Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bereits im Vorjahre seine 50 jährige Thätigkeit als Rabbiner überhaupt feierte. — Professor Dr. Oser hier wurde zum ordentlichen Professor für innere Medizin an der Wiener Universität ernannt. — Moses Luzzatto, langjähriger Vizepräsident des Triest er Stadtrathes, wurde anläßlich seines Scheidens aus diesem Ehrenamte einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Triest gewählt. Das Ehrendiplom, das dem Gefeierten am 29. Mai überreicht wurde, weist auf seine dreißigjährige selbstlose Thätigkeit im Interesse der Stadt Triest hin und erwähnt des Umstandes, daß die Geschichte der Stadt und deren Errungenschaften während dieser dreißigjährigen Periode mit dem Namen Luzzatto eng verknüpft sind. Die Triester Blätter bringen aus diesem Anlässe Festartikel, welche die Verdienste des Mannes hervorheben. — In der galizischen Grenzstadt Oswiecim sollen am 4. d. M. grobe Exzesse begangen worden sein. Man spricht von der Mißhandlung von Juden und Plünderung ihrer Wohnungen. — Der Kaiser hat verliehen: der Gemeinderaths-Wittwe Fauni Brüll in Bielitz das goldene Verdienstkreuz mit der Krone, dem Kaufmann Berthold Steinhos in Wien den Titel eines kaiserlichen Nathes und dem Direktor der Bukowinaer Boden-Kreditanstalt Dr. Moritz Paschkis das Ritterkreuz des Franz-Josess-Ordens. — Regierungsrath Wilhelm Stern, der ehemalige Vorstand des reichsräthlichen Stenographen-Büreaus, ist in Klosterneuburg im 73. Lebensjahre gestorben. Regierungsrath Steril diente ehedem in der Armee und trat im Jahre 1867 in den Ruhestand. Der damalige Direktor des Stenographen-Büreaus acquirirte ihn für verschiedene manipulative Arbeiten der „Reichsraths-Korrespondenz", deren Redaktion er bis zu dem im Jahre 1876 erfolgten Tode Conns angehörte. Infolge Be? fürwortung des damaligen Kanzleidirektors Kupka wurde dann Haupt? mann Stern mit der Leitung des reichsräthlichen Stenographen^ Bureaus betraut. In der Folge wurde Sterns Stellung systemisirt, und er erhielt den Titel und Charakter eines Regieruugsrathes. Vor etwa fünf Jahren trat Regierungsrath Stern in den Ruhestand und zog sich nach Klosterneuburg zurück, wo er einen kleinen Besitz hatte. — Die hiesige antisemitische Partei hat durch die Versetzung des Hetz- Kaplans Pater Dietrich einen argen Verlust erlitten. Cooperator Dietrich war der Führer der Partei in der Leopoldstadt, er war es auch, der dem Lueger das Landtagsmandat für den zweiten Bezirk verschafft hat. Sein Abgang nach dem kleinen Orte Gutenstein trifft seine Genossen stark, allein diese Versetzung mag sicherlich mit den bekannten Hetzereien und den maßlosen Agitiren in Verbindung stehen, durch das sich dieser Kaplan besonders hervorthat, und das sich so gar nicht mit der Würde eines Geistlichen verträgt. Von Nah und Fern. ----- Der Kaiser ertheilte die Genehmigung zur Anlegung des ihnen verliehenen Offizierkreuzes des französischen Ordens der Ehrenlegion: dem Generaldirektor der Allg. Elektrizitätsgesellschaft in Berlin, Geheimen Baurath Rathen au, und des Ritterkreuzes desselben Ordens dem Kommerzienrath Emil Jacob hier. — Professor Wassermann. Dozent an der Universität, hat beim Institut für Infektionskrankheiten die Stelle eines Abtheilungsleiters erhalten. Er ist langjähriger Assistent Professor Kochs und hat an dem Ausbau der Lehre von den ansteckenden Krankheiten und der Jmmunitätslehre lebhaften Antheil genommen. — Der wissenschaftliche Hilfslehrer Dr. Benjamin wurde zum Oberlehrer am Lnisenstädtischen Gymnasium erwählt. — An Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Friedmann wurde zum Rabbiner und Prediger der vereinigten Schochare Hatob und Bne Brith-Gemeinden Herr Rabbiner Dr. Robert Wohlberg gewählt. — Am 2. d. M. ist hier der emeritirte Lehrer Jsaac Horwitz, früher in Tuchel und Schwetz a. W.. im 87. Lebensjahre gestorben. — Einer der Mitbegründer des Berliner Handwerkervereins, Emanuel Fernbach, ist am 6. d. M. im 71. Lebensjahre in Friedenau gestorben. Er war der Begründer und Organisator der vom Verein verwalteten Bibliothek und ist weiteren Kreisen als Dichter des Mohrschen Tonwerkes „Handwerkerleben" bekannt geworden. Die im Handwerkerverein zu den Stiftungsfesten zum Vortrag gebrachten Prologe sind stets sein Werk gewesen und fanden des demokratischen Geistes wegen großen Beifall. Seine letzte Arbeit für den Verein war ein Akrostichon zur Virchow-Feier. — Die Strafkammer zu Königsberg i. P. verhandelte am 3. d. M. in Sachen des Hofpredigers a. D. Stöcker gegen den Redakteur des dortigen