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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-06-20 · Heft 25 (20.6.1902) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 25 (20.6.1902)
Date
1902-06-20
Page
Seite 290 (sequence 4)
Language
German
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290 bewirkt wird. Gleichzeitig wurde die finanzielle Unterstützung seitens der Berliner jüdischen Gemeinde in Aussicht gestellt. Sogleich nach dein Verbandstage wurden nun die erforderlichen Schritte im Zusammenwirken mit dem Vorstand der Berliner Gemeinde gethan. Am 8. April fand eine gemeinschaftliche Berathnng des Ausschusses mit dem als Vertreter der Jüdischen Gemeinde erschienenen Vorstandsmitgliedern Martin Simon und Syndikus Lilienthal statt, an der auch Amtsgerichtsrath Dr. Köhne als Vorsitzender des Kuratoriums der Repziner Anstalt sich betheiligte. Die beiderseitigen Wünsche fanden lebhaftes Entgegenkommen. Die Herren vom Berliner Vorstande stellten dem D.-J. G.-B. in Aussicht, zur Errichtung einer Fürsorgeanstalt in den zu miethenden Räumen im Magdalenenstift in Plötzensee bei Berlin, gemäß einem vorgelegten Anschlag, zu den einmaligen Einrichtungskosten 2500 Mark und je 4000 Mark zu Unterhaltungskosten auf zwei Jahre zu bewilligen. Von etwaigen nothwendig werdenden Mehrausgaben sei dem Vorstande rechtzeitig Mittheilung zn machen. Außerdem behalte sich der Vorstand das Recht vor, eine beliebige Anzahl von Herren ins Kuratorium zu delegiren. Das Anerbieten fand einstimmig Annahme, sowohl im Ausschuß als auch in dem Fürsorgekuratorium. Während der Vorstand der Berliner Gemeinde das Eigenthumsrecht au dem von ihm beschafften Inventar vorbehält, erklärt er sich damit einverstanden, daß in die Anstalt auch aus anderen Gemeinden stammende weibliche israelitische Fürsorgezögliuge ausgenommen werden. Die Kosten, welche diese an Miethe. baulichen Veränderungen, Inventar. Unterhalt, Leitung und Ueberwachung sowie Unterricht verursachen, hat der D.-J. G.-B. zu tragen. Als seine Delegirten für das Kuratorium der Fürsorgeanstalt für minderjährige israelitische Mädchen in Plötzensee hat nun der Berliner Vorstand die folgenden Herren benannt: Landgerichtsrath Carl Pleßner, Professor Dr. G. Behrendt, Baumeister Max Alterthum und Bildhauer Eugen Caspari. Von der Wirksamkeit dieser Herren darf man sich eine werthvolle Unterstützung des Vorhabens versprechen. Von Seiten des D.-J. G.-B. hat das Ausschußmitglied Oberlehrer Dr. Schaefer in anerkennenswerther Weise die mühevolle und schwierige Ausgabe der Einrichtung und Leitung der Anstalt übernommen und hat sie mit der durch den nahen Eröffnungstermin gebotenen Eile und Energie begonnen und gefördert. Die Leitung der provisorischen Anstalt hat Fräulein Mathilde Katz, Schwester und langjährige Helferin des bekannten Dirigenten des Waisenhauses in Rybnik, übernommen. Die Eröffnung der Anstalt fand am 2. Jnni d. I. statt. Wie uns mitgetheilt wird, erklärt sich der Gemeindebund bereit, in die provisorische Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen, auch Zöglinge aus solchen jüdischen Gemeinden Deutschlands aufzunehmen, die entweder in Uebereinstimmung mit dem Beschlüsse des IX. Gemeindetages ihren Beitrag für den Bund auf annähernd 1 Prozent ihres Steuereinkommens erhöht haben, oder die sich verpflichten, für die der provisorischen Anstalt zu überweisenden Zöglinge den Theil der Kosten zu tragen, der nicht durch die von den Provinzialbehörden zu entrichtenden Pflege- und Ausstattungsgelder gedeckt wird. So anerkennenswerth dies ist, so dringend ist es aber doch zu wünschen, daß das provisorisch unternommene Werk durch die Mithilfe der Gemeinden und durch Beiträge edlerWohlthäter bald in eine allgemeine und festfundirte Institution umgewandelt