhigte ihn aber darüber, indem er ausführte: Der englische Gesandte in Bukarest hat uns eine Abschrift des neuen rumänischen Handwerkergesetzes vom 18. (5.) März eingeschickt. Dasselbe scheint geeignet zu sein, die jüdischen Handwerker dieses Landes zu alteriren und die Emigration der Juden aus Rumänien zu steigern. Allein die Zahl der in diesem Jahre in England eingewanderten rumänischen Juden hat gegen das Vorjahr keine Steigerung erfahren. Im klebrigen beschäftigt sich gegenwärtig eine königliche Kommission mit der ganzen Einwanderungsfrage. Mr. Vincent machte noch die Regierung darauf aufmerksam, daß in den letzten wenigen Monaten 1000 Einwanderer an der Lalldung in Nordamerika verhindert wurden und frug an, was die englische Negierung zu thun gedenkte, um die Niederlassung dieser Zurückgewiesenen in England zu verhindern. Mr. Balfour: „Ich bin nicht in der Lage zu beurtheilen, ob die an-

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