Sozialistenblattes, Noske, der behauptet hatte, Stöcker habe zweimal in Angelegenheit des persönlich geladenen ehemaligen Berliner Sozialistenführers Ewald und im Prozeß Becker wissentlich einen falschen Eid geleistet. Auf Antrag des Vertreters von Stöcker erfolgte die Vertagung der Verhandlung aus zwei Monate. Es soll die Beweisaufnahme in dem bekannten Prozeß Stöcker gegen Becker wiederholt werden. Der Vertreter Stöckers will feststellen, daß das Urtheil, wodurch Stöcker des Meineids bezichtigt wird, aus irrtümlichen Feststellungen beruht. — Dr. jur. Otto Op et, von welchem die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" schon wiederholt Beiträge brachte, ist vor Kurzen! zum Amtsrichter in K ie l ernannt worden. Seit mehreren Jahren an der dortigen Universität habilitirt, liest Dr. Opet auch sehr stark besuchte Kollegien. — Oberkantor Schatz in Regensburg ist zum Kantor der jüdischen Gemeinde in Posen gewählt worden. — Die großherzogliche Strafkammer zu Gießen hat die Berufung des Redakteur Reuth er von der „Deutschen Volksmacht" gegen das Urtheil des Schöffengerichts, das bekanntlich wegen Beleidigung des Kaufmanns Berlin in Großenbusek auf einen Monat Gefängniß gegen ihn erkannt hatte, kostenfällig verworfen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft kennzeichnete in beinahe einstündiger Rede sehr treffend und eindringlich das Wesen des zum Klassenhaß aufreizenden Antisemitismus. - Laut einer von den Tagesblättern veröffentlichten Statistik sind an den bayerischen Universitäten 13 Glaubensgenossen als Lehrer thätig, und zwar in München 2 außerordentliche Professoren und 2 Privatdozenten in der juristischen, 1 ordentlicher, 2 außerordentlich' Professoren und 2 Privatdozenten in der philosophischen Fakultät, in Würzburg 1 Privatdozent in der juristischen, in Erlangen je 1 ordentlicher Professor in der medizinischen und in der philosophischen Fakultät. — Die Meldung, daß anläßlich der Konferenz der israelitischen Neligionslehrer Rheinhessens auch die Rabbiner Hessens über die Gründung einer Reliktenkasse beriethen, entspricht nicht den Thal suchen. — Die Meldung, daß das schweizerische Bundesgericht die Auslieferung des steckbrieflich verfolgten Grafen P ü ckler-Klein- Tschirne abgelehnt hat, ist unrichtig. Ein dahingehendes Begehren ist seitens der deutschen Behörden überhaupt nicht gestellt worden. — Oberrabbiner Sim o ns e n in Kopenhagen hat sein Entlassungsgesuch aus dem Amte, das er 23 Jahre laug bekleidet, eingereicht. - Der Bataillonschef im Geniekorps, Isidor A. Au sch er in Grenoble, ist zum Oberstleutnant, der Hauptmann im 59. Infanterie regiment M. Weinberg zum Major befördert worden. — Ein Herr D reyfus-Gonza l es, der Sohn des bekannten mit Waldeck-Rousseau befreundeten Bankiers Dreyfus, eine Familie, die Drumont in der „Libre Parole" wiederholt angegriffen hat, begegnete demselben auf dem Boulevard und ohrfeigte ihn. Drumont suchte den Angriff mit dem Stocke abzuwenden und fiel hierbei zu Boden. Es fand dann ein Kartenaustausch statt. - Der seit zehn Tagen verschwundene Wiener Maler David Mose, den man abgereist wähnte, wurde todt in seinen! Atelier in Nom aufgefunden. Der Künstler hatte sich erschossen, und sein Leichnam ist bereits stark in Verwesung übergegangen. Mose's großes Gemälde „Begrabene Hoffnungen" wurde von der modernen Kunstgalerie in Venedig angekauft. Mose war 32 Jahre alt; er litt an Verfolgungs wahn, indeni er sich für ein Opfer der Antisemiten hielt. So berichten die Zeitungen. Ob er es nicht thatsächlich gewesen, ist eine andere Frage.— Rev. Dr. Hermann Gollancz von der Bayswater-Syna goge in London ist als Nachfolger Dr. Schechters zum Professor für Hebräisch an der Universität ernannt worden.—In London starb unlängst ein wohlhabender Schneidermeister. In seinem Testamente setzte er dein Hamburger israelitischen Krankenhause ein Legat von 100 Pfund Sterling aus, und zwar aus Dankbarkeit, weil er im Jahre 1845 als armer zugereister Schneidergeselle, halb erfroren und krank, freie und liebevolle Aufnahme im israelitischen Krankenhause in Hamburg gefunden, von wo aus ec geheilt und gestärkt entlassen worden war. In London wurde er vom Glücke sehr begünstigt, er erwarb sich ein bedeutendes Vermögen. Ans seinem Sterbelager erinnerte er sich der in Hamburg erhaltenen Wohlthat und setzte dem israelitischen Krankenhause obiges Legat aus. — Der berühmte französische Archäolog Theodore Nein ach hat von der Universität zu Dublin den Ehrentitel eines voetor ok ^sttres erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.