werden könnte. Me Woche. Berlin, 18. Juni. (Zj^^er Reichstag ist in die Ferien gegangen, und die Blätter aller Parteien beschäftigen sich damit, die Bilanz der Session zu ziehen. Der Toleranzantrag kommt dabei fast überall sehr gut weg. Nur will Niemand so recht an die Aussichten dieses Antrages glauben. Im Uebrigen dürften als Nachtrag zu der Berathnng des Antrags noch zwei Bemerkungen von aktuellem Interesse sein. Zunächst die folgende Erklärung des Abgeordneten Bachem der ja in dieser Sache der Wortführer des Centrurns war: „Im Verlauf der Verhandlungen haben wir gezeigt, daß wir gesonnen sind, den Mitgliedern anderer Konfessionsgemeinden ehrlich dasselbe an staatsbürgerlichen Rechten zuzngestehen, was wir für uns selber in Anspruch nehmen, daß also der Paritäts- und Toleranz gedanke, den wir dem Antrag zu Grunde gelegt haben, nicht nur den Katholiken, sondern auch den Protestanten und den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften zu gute kommen soll. Man ist uns ja mit einem gewissen Vorurtheil begegnet, als wir diesen Antrag einbrachten, und, wie einer der geehrten Herren Vorredner auch ausgesprochen hat, ist man an die Beurtheilung unseres Antrags mit einem gewissen Mißtrauen herangetreten, »veil man gefürchtet hat. es fleckt etwas anderes dahinter, als »vas ausgesprochen war. Ich denke, daß dieses Mißtrauen inzwischen beseitigt ist. Wir sind fest überzeugt, daß »vir in Deutschland zu einem wirklich für alle Th eile ersprießlichen konfessionellen Verhältnisse nur kornmen können, »venu »vir die Rechte aller Religions- Parteien in gleicher Weise anerkenne»,, und ich denke, daß man, nachdem Sie gesehen haben, daß wir aus dem Boden dieses unseres Toleranzantrages diesen Grundsatz unsererseits ehrlich be thätigt haben, auch späterhin unseren Bestrebungen nicht mehr mit Mißtrauen, sondern mit ruhiger, objektiver Würdigung Entgegenkommen werden." Diese loyale Erklärung wird wohl auch alle Zweifel in unseren Kreisen beseitigen. Nicht ohne pikanten Beigeschmack war ferner die Auseinandersetzung des sozialdemokratischen Abgeordneten Kunert mit dem Agrarier Dr. Oertel, von dem der Erstere in seiner Rede sagte: „Er sah mit Schrecken, daß aus dem Anträge des Centrmns ein religionsloses Geschlecht erwachsen würde, und sprach von dieser schmerzlichen Konsequenz nicht einmal, sondern dreimal, und hob hervor, daß für ihn Sittlichkeit ohne religiöse Grundlage undenkbar sei. Meine Herren, so schmerzlich bewegt der Herr Kollege Oertel nun auch gewesen ist, so hat er doch sofort neben dem weinenden auch ein lachendes Auge gehabt; er hat hervorgehoben, daß wir Sozialdemokrater» den Religionsunterricht aus allen Schulen entfernen wollten, sogar ans den Rabbin at ss ch ulen: »vas »nächte der Herr Abgeordnete Singer dazu sagen? So spricht man auf der einen Seite mit sittlichem Pathos, und ans der anderen Seite braucht man Wendungen, die in der That ein Tingeltangelpublikum mit Entzücken erfüllen könnten." Am Wichtigsten erscheint die Frage nach der Stellung Sachsens zum Toleranzantrag. Und da theilen die meisten Blätter die Befürchtungen, die der Abgeordnete Stolle in seiner Rede ausgesprochen hat: „Ans dem Königreich Sachse»» sind derartige Aenßerungen noch nicht vernommen worden, und »vie die Verhältnisse dort liegen, »vird man wohl auch auf demselben Standpunkte verharren, den man früher uns gegenüber in der Zweite»» Kammer eingenommen hat. Man wird sagen: ja, »ver nicht der Staatskirche angehört, kann nicht die gleichen Rechte erlangen »vie Protestanten und Katholiken." Gegen den Grafen Pückler ist wegen seiner am 6. d. M. in Berlin gehaltenen Rede, in der er schwere Beleidigungen gegen die Juden in Glogan richtete, »vie der „Niederschlestsche

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